Geringe Nachfrage

Wenige Praxen in Solingen nutzen das E-Rezept

In der HNO-Praxis von Dr. Bernd Plechata und Rusbeh Assemi (Foto) werden die elektronischen Rezepte aktuell noch ausgedruckt. Der QR-Code lässt sich dann in der Apotheke scannen.
+
In der HNO-Praxis von Dr. Bernd Plechata und Rusbeh Assemi (Foto) werden die elektronischen Rezepte aktuell noch ausgedruckt. Der QR-Code lässt sich dann in der Apotheke scannen.

Ärzte führen komplizierte Abläufe und geringe Nachfrage bei Patienten an.

Von Anja Kriskofski

Solingen. Noch kennen Kassenpatienten vor allem das rosafarbene Rezept, mit dem sie Arzneimittel verschrieben bekommen. Doch künftig soll das elektronische Rezept kommen: Für Verschreibungen wird ein QR-Code erstellt, den der Patient als Papierausdruck erhält oder über eine App auf dem Smartphone abrufen kann. Apotheken sollen seit September 2022 in der Lage sein, E-Rezepte entgegen zu nehmen. Nach und nach sollen sie auch in Arztpraxen und Krankenhäusern kommen. Einen genauen Zeitplan gibt es jedoch noch nicht. Erste Solinger Praxen geben das E-Rezept bereits aus. Der überwiegende Teil verschreibt aber weiter mit dem rosafarbenen Vordruck. „Von den Patienten wird das E-Rezept null nachgefragt“, sagt Dr. Stephan Kochen, niedergelassener Arzt und Geschäftsführer des Solinger Ärztenetzwerks Solimed. „Die Abläufe sind noch so, dass es keinen Sinn macht.“

Die Solimed-Praxen seien technisch bereits in der Lage, E-Rezepte auszustellen. Das dauere jedoch pro Rezept 15 bis 20 Sekunden länger, weil sie auf dem Onlineserver gespeichert und elektronisch signiert würden, erklärt Kochen. Bei bis zu 100 Rezepten pro Tag wie aktuell in der Erkältungswelle würde das eine halbe Stunde zusätzlich ausmachen. „Wir Ärzte sind nicht technikfeindlich, aber sensibel gegenüber Abläufen, die Zeit stehlen.“ Zudem müsse das neue Rezept den Patienten erklärt werden, vor allem älteren. „Und bislang ist die Bevölkerung darauf schlecht vorbereitet. Wenn ich Patienten das E-Rezept angeboten habe, hieß es bislang immer: Nein, danke, heute nicht.“

Die Akzeptanz sei gering, sagt auch Dr. Julius Rath, niedergelassener Internist und Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Solingen. „Bislang hat niemand danach gefragt. Die Patienten müssten sowieso weiterhin mit dem Papierausdruck in die Apotheke gehen.“ Das System sei zudem kompliziert, die Technik nicht auf dem neuesten Stand. In der Modellregion Westfalen-Lippe sei die flächendeckende Einführung in den Arztpraxen gestoppt worden. In seiner Gemeinschaftspraxis werde noch kein E-Rezept ausgegeben. „Wir warten ab.“

Eine HNO-Praxis gibt fast nur noch E-Rezepte aus

Einer, der seine Gemeinschaftspraxis bereits auf das neue System umgestellt hat, ist der Solinger HNO-Arzt Rusbeh Assemi. „Zu 80 Prozent stellen wir inzwischen elektronische Rezepte aus, das ist die Regel.“ Für individuelle Rezepturen und Verbrauchsarzneien für die Praxis sei hingegen noch das alte, rosafarbene Rezept nötig. Das E-Rezept erhielten die Patienten in Form eines QR-Codes auf Papier.

Assemi sieht mehrere Vorteile: Bis zu drei Medikamente könnten verschrieben werden. „Wenn die Apotheke ein Medikament ausgegeben hat, die anderen aber nicht vorrätig hat, musste der Patient bislang warten. Jetzt kann er mit dem zweiten und dritten Code auf dem Rezept in eine andere Apotheke gehen.“ Angesichts der aktuellen Lieferschwierigkeiten bei Medikamenten sei das gut. Zudem gingen die Daten über den Code direkt ins System der Apotheken und müssten nicht mehr erfasst werden. „Und ich muss nicht mehr von Hand unterschreiben, da E-Rezepte elektronisch signiert werden.“

Um das E-Rezept und die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen zu können, habe man die notwendige Telematik-Infrastruktur mit aktuellen Konnektoren installieren lassen. Darüber läuft der digitale Datenaustausch. Für die Investition in Höhe von mehreren tausend Euro gebe es aber zum Teil eine Erstattung von der Kassenärztlichen Vereinigung. Nach seiner Kenntnis stellten bislang nur wenige Arztpraxen E-Rezepte aus, sagt Rusbeh Assemi. „Warum, weiß ich nicht. Bei uns funktioniert das ganz unproblematisch, ebenso wie die elektronische Krankschreibung.“

Auch die Apotheken müssen ihre Technik für das neue System umstellen. Dass Patienten mit einem E-Rezept kämen, sei aber noch die Ausnahme, sagt Ali Alkenaly, Apotheker in der St. Michael Apotheke. „Bisher verordnen das nur wenige Ärzte in Solingen. In diesem Jahr waren es bislang vielleicht fünf oder sechs E-Rezepte, die bei uns eingelöst wurden.“ Auch Alkenaly sieht für Patienten vor allem den Vorteil, dass sie mehrere Medikamente auf einem Rezept über die unterschiedlichen QR-Codes in mehreren Apotheken einlösen können.

Krankenkasse

Elektronisches Rezept: Um das elektronische Rezept nicht als Papierausdruck, sondern auf dem Smartphone zu empfangen, brauchen gesetzlich Versicherte eine elektronische Gesundheitskarte mit NFC-Technik und Geheimzahl (PIN). Bei der Bergischen Krankenkasse seien 90 Prozent der 73 000 Versicherten bereits mit einer NFC-Karte versorgt worden, erklärt Pressesprecherin Heike Ambaum. „Wir befürworten digitale Anwendungen und Erneuerungen sehr. Die Zahl der Versicherten, die unsere App nutzen, wird immer größer.“

Elektronische Krankschreibung: Seit 1. Januar schicken Arztpraxen Krankmeldungen auf digitalem Wege direkt an die Krankenkassen. Die Übermittlung der e-AU laufe in den Arztpraxen weitgehend reibungslos, so Ambaum.

Standpunkt von Anja Kriskofski: Nicht zu verstehen

anja.kriskofski@solinger-tageblatt.de

In vielen europäischen Ländern ist das elektronische Rezept bereits Standard. Tatsächlich ist nicht zu verstehen, warum wir mit dem Smartphone im Supermarkt bezahlen können, unser Rezept aber immer noch in Papierform bekommen. Auch im Zahlungsverkehr geht es schließlich um sensible Daten. Der altbekannte rosa Zettel macht zusätzliche Arbeitsschritte nötig. So geben die Apotheken die eingelösten Rezepte bislang in Rechenzentren, wo sie für die Abrechnung eingelesen werden. Dieser Schritt wird für das E-Rezept entfallen.

Für Patienten wird es bequemer, wenn sie die App auf dem Smartphone nutzen und ihr E-Rezept auf elektronischem Wege in der Apotheke bestellen können. Dass der verpflichtende Start immer wieder verschoben wird, ist sehr deutsch. Für Menschen, die kein Smartphone nutzen, wird es weiter Papierausdrucke geben. Wenn Patienten ausreichend informiert werden, wird auch die Akzeptanz steigen. Die Einführung der elektronischen Krankschreibung hat auch geklappt. Nichts spricht dagegen, dass das mit dem E-Rezept nicht auch funktioniert.

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Modeunternehmen Walbusch muss Rückschlag hinnehmen
Modeunternehmen Walbusch muss Rückschlag hinnehmen
Modeunternehmen Walbusch muss Rückschlag hinnehmen
Freizeitpark Aufderhöhe benötigt Hilfe
Freizeitpark Aufderhöhe benötigt Hilfe
Freizeitpark Aufderhöhe benötigt Hilfe
Ohligs: Parkplatz Grünstraße soll wieder öffentlich werden
Ohligs: Parkplatz Grünstraße soll wieder öffentlich werden
Ohligs: Parkplatz Grünstraße soll wieder öffentlich werden
Rund 200 Menschen ziehen durch Solingen
Rund 200 Menschen ziehen durch Solingen
Rund 200 Menschen ziehen durch Solingen

Kommentare