Debatte um Impfpflicht

Wie die Corona-Impfung die Gesellschaft spaltet

Professor Andreas Zick beobachtet Konflikte in unserer Gesellschaft. Das Thema der Impfpflicht birgt viele Konfliktpotenziale.
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Professor Andreas Zick beobachtet Konflikte in unserer Gesellschaft. Das Thema der Impfpflicht birgt viele Konfliktpotenziale.

Die Diskussion über eine mögliche Impfpflicht spaltet derzeit die Gesellschaft. Der Konfliktforscher Andreas Zick ordnet im Interview ein, woher das kommt, welche Gefahren die Situation birgt und wo eine Lösung liegen könnte.

Von Kristina Staab

Das Konfliktpotenzial in der Gesellschaft nimmt bezüglich einer Covid-Impfung immer mehr zu. Wie ist es dazu gekommen?

Wir beobachten seit dem Frühjahr 2020 eine Radikalisierung der Impfkritiker und der Impfgegner; viele davon mit einer unumstößlichen Haltung gegen Impfungen wie eine Forsa-Umfrage im Herbst dieses Jahres unter Ungeimpften zeigt

.Es gab vor der Pandemie schon Gruppen von Impfgegnern. Es gab rechtspopulistische wie rechtsextreme Gruppen wie orientierte Menschen, die grundsätzlich Politik, Forschung und Medien unter den Generalverdacht gestellt haben, sie zu betrügen. Diese Gruppen haben die Pandemie sofort aufgegriffen und Querverbindungen hergestellt, sich in den sozialen Medien inszeniert wie verbunden.

Warum war die Pandemie ein dankbares Thema, um sich darauf zu setzen?

Mit der Pandemie konnten sie andere an sich binden und gemeinsam findet seit 2020 eine Radikalisierung statt. Radikalisierung meint, dass die Abwehrhaltung gegen die Impfung zu einem ideologischen Programm wird und die Aktionen gegen die Coronaregeln und Präventionsvorschläge aus Politik, Wissenschaft wie Medien aggressiver wie auch polarisierter werden.

Einige der Gegner haben sich mit Beginn der Pandemie organisiert, die Pandemie ideologisch mit Feindbildern gegen Politik, antisemitischen und anderen menschenfeindlichen Feindbildern und vor allem der Idee, eine Widerstandsbewegung zu sein, die die Wahrheit kennt und sich großartig findet.

Wie hoch ist das Konfliktpotenzial, das aufgrund einer Impfpflicht losbrechen könnte? Was könnte geschehen?

Die organisierten Impfgegner werden mit Blick auf die angekündigte und hoch wahrscheinliche Impflicht Widerstandshandlungen zeigen und dafür brauchen Politik und Gesellschaft ein gutes Präventionsprogramm, es sei denn wir verlassen uns allein auf Ordnungsämter und Polizei. Das ist ein neues Konfliktfeld. Wir sehen ja jetzt schon nach Einführung der neuen Regeln alltägliche aggressive Angriffe auf Ordnungskräfte, Ärzte und andere.

Zweitens haben sich Konflikt entwickelt, weil die Lösungsvorschläge sich oft ändern und mit einfachen Mitteln Sicherheit versprechen, die nicht gegeben ist. Das begann mit der Identifikation von Risikogruppen, Lockdowns, die dann aber nicht halfen, dem nicht ernst nehmen von Modellen der Wissenschaft, bis zu einer Diskussion über Ungeimpfte, eine Gruppe, die wir nicht genau bestimmt haben. Es gab keine gesamtgesellschaftliche Strategie, die die Pandemie als gemeinsame Herausforderung begreift. An vielen Orten setzt sich Egozentrismus und die Idee durch, dass jede und jeder für sich gucken muss, wie sie oder er durch die Pandemie kommt. Auch das wird ein Klima prägen, das uns noch länger beschäftigen wird.

Welche Auswirkung hat ein Verhalten der prinzipiellen Impfverweigerung für unsere Gesellschaft?

Die Verweigerung einer Minderheit treibt die Gesellschaft zu einem äußeren Mittel, eben der Einführung einer Impfpflicht, die wie eine Rettung erscheint, aber vielmehr als ein Baustein empfunden werden sollte, weil sie nicht reichen wird.

Damit hat die Verweigerung selbst das demokratische Grundprinzip des Schutzes von Minderheiten in Misskredit gebracht. Das ist eine neue Erfahrung und birgt gesellschaftliches Konfliktpotenzial, denn es wurde lange übersehen, wie viel weniger kompromissbereit viele Menschen sind.

Warum kommt die Impfpflicht erst jetzt auf den Tisch - und wurde nicht schon viel früher besprochen?

Wir haben über viele Monate zurecht nicht über Impfpflicht als einfache Lösung verhandelt, weil es nur ein Baustein in der Pandemiebekämpfung ist und weil die Demokratie den Minderheitenschutz sehr hochhält. Nun merkt die Gesellschaft, dass es in weiten Teilen eine Minderheit ist, die zentrale Werte von Solidarität und Hilfe zurückweist. Zudem merken wir an den Gegnern wie populistisch wie auch feindselig die Gesellschaft ist. Der Verschwörungsglaube, die unzähligen Fehlinformationen, das Misstrauen in Politik sind in der Welt.

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Welcher Gruppe oder welchen Überzeugungen gehören Menschen an, die für eine Covid-19-Impfung nicht erreichbar sind?

Nach Studien sind das Gruppen, für die die Impfgegnerschaft, die Kritik an allen politischen Maßnahmen wie das Teilen von Fehlinformationen ein wichtiges Bindeglied wie auch eine zentrale Grundlage ihrer Identität und Zugehörigkeit ist. Sie sind der Klebstoff für ein „Wir“ und bildet Gruppen, die sich im Laufe der Pandemie immer weiter abgeschottet haben und eigene Informationswelten aufgebaut haben.

Da haben sich neue Gruppen gebildet wie Querdenken oder politische Gruppierungen wie die Basis. Dazu gehören aber auch fundamentalistische und dogmatische Gruppen, die ihren Widerstand gegen das Impfen religiös, ideologisch oder auf der Grundlage von esoterischen, extremistischen oder ultraradikalen Überzeugungen begründen.

Vor der Pandemie zeigen Studien fünf bis sechs Prozent ultraradikale Verweigerer, in der Pandemie haben wir bei Protesten zig Tausende gesehen. Mit der nahenden Impfpflicht werden einige radikale Impfgegner den Druck auf die Anhänger erhöhen und sich über Widerstandsaktionen austauschen. Wir haben ja schon Angriffe auf Impfzentren, Ordnungskräfte und Ärzte gesehen.

Wie sind diese Gruppen einzuschätzen?

Auf den Protesten, in der Auseinandersetzung mit Ordnungskräften und Polizei haben sie sich schon als höchst aggressiv gezeigt. In den sozialen Medien kursieren Untergangsbilder und einige aus den Protesten haben sich schon isoliert und vom Rest der Gesellschaft distanziert.

Wir kennen den Fall Attila Hildmann wie auch andere Personen und Gruppen, die sich in einen von ihnen selbst erklärten Untergrund bewegt haben. Es bilden sich in radikalen Milieus Zellen, zumal dann, wenn der Druck zunimmt und sie merken, dass sie in der Szene nicht hinreichend beachtet werden. Ich gehe davon aus, dass sich in der Pandemie auch neue sektiererische Gruppen bilden, die die Pandemie überleben und sich dann später auf neue Konfliktfelder, wie die Maßnahmen zum Bremsen des Klimawandels, hin orientieren.

Und dann gibt es noch die nicht-radikalen Impfskeptiker.

Es gibt am Rande auch zweifelnde Bürgerinnen und Bürger, die sich nicht impfen lassen, aus welcher Angst vor den Folgen auch immer, aber eher jenen glaubt, die ihre Ängste als berechtigt beurteilen. Die Verschwörungsglauben radikaler Gruppen landen im Alltag in einzelnen Aspekten und ziehen die Aufmerksamkeit auf sich.

Einige Ungeimpfte haben sich dann unter dem steigenden öffentlichen Druck, aus Debatten zurückgezogen und sich eher mit den kursierenden Fehlinformationen über die Impffolgen beschäftigt. Wir wissen aber insgesamt zu wenig, um Prozentsätze für die einzelnen Gruppen festzulegen.

Was sehen wir jenseits der organisierten Gruppen?

Dass Konflikte um die Frage, was angemessen und richtig ist, quer durch die Politik, quer durch die Gesellschaft gehen und es an vielen Orten heftige Debatten wie auch alltägliche aggressive Auseinandersetzungen gibt.

Das merken alle Gruppen, die die Corona-Regeln durchsetzen müssen in Krankenhäusern, in Bahnen, im Läden und auf Märkten, in der Schule. Der Ton ist aggressiver geworden. Dass sich die Lagen wie auch Corona-Maßnahmen und -regulierungen dabei ständig ändern, lässt die Konflikte schwelen.

Zudem treffen sie auch auf eine nicht oft kritische politische Kommunikation, die wechselnde Botschaften hat, verunsichernd ist und oft nicht verstanden wird. Die Digitalisierung der Gesellschaft heißt noch lange nicht, dass ihre Kommunikation gut klappt, und sie nicht radikale Gruppen zu nutzen wissen.

Welche Probleme entstehen hieraus?

Was uns sorgen sollte, sind Einbrüche in der Mitte im Vertrauen auf Politik, wie auch wissenschaftsfeindliche Haltungen. Die Proteste in den Niederlanden und Belgien wie auch viele Proteste hier im Land sind von Gruppen inszeniert, die massive Fehlinformationen zur Pandemie konsumieren.

Zudem könnte es die Gesellschaft sorgen, dass sie in Deutschland den Pandemieschutz nicht hinbekommt. Wir können nicht mehr an Solidarität und Zusammenhalt appellieren, wie wir uns das vorgestellt haben. Das Modell einer hilfreichen Zivilgesellschaft rückt in die Ferne und das ist meines Erachtens ein weiteres Konfliktpotenzial.

Wenn Sie die Vor- und Nachteile einer Impfpflicht gegenüberstellen, welche Seite überwiegt für Sie?

Aus Sicht der Prävention der Pandemie und mit Blick auf die Überlastung des Gesundheitssystems ist die Antwort einfach: Es überwiegen Vorteile. Wie wir Vor- und Nachteile abwägen, entscheidet immer mehr die Pandemie mit neuen Virusvarianten, die die Gefahrenlage bestimmt.

Weniger einfach ist das mit Blick auf die Frage der gesellschaftlichen Wirkungen. Die Impfpflicht kann ein Vorteil sein, weil schon die Androhung und die Einführung von 2G und 3G-Regeln Menschen bewegt hat, sich impfen zu lassen. Es kann ein Vorteil sein, um endlich Menschen, die sich bislang weigern, eine Möglichkeit zu geben, ein Argument für das Impfen - „ich kann ja nicht anders“ - zu geben, auch wenn es ihnen missfällt. Sie kann sogar Menschen wieder an die Mehrheit binden.

Der Nachteil der Diskussion zur Impfpflicht ist aber auch, dass sie Sicherheit suggeriert und andere Maßnahmen, wie sie die Nationale Akademie der Wissenschaft Leopoldina empfiehlt, in den Hintergrund rückt. Was fehlt, ist, selbst wenn wir die Vorteile höher einschätzen und sie bekommen, ein Plan zur Umsetzung.

Gefährdet eine Impfpflicht unsere Demokratie?

Es ist für Demokratien nicht ungefährlich allein auf Durchsetzung, Kontrolle und Verfolgung von Pflichtverletzung zu setzen. Das befördert autoritäre Orientierungen. Wir alle können jetzt in diesem Moment auch ohne Impflicht mehr tun. Wir können die Pflicht als moralisches Dilemma verstehen. Sie kann nötig sein, aber wir wissen zugleich, dass es Argumente gegen sie gibt und anderes zu tun ist.

Was ist jetzt zu tun?

Es wäre gut, über neue Wege einer bessere politische und gesellschaftliche Kommunikation zu sprechen und nicht allein drauf zu bauen, dass Impfen Konflikte löst. Es wäre gut, in Zukunft Menschen zu befähigen, das Dilemma selbst zu lösen und Argumente, dass es für die Gesundheit der anderen wichtig ist, sich sorgsam zu verhalten, zu verstehen.

Zur Person

Andreas Zick ist Professor für Erziehungswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialisation und Konfliktforschung und lehrt und forscht seit 2008 an der Uni Bielefeld zu Fragen und Themen der Konflikt- und Vorurteilsforschung, Radikalisierung und Integration. Er ist zudem Direktor des Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung (IKG).

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