Andacht im ST

Wenn einer kein Ziel hat, hilft kein Plan

Dr. Ilka Werner ist Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Solingen. Archivfotos: cb/up
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Dr. Ilka Werner ist Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Solingen. Archivfotos: cb/up

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute Superintendentin Dr. Ilka Werner

Liebe Solingerinnen und Solinger,

„der Mensch denkt und Gott lenkt, der Mensch dachte: Gott lachte“ – so lautet ein augenzwinkernder Spruch, mit dem ich manchmal Pläne kommentiere, die schiefgegangen sind. Jedenfalls in normalen Zeiten. In diesem Jahr gehen so viele Pläne schief, dass mir das Augenzwinkern vergangen ist. Stattdessen stelle ich mir zunehmend eine Frage: Warum mache ich überhaupt so viele Pläne, für den Kirchenkreis, beim Sport, für das Wochenende?

Diese Frage findet ein Echo in dem Bibelvers, der zu dem heutigen Tag gehört. Da steht beim Propheten Jesaja: „Du hast dich müde gemacht mit der Menge deiner Pläne“ – Ja, denke ich, ja, das stimmt. Müde bin ich, erschöpft davon, dass in diesem Corona-Sommer Dinge Nachdenken erfordern, die ich sonst fast automatisch mache. Und ich schaue in eine andere Bibelübersetzung, da heißt derselbe Satz: „Mit deinen vielen Beratern hast du dich herumgequält“, und ich denke noch einmal, wie passend das scheint, und fast schon tröstend in meinem „plan-vollen“ Leben und den vielen „Plan B“ Überlegungen dieses Sommers.

Aber tröstlich ist es erst mal nicht gemeint. Der Satz stammt aus einer gepfefferten Rede gegen die Bosheit und den Hochmut einer Gesellschaft, die die Zeichen der Zeit nicht erkennt und jede Demut verlernt hat. Sie hat sich auf Pläne und Berater verlassen und sich doch verplant und falsche Entscheidungen getroffen. Und ist nun wirtschaftlich, menschlich und mit ihrem Latein am Ende.

Und nun, sagt der Prophet, sollen doch die Berater, die Pläneschmiede und Steuerungsgruppen alles richten! Sie tun es nicht, sie können es nicht, das ist wohl keine Überraschung, damals wie heute.

Pläne und Berater helfen nur, wenn man noch nicht die Orientierung verloren hat. Wenn einer kein Ziel hat, dann hilft kein Plan. Wenn eine ihren inneren Kompass verloren hat, dann hilft keine Beratung. Dann quält man sich mit Plänen nur herum und wird müde darüber.

Die gepfefferte Rede gegen die arrogante Führungselite des alten Babylon, die der Prophet Jesaja überliefert, kann uns heute darum doch den Spiegel vorhalten. Nur eben nicht gleich tröstlich, sondern erst einmal fragend: Wisst ihr, wo ihr hinwollt, menschlich, gesellschaftlich, kirchlich und kommunalpolitisch, und auch ganz persönlich? Kennt ihr euer Ziel und ist es so human und bescheiden, dass es für alle gute Verhältnisse schafft? Oder überspielt ihr mit Plänen und Beratern bloß eure Orientierungslosigkeit?

In diesem Sommer fragen viele, was wirklich wichtig ist. Corona ist der Anlass. Aber nicht die Ursache. Denn auch ohne Corona ist da die Herumquälerei und sind da die unbeantworteten Fragen, wie es gut weitergehen kann mit unserer Welt. Weil die Antworten nicht sofort auf der Hand liegen, kann dieses offene Fragen ins Gespräch führen, in Begegnungen und Kontakte und zur gemeinsamen Suche nach Orientierung. Die Müdigkeit wird aufhören, wenn die gemeinsam gefundene Richtung dann verbindlich eingeschlagen wird, auch wenn es uns etwas kostet.

Zum offenen Fragen gehört auch die Frage, was Gott uns raten kann und wo heilige Schriften helfen können, Orientierung zu finden. Das gilt, meine ich, auch unabhängig vom persönlichen Glauben. Eben weil die religiöse Weisheit als ein Spiegel hilft, uns selbst zu erkennen. Und weil, damit komme ich zu dem Spruch vom Anfang zurück, ein freundliches und liebevolles Lachen Gottes uns Lebensmut und Trost geben kann und wird.

Bleiben Sie behütet, Ihre Ilka Werner

Zur Person

Dr. Ilka Werner ist Pfarrerin, Superintendentin des Evangelischen Kirchenkreises Solingen und Vorsitzende des Ständigen Theologischen Ausschusses der Evangelischen Kirche im Rheinland. Sie ist verheiratet. Die 55-Jährige engagiert sich im Vorstand des Vereins Bildungs- und Gedenkstätte Max-Leven-Zentrum Solingen.

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