Wieder festen Grund spüren

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Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute die evangelische Pfarrerin Antje Blesenkemper

Liebe Leserin, lieber Leser,

im Autoradio läuft ein Lied: „Muss nur noch kurz die Welt retten“ von Tim Bendzko. Ich bin mal wieder unterwegs. Dieser Tag ist wie so oft vollgepackt mit Terminen. Und Einkaufen darf ich auch nicht vergessen. Ich fange an zu schmunzeln: „Muss nur noch kurz die Welt retten, danach komm’ ich zu dir. Noch 148 Mails checken. . . und gleich danach bin ich wieder bei dir.“ Das passt, denke ich, zu meinem Tag und zu vielen schon in diesem Jahr. Dabei hat dieses Jahr doch gerade erst begonnen!

Was hatte ich mir nicht alles vorgenommen. Ich wollte Vieles ruhiger angehen, mich nicht mehr so hetzen lassen, Dinge bewusster tun. Ein neues Jahr! Aber ich merke: Ich bin noch ganz die Alte. Wie oft schiebe ich mal eben noch etwas dazwischen: Das kriege ich heute auch noch hin, denke ich dann. Ist ja sinnvoll und wichtig und überhaupt. . . Auf einer Anhöhe fahre ich rechts ran. Ich schalte den Motor ab, die Stille tut mir gut. Nur einen Moment, denke ich, einen Moment zum Durchatmen. Ich schließe die Augen und atme tief ein – und dann langsam aus. . . als ich meine Augen wieder öffne, blicke ich in die Weite. Wie sehr genieße ich diesen Augenblick.

Ein Vers aus der Bibel fällt mir ein: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, heißt es in Psalm 31. Ich mag diesen Satz. Vor allem mag ich das Gefühl, das aus diesen Worten spricht: Das Gefühl von Freiheit und Weite, von ungeahnten Möglichkeiten und von Neugier auf all das, was noch kommt. Vielleicht hält dieses Jahr die eine oder andere Überraschung bereit. Vielleicht mache ich wertvolle Erfahrungen und habe interessante Begegnungen. 2022 – irgendwie freue ich mich auch ein bisschen auf dieses Jahr.

Und dann spüre ich da auch diesen Widerspruch: Ein neues Jahr und das Wort des Psalmbeters: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“ auf der einen Seite. Und auf der anderen Seite diese nicht enden wollende Pandemie: Wieder heißt es, wir sollen möglichst zu Hause bleiben. Wieder ist es wichtig, dass wir möglichst wenig Kontakt zu anderen Menschen haben. Immer noch braucht es den Abstand und das Masketragen.

Die Räume werden wieder enger in dieser neuen Welle. Und ich merke, wie sehr ich gerade jetzt die Weite brauche, den Stopp auf der Anhöhe, der mir eine neue Perspektive vermittelt, und den Moment zum Durchatmen. Ich brauche den festen Grund unter den Füßen und die Weite des Himmels, die doch auch der Psalmbeter gespürt hat: „Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“

Gott geht mit, was auch immer noch kommt

Das klingt danach, dass er die Erfahrung von unsicheren Schritten und fehlender Perspektive kennt. Aber dann hat er die Erfahrung gemacht, dass er wieder festen Grund unter den Füßen spürt und sich sein Herz weitet, dass er alles in einem neuen Licht sehen und neuen Mut fassen kann. „Du stellst meine Füße auf weiten Raum“, sagt er, weil er weiß, dass Gott sich ihm zugewendet, ihn gesehen und gestärkt hat. Und er sagt es auch im Vertrauen darauf, dass Gott mitgeht, was auch immer noch kommt. Als ich weiterfahre, denke ich, wie gut, dass ich rechts rangefahren bin. Dieser Blick wäre mir bei all den roten Ampeln und der Konzentration auf das, was ich heute noch so zu tun habe, glatt durchgegangen.

Ob Gott mir auch auf andere Weise wieder neuen Mut geschenkt hätte? Das traue ich ihm durchaus zu. Nur noch kurz die Welt retten? Wieder muss ich schmunzeln, Gott sei Dank brauche ich das doch gar nicht. Und wenn mir die Kraft für meinen Alltag fehlt, dann bete ich dafür, dass Gott mir die Kraft schenkt, die ich für heute brauche – und morgen bitte ich ihn wieder neu.

Dass Sie so immer wieder neu Kraft tanken können, das wünsche ich Ihnen für das Jahr 2022. Und die Weite des Himmels natürlich auch!

Ihre Pfarrerin Antje Blesenkemper

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