Tradition

Weihnachtsmann oder Christkind - Wer bringt die Geschenke?

Die Kinder entscheiden ganz alleine, ob und wann sie an das Christkind glauben wollen.
+
Die Kinder entscheiden ganz alleine, ob und wann sie an das Christkind glauben wollen.

Sollen wir unseren Kindern den Mythos vom Christkind erzählen? Fragen an den Theologieprofessor Prof. Dr. Dr. Norbert Brieden.

Das Gespräch führte Axel Richter

Herr Professor Brieden, Christkind oder Weihnachtsmann – wer brachte bei Ihnen die Geschenke?
Prof. Dr. Dr. Norbert Brieden: Traditionell war es in meiner Familie das Christkind. Wobei ich damit als Kind gar nicht das Jesuskind verbunden habe. Für mich war das ein Engel, der vom Himmel auf die Erde kam.
Alles andere hätte mich bei einem katholischen Theologen jetzt auch gewundert.
Brieden: Ja, wobei man wissen muss, dass es in früheren Zeiten der Heilige Nikolaus war, der zum Nikolausfest am 6. Dezember Geschenke brachte. Das änderte sich erst mit Martin Luther. Der wandte sich gegen die übertriebene Heiligenverehrung der katholischen Kirche. Er nutzte die theologische Erkenntnis, dass an Weihnachten Gott selbst sich uns Menschen geschenkt hat.
Seither ist es das Christkind, das die Geschenke bringt. Wobei in der Weihnachtslegende im Matthäusevangelium ja eigentlich die Heiligen Drei Könige dem Jesuskind Geschenke bringen. Aber die haben sich nicht durchgesetzt.
Das heißt, der Weihnachtsmann beziehungsweise der Nikolaus ist das eigentliche Original?
Brieden: Der Weihnachtmann entwickelte sich aus der Figur des Heiligen Nikolaus – paradoxerweise vor allem in protestantischen Gebieten. Im 20. Jahrhundert wurde aus dem Bischof aus Myra schließlich der gutmütige dicke Mann mit Rauschebart und Zipfelmütze und rot-weißem Mantel – auch mit Hilfe von Coca-Cola, zu deren Werbefigur er dann wurde. Mit dem Weihnachtsmythos hat diese Figur nichts zu tun.
Sollten Eltern ihren Kindern überhaupt erzählen, dass das Christkind die Geschenke bringt?
Brieden: Das müssen die Eltern am Ende selbst entscheiden. Aber sie richten damit gewiss keinen Schaden an. Kinder leben selbst oft in Fantasiewelten. Der Mythos vom Christkind ist deshalb schön für sie, und sie glauben daran, solange sie daran glauben möchten. Auch wenn sie es vielleicht schon längst besser wissen. Schließlich kommt es aber doch auf die Botschaft an. Die Liebe, die die Eltern ihrem Kind entgegenbringen, wird personifiziert durch das Christkind.
Das heißt, die Kinder erleiden keine bleibenden Schäden, wenn der Schwindel irgendwann auffliegt?
Brieden: Nein. Es handelt sich um eine Geschichte, die ihnen erzählt wird. Wir dürfen unsere Kinder zudem nicht unterschätzen. Die wissen schon genau, dass der Heilige St. Martin, der im November den Laternen-Umzügen vorausreitet, nicht „echt“ ist, sondern von jemandem gespielt wird. Das gilt ebenso für den Nikolaus oder das Christkind auf dem Weihnachtsmarkt.
Es gibt Wissenschaftler, die warnen, die Geschichte vom Christkind untergrabe das Vertrauen in die Eltern. Sie widersprechen?
Brieden: Ja. Ich habe noch kein Kind erlebt, das seinen Eltern wegen des Christkindes vorgehalten hätte, von ihnen belogen und betrogen worden zu sein. Dadurch entsteht gewiss kein Vertrauensverlust. Eltern müssen ihre Kinder deshalb auch nicht „aufklären“.
Kinder entscheiden ganz allein, ob und wann sie nicht mehr daran glauben wollen, dass das Christkind die Geschenke bringt. Die Fragen, die die Kinder stellen, sollten die Eltern ehrlich beantworten. Aber die Eltern müssen auch nicht von sich aus mitteilen, dass es gar kein Christkind gibt.
Würde man Kindern etwas Wichtiges nehmen, wenn man das Fest von vornherein entmystifiziert?
Brieden: Auch das müssen die Eltern selbst entscheiden. Wie schön der Mythos und das Fest ist, das wir feiern, erkennen Sie daran, dass es auch in vielen muslimischen Familien begangen wird. Sie kennen Jesus als Isa, Sohn der Maria. Im Islam ist er ein wichtiger Prophet, der das Jüngste Gericht ankündigt. Letztlich kommt es an Weihnachten aber weniger auf den Mythos an als auf die Botschaft. Alle Eltern wollen ihren Kindern Gutes tun. Das geschieht an Weihnachten.
Es sei denn, man war nicht lieb. Dann bringt das Christkind nichts. Was halten Sie davon?
Brieden: Nichts. Das ist schwarze Pädagogik. Dabei vergisst man, dass Kinder ja eigentlich lieb sein wollen. Im Rollenspiel zum Beispiel mit dem Nikolaus kann man ein solches Verhalten bestärken, indem der Nikolaus in seinem Goldenen Buch Gutes findet und das Kind dafür lobt.
Kinder wollen zudem helfen, mit anpacken und die gute Stube bereiten, weil sie wissen, dass das Fest etwas ganz Besonderes ist. Drohungen laufen dem Lernprozess dagegen zuwider. Zudem soll sich das Kind auf die Liebe Gottes, die sich im Christkind zeigt, bedingungslos verlassen können.

Zur Person

Prof. Dr. Dr. Norbert Brieden bildet an der Uni in Wuppertal angehende Religionslehrer aus.

Prof. Dr. Dr. Norbert Brieden lehrt Religionspädagogik an der Bergischen Universität Wuppertal. Der Wissenschaftler studierte Deutsch, Katholische Theologie und Philosophie. Nach der Promotion in Theologie und Philosophie lehrte und forschte er an verschiedenen Universitäten. Seit 2012 bildet er in Wuppertal angehende Religionslehrer und -lehrerinnen aus. Aktuell befasst er sich unter anderem mit der Bedeutung von Engeln in der heutigen Zeit.

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Unfall: Eine Person verletzt
Unfall: Eine Person verletzt
Unfall: Eine Person verletzt
Aus einem Rettungseinsatz wird ein Gasalarm
Aus einem Rettungseinsatz wird ein Gasalarm
Aus einem Rettungseinsatz wird ein Gasalarm
Das Landhaus Kovelenberg wird indisch
Das Landhaus Kovelenberg wird indisch
Das Landhaus Kovelenberg wird indisch
Ohligser bangen um ihr Dürpelfest
Ohligser bangen um ihr Dürpelfest
Ohligser bangen um ihr Dürpelfest

Kommentare