Weiße Fahnen und ein letztes Standgericht

Solinger halfen bei der Befreiung der Stadt.

Von Philipp Müller

Am 16. April 1945 schleicht sich Friedrich Schäfer an eine Geschützstellung der Wehrmacht in Höhscheid. Er durchschneidet die Telefondrähte zum Befehlsstand. Was sich wie der Start eines spannenden Romans anhört, das hat der Großvater von Stephan Schäfer-Mehdi so berichtet. „Er erzählte viel nach dem Krieg“, erinnert sich der Enkel.

Friedrich Schäfer begibt sich als Angehöriger der Widerstandsgruppe A von Solinger Sozialdemokraten um die Brüder Oskar, Max und Willi Rieß auf seine Mission. Schon länger versteckt die Gruppe Deserteure. Oft in Gartenhäusern. Die Widerstandskämpfer aus Höhscheid fordern die Bevölkerung dazu auf, weiße Fahnen als Zeichen der Kapitulation aus den Fenstern zu hängen. Gisela Faber wohnt damals an der Neustraße uns erinnert sich im Tageblatt-Gespräch an diese Stunden. „Das war wie eine Anordnung und wir haben es umgesetzt.“

Schäfer wird festgenommen und in die Schule Böckerhof gebracht

An der Wiener Straße wird Schäfer erwischt. Die Stellung hat das Mündungsfeuer auf Düsseldorf gerichtet. Die Stadt ist bereits von US-Truppen umringt und wird am 17. April befreit. Ob die in Auflösung befindliche Wehrmacht von der Anhöhe aus noch Salven abfeuerte, ist nicht bekannt. Aber für den Solinger Widerständler geht es zur Grundschule Böckerhof. Dort hat die Wehrmacht einen provisorischen Befehlsstand errichtet.

Enkel Stephan erinnert sich, dass Großvater Friedrich erzählt habe, er sei vor eine Art Standgericht gekommen. Das Urteil fällt schnell: Todesstrafe für den Saboteur. Für eine Vollstreckung aber nicht schnell genug. Denn über die Burger Landstraße und die Ritterstraße rücken die US-Truppen vor. Die Wehrmacht flieht übereilt. Der Schuss auf Schäfer fällt nicht mehr. „Aber er stand schon an der Hecke auf dem Schulhof“, berichtet sein Enkel heute.

In Wald stirbt Ruth Dornhaus im Kugelhagel der SS

Widerstand gibt es nicht nur in Höhscheid. Zu dem Zeitpunkt als Friedrich Schäfer auf das Erschießungskommando wartet, weht an der Walder Kirche bereits ein weithin sichtbares weißes Bettlaken. Auch die Widerstandsgruppe um die Kommunisten Karl Bennert und Willi Dickhut ist schon seit dem 15. April aktiv. Am Rathaus finden Verhandlungen mit der Parteileitung der NSDAP statt, die Kampfhandlungen einzustellen. Ohne Erfolg. Doch der Widerstand ist nicht gebrochen. Die Menschen um Bennert fordern – wie die Rieß-Gruppe A in Höhscheid – dazu auf, dass die Walder weiße Fahnen aus den Fenstern hängen sollen.

Mit fatalen Folgen. Ein abrückender SS-Offizier und sein Fahrer eröffnen aus ihrem Kübelwagen mit Maschinenpistolen heraus das Feuer auf die weißen Fahnen. Im ersten Stock ihres Hauses wird Ruth Dornhaus tödlich in den Bauch getroffen. Sie ist das vermutlich letzte Solinger Opfer.

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