Hintergrund

Wie Solingen Antisemitismus begegnet

Simone Sassin leitet an der Alexander-Coppel-Gesamtschule eine Arbeitsgemeinschaft, die sich um den Jüdischen Friedhof an der Estherstraße kümmert. Michael Sandmöller war ihr Vorgänger. Foto: Moritz Alex
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Simone Sassin leitet an der Alexander-Coppel-Gesamtschule eine Arbeitsgemeinschaft, die sich um den Jüdischen Friedhof an der Estherstraße kümmert. Michael Sandmöller war ihr Vorgänger.

Lehrerin Simone Sassin sieht in Bildung eine Chance zur Bekämpfung judenfeindlicher Tendenzen.

Solingen. Fast zwei Wochen sind ins Land gezogen, seitdem unbekannte Täter mitten auf dem Solinger Rathausplatz vor dem Hintergrund des wieder aufflammenden Nahost-Konflikts eine israelische Flagge verbrannt haben. Diese hatte die Stadt am 12. Mai dort gehisst, um an die Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Deutschland und Israel am 12. Mai 1965 zu erinnern. Im Nachgang zu dem Vorfall hatte die Verwaltung gemeinsam mit der Jüdischen Kultusgemeinde und anderen Organisationen kurz darauf zu einer Kundgebung geladen, um klar gegen Antisemitismus Position zu beziehen.

Verstärkte Polizeipräsenz an der Wuppertaler Synagoge

„Als Zeichen fand ich es das gut. Es gibt auch andere Kommunen, die Angst haben, sich klar gegen Antisemitismus zu äußern und die befürchten, dass so etwas als Provokation verstanden werden könnte“, sagt Leonid Goldberg, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde in Wuppertal, der auch Solinger Juden angehören. Das Problem antisemitischer Tendenzen in der Gesellschaft sei auch im Bergischen weiterhin allgegenwärtig und werde teilweise kleingeredet und verleugnet. Im Zuge der Ereignisse – in vielen Städten hatte es pro-palästinensische Demonstrationen gegeben – werde die Synagoge in Wuppertal nun rund um die Uhr von der Polizei überwacht. Die Gemeinde selbst beschäftige dort ohnehin seit langem einen privaten Sicherheitsdienst, so Goldberg. „Die Leute haben Angst. Beim Schawuot, unserem jüdischen Wochenfest, waren viel weniger Menschen in der Synagoge als sonst und niemand traut sich, öffentlich die Kippa zu tragen.“

Auch Kinder und Jugendliche kehrten ihre jüdische Identität bewusst nicht nach außen, kritisiert Goldberg. „Auf deutschen Schulhöfen ist ,Jude‘ ein gebräuchliches Schimpfwort.“

Insbesondere in der muslimischen und speziell türkischstämmigen Community nimmt Leonid Goldberg antisemitische Strömungen wahr, die aus seiner Sicht auch vom türkischen Staatschef Recep Tayyip Erdogan befeuert würden. „Dieses Gedankengut wird teilweise in den Moscheen gepredigt.“ Zwar könne man das Problem keineswegs für alle muslimischen Mitbürger verallgemeinern, doch geschehe es gleichzeitig viel zu selten, dass diese sich bewusst von Antisemitismus distanzierten, so Goldberg weiter. „Sicherlich können die Menschen individuell nichts dafür. Das Problem ist, dass sie diese Weltanschauung mit der Muttermilch aufnehmen. Es gibt zu wenig aufgeklärten Islam in Deutschland.“ Eine Tageblatt-Anfrage zu diesem Thema beantwortete die Solinger Ditib-Gemeinde nicht.

Bernd Krebs, Vorsitzender des Vereins Freundeskreis Ness Ziona, warnt ebenfalls davor, aufkeimenden Antisemitismus herunterzuspielen: „Ich erinnere mich daran, dass uns in der Vergangenheit bei dem Fest ,Leben braucht Vielfalt‘ Jugendliche schon mal eine israelische Flagge abgerissen haben und damit abgehauen sind. Damals hat man das vielleicht noch als Böse-Buben-Streich abgetan. Heute erscheinen solche Vorfälle in einem anderen Licht.“ Auch appelliere er an die Muslime in Solingen, „ein aufrichtiges Zeichen gegen Antisemitismus zu setzen“. Dies habe auch die Solinger Ditib-Gemeinde bislang vermissen lassen.

Um antisemitischen Einstellungen bei Kindern und Jugendlichen schon früh vorzubeugen, betreut Simone Sassin, Lehrerin an der Alexander-Coppel-Gesamtschule, eine Arbeitsgemeinschaft, die zum einen den Jüdischen Friedhof an der Estherstraße pflegt und sich zum anderen speziell mit der Geschichte der Solinger Juden auseinandersetzt. Zwar habe die Pandemie die Aktivitäten der AG stark ausgebremst, doch solle die Arbeit demnächst wieder intensiviert werden, kündigt Sassin an. „Die Angehörigen der Solinger Juden sind heute in alle Welt verstreut – sie leben teilweise in Amerika, Schweden und Portugal, manche aber auch in Israel. Mit einigen stehen wir in Kontakt.“ Ohne den Holocaust und die NS-Zeit, ist Simone Sassin überzeugt, würden viele dieser Familien und deren nachfolgende Generationen heute noch in Solingen leben. „Ich habe zwar selten erlebt, dass einer unserer Schüler ,Jude‘ als Schimpfwort benutzt hat, aber es kam schon vor“, erinnert sich die Pädagogin. Auch einer der Grabsteine auf dem Friedhof sei in der jüngeren Vergangenheit schon mal mit Nazi-Symbolen beschmiert worden. Um so wichtiger sei es, Antisemitismus schon früh mit den Mitteln der Bildung zu bekämpfen.

Jüdischer Friedhof

Rund 180 Gräber befinden sich auf dem Jüdischen Friedhof in der Stadtmitte, der erstmals 1718 urkundlich erwähnt wurde. Der älteste Grabstein stammt aus dem Jahr 1820. In der berüchtigten Reichspogromnacht 1938 wurde der Friedhof geschändet und die Grabkapelle zerstört. Weitere Infos:

https://t1p.de/daup

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