Mein Blick auf die Woche

Wann machen wir wieder Geschäfte mit Russland?

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Aufrüstung, Waffenexporte, längere Laufzeiten für Atommeiler und Kohlekraftwerke. Vor wenigen Wochen hätte all das einen Aufschrei nach sich gezogen. Doch der russische Einmarsch in die Ukraine hat einen Meinungswechsel in Gang gesetzt. Die Menschen im Bergischen fordern Härte gegenüber Putin und Solidarität gegenüber der Ukraine. Doch wie lange hält beides an, fragt Axel Richter.

Von Axel Richter

Putins Einmarsch in die Ukraine hat die politischen Grundeinstellungen der Deutschen auf den Kopf gestellt. Aufrüstungspolitik, Waffenlieferungen in Kriegsgebiete sowie Atommeiler und Kohlekraftwerke, die am Netz bleiben, hätten noch vor Wochen für einen kollektiven Aufschrei gesorgt. Heute sind die Menschen in großer Mehrheit dafür.

Das ist das Ergebnis der dritten Befragungsrunde des NRW-Checks 2022. Im Auftrag der nordrhein-westfälischen Zeitungsverlage mit dem Remscheider General-Anzeiger und dem Solinger Tageblatt befragte das Meinungsforschungsinstitut Forsa die Bürgerinnen und Bürger zu den wichtigsten Themen im Land und in den Regionen. Das Ergebnis fiel eindeutig aus.

In Remscheid, Solingen, Wermelskirchen, Burscheid, Radevormwald, Hückeswagen und in den anderen Städten des Bergischen Landes unterstützt eine breite Mehrheit die Antwort des Westens auf die Aggression des Kreml. 78 Prozent finden es richtig, dass Deutschland den Ukrainern Waffen liefert. 74 Prozent sind dafür, dass die Bundeswehr 100 Milliarden Euro mehr für Waffen und Ausrüstung bekommt. Dass die Regierung darüber hinaus der auch von Deutschland unterzeichneten Nato-Vereinbarung nachkommen und 2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für die Verteidigung ausgeben will, wäre vor nicht langer Zeit ebenfalls nur mit Kopfschütteln quittiert worden. Das musste in den Köpfen der meisten doch deshalb schon falsch sein, weil der US-Präsident, der das einforderte, Donald Trump hieß. Dabei hatte schon sein beliebter Vorgänger Barack Obama nichts anderes von den Deutschen verlangt.

Das spielte in der Öffentlichkeit aber keine Rolle. Wie so manches andere auch nicht. So war es zum Beispiel schon immer wenig wahrscheinlich, dass ein Tsunami durch die Norddeutsche Tiefebene donnert, um ein deutsches Atomkraftwerk havarieren zu lassen. Dennoch beschloss die Bundesregierung mit Verweis auf die Katastrophe von Fukushima den Ausstieg aus der Atomenergie, was damals in Deutschland mit großer Zustimmung quittiert wurde.

Heute hätten viele gern den Ausstieg aus dem Ausstieg. 68 Prozent der Bergischen sind der Meinung, dass die Regierung die für dieses Jahr geplanten Abschaltung der Meiler überdenken sollte. 54 Prozent fordern darüber hinaus ein längeres Festhalten an der Braukohle-Verstromung. Greta und Fridays for Future zum Trotz. Da verschiebt sich also gerade so einiges. Prognose: Statt über Flugscham und Gendersternchen werden wir künftig wieder mehr über Krieg und Frieden debattieren. Allerdings auch über unsere Hilfs- und Opferbereitschaft.

Flüchtlinge sind uns willkommen (86 Prozent), die Spendenbereitschaft ist riesig. Mehr als 185 000 Euro kamen allein bei der Spendengala im Remscheider Teo Otto Theater zusammen. In Solingen spendet allein die Unternehmensgruppe Walbusch 100 000 Euro. Doch die Preise für Energie sind hoch und werden hoch bleiben. Gesetzt den Fall, es gibt für die Ukraine einen Waffenstillstand oder gar einen Friedensvertrag: Wie lange wird es danach wohl dauern, bis wir unsere nur scheinbar festen politischen Ansichten erneut revidieren und wieder Geschäfte mit Russland machen?

TOP Fensterrose am Bunker Malteserstraße macht jüdisches Leben sichtbar.

FLOP Trotz Corona-Lockerungen: Solinger bleiben vorsichtig.

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