Mein Leben als Papa

Warum wir unseren Nachbarn auf Abstand immer näherkommen

Nachbar Luigi fordert Hannes und Michel gerne zum Fußballtennis heraus. Foto: gf
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Nachbar Luigi fordert Hannes und Michel gerne zum Fußballtennis heraus.

ST-Redakteur Gunnar Freudenberg erzählt vom Alltag mit seinen Söhnen Hannes (5) und Michel (2)

„Es braucht ein ganzes Dorf, um ein Kind zu erziehen“, lautet ein afrikanisches Sprichwort. Erziehung ist dort vielerorts eben nicht nur Angelegenheit der Eltern, sondern auch der Nachbarschaft. So ganz lässt sich dieses Sprichwort nicht auf das Großwerden von Hannes und Michel übertragen. Aber froh können sie allemal sein, im nicht enden wollenden Lockdown, in dem sich ihr engster Kontakt seit Monaten auf Mama, Papa und die allernächste Verwandtschaft beschränkt, auf tolle Nachbarn zählen zu können.

Der physische Abstand zu den Bewohnern unserer kleinen Seitenstraße mag größer geworden sein, die Nähe zu ihnen ist es aber auch. Hannes und Michel jedenfalls suchen oft den Kontakt zu unseren Nachbarn – aus unterschiedlichen Gründen.

Viel spielt sich an unserem Gartenzaun ab. Zur Straßenseite hin toben Hannes und Michel im Moment am liebsten. Weil sie mit ihren Rollschuhen, Fahrrädern und dem Kettcar hier am besten flitzen können, aber sicher auch, weil irgendein Nachbar immer auf sie aufmerksam wird.

Luigi zum Beispiel lässt sich immer dann blicken, wenn er einen Ball erspäht hat. „Italien gegen Deutschland“, freut sich Hannes. Und schon zeigt der Rentner meinen Jungs beim Fußballtennis über den Zaun, warum er laut eigener Aussage früher fast von Juventus Turin entdeckt worden wäre.

Helga und Helmut beobachten am Fenster gegenüber mit großer Freude das Duell der Generationen. Und Hannes und Michel können sich sicher sein, dass Helga die nächste Spielpause dazu nutzen wird, ihnen Schokoladenmäuse zu bringen. „Raubtierfütterung“, ruft sie dann und bittet an den Zaun. „Wir brauchen heute aber drei Mäuse“, setzt sich Hannes wie eine Löwenmutter nicht nur für Michel ein, sondern auch für Mila. Mila ist Anfang des Jahres mit ihren Eltern Lucie und René in die frei gewordene Dachgeschosswohnung über uns gezogen und ist nur ein paar Wochen jünger als Michel. Die perfekte Ergänzung für unser Haus. Denn Mila sorgt dafür, dass Hannes und Michel beim Toben auch mal einen Gang zurückschalten. Und die Jungs sorgen dafür, dass Mila plötzlich gerne aufs Laufrad steigt und mit Bällen spielt. Was wiederum Papa René gut gefällt. Die Kinder tun sich einfach gegenseitig gut in einer Zeit ohne Kindergarten, Spielgruppe und Vereinssport.

Und dann sind da ja noch Zeliha und Abdullah, unsere türkischen Nachbarn, die zwischen uns jungen Familien im Haus wohnen. Dass sie jetzt manchmal von oben und von unten beschallt werden, macht ihnen nichts aus. „Sind doch Kinder, das ist doch schön“, sagen sie – und meinen es auch so. Abdullah ist eigentlich immer draußen und macht spannende Dinge. Schneidet die Hecke, macht die Einfahrt mit dem Hochdruckreiniger sauber, kocht Tee mit dem Samowar und findet zwischendurch immer noch Zeit, um mit Hannes und Michel zu spielen. Er darf Hannes bei kleineren Unfällen sogar sagen: „Komm, steh mal wieder auf, ist doch nicht so schlimm!“ Und das darf wirklich nicht jeder. Zeliha ist nicht so gerne im Garten, kriegt durch ihr geöffnetes Fenster aber meistens alles mit und wird von den Kindern oft gerufen. „Zeliha, lass dein Haar herunter!“, riefen sie neulich zu ihr hoch – und Zeliha ließ zwar kein Haar herunter, warf ihnen aber Süßigkeiten in die fangbereiten Kescher. „Wenn Corona mal vorbei ist“, so enden hier gerade viele Gespräche am Gartenzaun, „machen wir auf jeden Fall ein Straßenfest.“ Ich freue mich schon drauf. Und werde dann über noch viele weitere, tolle Nachbarn berichten.

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