Düsseldorfer S-Bahn-Station

Wehrhahn-Anschlag nach fast 17 Jahren wohl aufgeklärt

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Bei dem Anschlag vom 27. Juli 2000 waren zehn Menschen verletzt worden.

Ralf S. (50) war schon 2000 im Visier der Ermittler – jetzt sitzt er in U-Haft. Er soll die Tat, bei der auch vier Solinger verletzt wurden, einem Zeugen gestanden haben.

Von Juliane Kinast und Hans-Peter Meurer

Bald 17 Jahre ist es her, dass am 27. Juli 2000 am Düsseldorfer S-Bahnhof Am Wehrhahn eine Bombe explodierte. Bei dem Anschlag wurden zehn Menschen, die meisten jüdischer Abstammung aus Osteuropa, durch einen Anschlag schwer verletzt. Drei Frauen (damals 50, 48 und 24 Jahre alt) und ein Mann (43) kamen aus Solingen, lebten damals in einem Übergangsheim an der Hochstraße in Ohligs. Die 24-jährige Frau verlor bei dem feigen Anschlag ihr ungeborenes Baby. Eine umgebaute Handgranate war in einer Plastiktüte versteckt worden und explodierte, als die Gruppe, die in Düsseldorf einen Sprachkurs belegt hatte, die Stelle passierte. Über die Täter tappte die Polizei seitdem im Dunkeln, obwohl 1400 Zeugen vernommen und 300 Spuren verfolgt wurden.

Leonid Goldberg: „Ich hoffe, er ist der Täter“

Jetzt, so glauben die Ermittler, ist der Fall aufgeklärt. In Untersuchungshaft sitzt Ralf S. (50). Er war schon damals als Verdächtiger festgenommen worden. Doch die Beweise reichten nicht. Jetzt gibt es neue Aussagen von Zeugen.

Ein Insasse der JVA Castrop-Rauxel brachte den Stein ins Rollen: Im Sommer 2014 wandte er sich an einen Wärter und gab an, S. habe ihm gegenüber den Anschlag zugegeben. Der Zeuge wurde als glaubwürdig eingestuft. „Es war Täterwissen vorhanden“, erklärt Udo Moll vom Düsseldorfer Staatsschutz. Unter seiner Leitung wurden die Ermittlungen daraufhin neu aufgerollt.

Weiteren Zeugen soll S. die Tat im Vorfeld angekündigt haben

In der Folge wurde der Sprengsatz mit neuesten Methoden untersucht – wobei herauskam, dass es nur einem Fehler des Bastlers zu verdanken war, dass die Opfer seinerzeit überlebt hatten: Er hatte dem Selbstlaborat mit TNT eine Substanz beigemischt, die die Sprengkraft dämpfte. Neue Erkenntnisse, die den Profilern beim Landeskriminalamt (LKA) übergeben wurden – und auch dort sind die Methoden in den vergangenen Jahren ausgefeilt worden. Die Experten konnten aus den Indizien wesentliche Tätermerkmale destillieren – und viele von ihnen treffen haargenau auf S. zu, so die Ermittler.

Die Kommission ging aber auch noch einmal an Zeugen heran, die damals nichts gesagt oder sogar das angebliche Alibi von S. gestützt hatten – und die von ihm wohl massiv eingeschüchtert worden waren. Mit dem zeitlichen Abstand und teils auch einem veränderten Verhältnis zum Verdächtigen, so Oberstaatsanwalt Ralf Herrenbrück, seien sie „zur Wahrheit zurückgekehrt“. Zweien soll S. die Tat im Vorfeld angekündigt haben – und zwar „in ihren wesentlichen Zügen“. Zudem änderte eine „Alibizeugin“ ihre Aussage von damals – demnach war S. nicht wie angegeben zur Tatzeit in seiner Wohnung, sondern befand sich auf dem Heimweg von einem Geschäft. Und auf diesem Weg liegt der Tatort.

Ralf S. hatte damals einen Militaria-Laden unweit des S-Bahnhofs in Flingern betrieben, in dem Mitglieder der rechtsextremen Szene ein- und ausgingen. Laut Ermittler Moll befand er sich in einer desolaten Finanzlage, machte dafür Ausländer verantwortlich. Einige Monate vor dem Anschlag habe es zudem eine Auseinandersetzung zwischen Sprachschülern und zwei Neonazis gegeben, die in S.’ Laden verkehrten – Schüler jener Einrichtung, von der im Juli 2000 auch die Opfer der Explosion kamen.

Neue DNA-Untersuchungen, die den Verdacht gegen S. bestätigen könnten, gibt es nicht – Überprüfungen stehen laut Moll aber noch aus. Es gebe aber „weitere Ermittlungsdetails“, zu denen man sich jetzt nicht äußern könne. S. wurde am Dienstag von Spezialkräften widerstandslos in Ratingen festgenommen. Er bestritt die Tat zunächst, schweigt jetzt. Der Haftbefehl lautet auf versuchten Mord.

Kommentar von Juliane Kinast: Viele Fragen sind noch offen 

Sie soll das Ende der Ermittlungen rund um den Wehrhahn-Anschlag im Jahr 2000 markieren – und doch wirft die Festnahme des Verdächtigen Ralf S. auch viele Fragen auf. Hätte man ihn nicht längst verhaften können? Oder noch schlimmer: Reicht das, was die Ermittler haben, vielleicht auch heute noch nicht aus, um den mutmaßlichen Täter auch wirklich wegen versuchten Mordes in mehreren Fällen hinter Schloss und Riegel zu bringen?

Viele Hinweise auf S. gab es schon rasch nach der Tat – die Wohnung etwa, in der die Bombe gebaut worden sein soll, seine Soldaten-Vergangenheit, sein Ausländerhass. War man nicht mutig genug, ihn in Haft zu bringen? Und dann seither: Hätte man den Zeugen, die damals gar nicht oder – offensichtlich eingeschüchtert – wohl nicht wahrheitsgemäß ausgesagt hatten, nicht vor fünf oder zehn Jahren schon erneut zu Leibe rücken können? Die neuen Methoden, mit denen die Bombe jetzt wieder untersucht wurde, gibt es sie wirklich erst seit Allerneuestem?

Einig sind bei der Düsseldorfer Polizei und Staatsanwaltschaft immerhin alle, dass die Indizien von 2000 nicht für eine Verhaftung ausreichten. Die Ermittler der Landeshauptstadt hatten zuvor in einem Mordfall bitteres Lehrgeld gezahlt: 1993 war eine 28-Jährige in einer Videothek getötet worden, den mutmaßlichen Täter stellte man vier Jahre später mit einer Reihe von Indizienbeweisen vor Gericht – das ihn freisprach. Später mit neuen Analysemethoden überführte ihn ein DNA-Treffer zweifelsfrei – doch das deutsche Recht verbietet nach einem Freispruch eine erneute Anklage. Der Mann blieb auf freiem Fuß, bis er 2009 an Krebs starb. Und bei der Düsseldorfer Staatsanwaltschaft blieb die Erkenntnis, dass man besser erst prozessiert, wenn die Beweislage keinen Zweifel mehr zulässt.

Ob das im Falle Wehrhahn jetzt der Fall ist, bleibt die ganz große Frage. Noch immer stützen sich die Vorwürfe gegen S. auf Indizien – und Aussagen von Straftätern oder Menschen, die lange geschwiegen oder sogar seinerzeit gelogen haben. Chef-Ermittler Udo Moll spricht aber auch von weiteren Details, die er noch nicht präsentieren kann, um das Verfahren nicht zu gefährden. Für die Opfer und für die Gerechtigkeit bleibt nun zu hoffen, dass diese Details als zusätzliche Glieder die Beweiskette so fest schließen können, dass die abscheuliche Tat nach all den Jahren tatsächlich gesühnt wird.

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