Andacht im ST

Wie kann es für uns weitergehen?

Viele Solinger haben in den vergangenen Tagen einfach angepackt, wo Hilfe nötig war. Ein großartiges Bild von Mitmenschlichkeit, findet Petra Schelkes, Pastorin der Evangelischen Kirchengemeinde St. Reinoldi Rupelrath in Aufderhöhe. Fotos: Michael Schütz/Petra Schelkes
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Viele Solinger haben in den vergangenen Tagen einfach angepackt, wo Hilfe nötig war. Ein großartiges Bild von Mitmenschlichkeit, findet Petra Schelkes, Pastorin der Evangelischen Kirchengemeinde St. Reinoldi Rupelrath in Aufderhöhe.

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute Petra Schelkes, Pastorin der Kirchengemeinde St. Reinoldi Rupelrath

Liebe Leserin, lieber Leser,

eine Woche liegt hinter uns, die wir nicht vergessen werden. So viel Leid und Verlust in unserem Land und unserer Stadt. Menschen, die ihr Leben verloren haben, ihre Angehörigen, ihren ganzen Besitz. Wie kann es jetzt weitergehen mit der Last auf der Seele und der Angst im Herzen?

So wichtig die Angst ist als Schutz vor Risiken und Gefahren und uns hoffentlich lehrt, Konsequenzen zu ziehen aus dem von uns verursachten Klimawandel, so sehr lähmt sie uns, wenn sie Raum gewinnt in unserem Leben. Jesus selbst sagt ganz klar: „In der Welt – in diesem Leben – habt ihr Angst!“ Er selbst hat genauso Angst gehabt wie wir in der Nacht, in der er verhaftet und schließlich getötet wurde. Damit steht Jesus, steht Gott selbst an unserer Seite in dem, was uns Angst macht. Er ist nicht weit weg von dieser Welt, sondern mittendrin in unserer Welt und in unserer Angst.

„Der Glaube hat nach wie vor ein Befreiungspotenzial.“

Einer der stärksten biblischen Berichte zum Thema „Angst“ handelt von einer Nacht auf dem See Genezareth: Die Freunde Jesu geraten in einem Boot durch einen Sturm in eine lebensbedrohende Situation. Wo ist Gott, wo ist Jesus in dieser Situation? Tatsächlich ist er nah, aber sie erkennen es nicht. Auf dem Wasser kommt er ihnen entgegen.

Für sie war das ein ebenso ungewohnter Anblick, wie es das für uns wäre. Jesus steht außerhalb der physikalischen Dimensionen, ist eben nicht nur Mensch und Freund. Vor Angst schreien die Freunde auf. Da hören sie die vertraute Stimme aus der Dunkelheit: „Habt Vertrauen! Ich bin es! Habt keine Angst!“ An der Situation hat sich nichts geändert, ihr Leben ist immer noch in Gefahr. Und doch dringt diese Stimme durch alle Angst und Schrecken in ihr Herz hinein: „Ich bin es! Habt keine Angst!“ Und sie wagen es, ihm zu vertrauen in ihrer Angst.

In den Nachrichten sah ich eine Frau aus einem der Flutgebiete, die mit ihrer Familie auf ihrem Hausdach über zwölf Stunden ausgeharrt hatte, bis sie aus der Luft gerettet wurden. Sie berichtete mit Tränen in den Augen, wie sie gebetet hatte in dieser Nacht. Sie hatte gewagt zu vertrauen in ihrer Angst. Petrus, ein Freund Jesu, bittet sogar darum, auf dem Wasser zu Jesus gehen zu können. Und geht im Vertrauen die ersten Schritte, bis die Angst wieder siegt und ihn runterzieht ins Wasser.

Ihm geht es wie uns: Die Angst, die Frage „Was soll werden?“ nimmt überhand über sein Vertrauen. Und doch hält Jesus ihn fest und gemeinsam steigen sie in das Boot. Jetzt erst legen sich Wind und Wellen. Kann das, was die Bibel über existenzielle Angst und Vertrauen sagt, für uns heute noch von Relevanz sein? Ich glaube ja, denn der Glaube hat nach wie vor ein Befreiungspotenzial, eine Kraft, die von Gott kommt. Eine Kraft, die uns verändert: unsere Haltung und Einstellung.

Petrus richtet sich auf und wagt den Schritt aus seiner Angst heraus aufs Wasser. Es ist ein „Trotzdem-Vertrauen“: trotz der Wellen und des Windes, trotz allem um mich herum, was mich zweifeln lässt. Die Bibel blendet nicht aus, was uns Angst macht im Blick auf die Zukunft. Aber sie macht uns Mut zum Vertrauen auf Gott, der uns mit dem Tod und der Auferstehung Jesu eine Hoffnung gegeben hat, dass Leid und Angst nicht bestehen werden gegen die Lebenskraft, die Christus in unser Leben bringt. Eine Kraft, die uns trägt in der Angst. Die uns davor bewahrt, in lähmender Angst zu versinken.

Wir brauchen die Kraft dieses widerständigen Vertrauens, für unser eigenes privates Leben. Und für unser gemeinsames Leben in Solingen. Viele von uns haben in der letzten Woche zusammengestanden, einfach angepackt, wo Hilfe nötig war. Ein großartiges Bild von Mitmenschlichkeit. Angst lähmt. Mit Zusammenhalt und Vertrauen aber wird Zukunft möglich. Ihre Petra Schelkes

 Petra Schelkes, Pastorin der Kirchengemeinde St. Reinoldi Rupelrath

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