Montagsinterview

Waldemar Gluch: „Die Pandemie hat uns die Augen geöffnet“

Der Handel - hier an der Düsseldorfer Straße in Ohligs - leidet unter Corona, viele Geschäfte sind im Lockdown.
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Der Handel - hier an der Düsseldorfer Straße in Ohligs - leidet unter Corona, viele Geschäfte sind im Lockdown.

Waldemar Gluch, Vorsitzender des Initiativkreises, über den Handel, Verkehrskonzepte und die Stadt nach Corona.

Von Björn Boch und Stefan M. Kob

Herr Gluch, Sie sind seit Anfang Dezember 2020 Vorsitzender des Initiativkreises. Was sind die drängendsten Aufgaben des Vereins?

Waldemar Gluch: Alle können sehen, dass der Handel und die Gastronomie große Probleme haben. Wenn wir in die Zukunft schauen, können wir sagen: Die Pandemie hat uns die Augen geöffnet, was die Digitalisierung angeht. Wir müssen hier etwas Gemeinsames hinbekommen, uns online neu aufstellen und eine gemeinsame Plattform, eine App finden. Das müssen wir schnell angehen. Schon in der zweiten Januarwoche werde ich dazu Gespräche führen.

Ihr Vorgänger Jan Höttges hatte eine solche Plattform noch auf den Weg gebracht. Kann sie eine Basis sein?

Waldemar Gluch will als Vorsitzender des Initiativkreises Solingen das Gespräch mit allen Werbegemeinschaften, Händlern und Akteuren in den Stadtteilen suchen.

Gluch: Es gibt eine Vielzahl von Apps und Plattformen, auch für die einzelnen Stadtteile, dazu noch „Solingen liefert“ und das Angebot der Stadtverwaltung. Wir werden uns alle anschauen. Das Wichtigste ist, dass wir die große Mehrheit der Händler und Dienstleister erreichen. Und wir müssen Verständnis dafür wecken, dass wir die Digitalisierung brauchen. Dann brauchen wir einen gemeinsamen Nenner, eine gemeinsame Plattform. Und am Ende muss es einen Mehrwert geben, und zwar für die Händler genauso wie für alle Solinger.

Für Beobachter entsteht bisweilen der Eindruck, dass viele ihr eigenes Süppchen kochen, statt zusammen an einem schmackhaften Menü zu arbeiten.

Gluch: Wir müssen zusammenkommen und gemeinsam beschließen: „Das ist das, was wir wollen.“ Da nutzt es nichts, wenn ich als Vorsitzender sage: „Ich möchte dies und jenes.“ Wir müssen alle ins Boot holen, und das dauert sicher noch ein wenig. Auch wenn wir schon viel Zeit gebraucht haben.

Wie sehen Sie die Verkehrsdebatte in der City?

Gluch: Im Moment habe ich das Gefühl, dass jeder glaubt, die beste Idee zu haben. Dabei ist es doch so, dass es erst einmal ein gemeinsames Verkehrskonzept braucht. Es gibt in Mitte keine kostenlosen Parkplätze mehr, man kann seit Jahren nicht mehr vor die Geschäfte fahren. Es gibt aber 30er-Zonen, in denen sind alle Verkehrsteilnehmer gleich zu behandeln. Die Gegend rund um den Neumarkt ist kein Schleichweg, um durchzufahren. Jemand, der hier reinfährt, der sucht etwas und möchte einen Parkplatz finden. Niemand sollte sich pauschal gegen das Auto als Verkehrsmittel stellen.

Die Grünen tun genau das und wollen die Anfahrt mit dem Auto unattraktiver machen, damit mehr Menschen den ÖPNV nutzen.

Gluch: Der ÖPNV ist ja da, wer den nutzen möchte, der kann das schon heute tun. Am Graf-Wilhelm-Platz steigen täglich Tausende ein, aus und um – aber es wird so getan, als gäbe es das nicht. Alle Verkehrsmittel müssen gut in die City kommen. Autofahren unattraktiver zu machen, ist eine Politik von gestern. In zehn Jahren wird es sehr viele Elektroautos geben, auch die werden Straßen benötigen. Die Straßen, die wir haben, müssen für alle nutzbar sein. Das ist in 30er-Zonen kein Problem – für mich ist auch eine Ausweitung dieser Zonen denkbar. Nachlegen müssen wir aber vor allem an anderer Stelle: mit abschließbaren Fahrradboxen und Ladestationen für Elektroautos. Da kommen neue Generationen, für die müssen wir das attraktiver machen.

Warten Sie als Vorsitzender des Initiativkreises ab, bis das Konzept präsentiert wird, oder können Sie sich vorher einbringen?

Gluch: Wir werden uns einbringen, ich sitze ja auch im Ausschuss für Klimaschutz, Umwelt, Mobilität und Wohnungswesen. Dort werde ich meinen Finger in die Wunde legen und für den Handel sprechen. Das mache ich seit 20 Jahren. Wir müssen die Innenstädte offenhalten.

„Handel und Gastronomie brauchen die starke Hand der Stadt.“

Ihr Vorgänger nannte als einen Grund für seinen Rücktritt Probleme im Austausch mit der Verwaltung. Der Nachfolger müsse eine andere Ebene finden. Sind Sie aufgrund Ihrer politischen Erfahrung dafür prädestiniert?

Gluch: Wir brauchen eine gute Beziehung zur Verwaltung, und ich denke, die habe ich. Egal, ob zum Oberbürgermeister oder zu Dezernenten. Diese Kontakte werde ich selbstverständlich nutzen – für den Handel und die Belange der Bürger in dieser Stadt. Mit OB Tim Kurzbach habe ich im Januar einen Termin. Wir wollen auch darüber nachdenken, wie wir Gastronomen und Händlern helfen können. Nur Gebühren zu erlassen, das wird nicht reichen. Das wird eine riesige Aufgabe, in die auch die Wirtschaftsförderung einbezogen werden sollte. Handel und Gastronomie brauchen die starke Hand der Stadt.

Was stellen Sie sich da vor?

Gluch: Wir müssen die Menschen wieder in die Stadtteilzentren bringen, etwa mit Aktionen wie dem „Heimatshoppen“. Und der Umbau eines Zentrums, wie er jetzt in der Innenstadt ansteht, braucht die Händler und Gastronomen. Wenn die beschädigt sind, dann wird ein Umbau der City schwierig – und noch länger brauchen.

Wie beurteilen Sie das Großprojekt „City 2030“? Jan Höttges hatte die geplanten Investitionen im Tageblatt-Interview als „verschwendetes Geld“ bezeichnet.

Gluch: Ich bin überzeugt davon, dass das ein gutes Konzept ist. Es wurde auch mit einem Gutachter vernünftig ausgearbeitet. Aber wir brauchen Investoren, denn am Ende des Tages braucht es Geld. Die Investoren, die es ja in dieser Stadt gibt, sollten darüber nachdenken, auf der unteren Hauptstraße zu investieren. Für den Handel ist sie de facto aufgegeben. Es werden Wohnungen geschaffen, Handwerker und Dienstleister angesiedelt. Es gab schon viele Gespräche mit Eigentümern, jetzt brauchen wir Investoren. Das kann keine Stadt leisten, das kann nur der Unternehmer. Es darf aber auch nicht sein, dass uns immer Investoren aus anderen Bundesländern zeigen, wie man etwas umbaut, denken wir an das O-Quartier oder das Omega-Gelände. Ich bin überzeugt von „City 2030“: Wohnen in der Innenstadt wird für eine alternde Gesellschaft immer attraktiver. Da sollte jeder mal zehn Jahre vorausdenken.

„Eigentum verpflichtet zwar laut Grundgesetz, man kann aber nur schwer eingreifen.“

Ist die „Gläserne Werkstatt“ im früheren Gebäude von Appelrath-Cüpper einer der Leuchttürme, die es braucht für eine neue City?

Gluch: Weniger Leerstand ist auf jeden Fall ein Zeichen, dass es nach vorne geht. Wir lassen uns überraschen, was da genau entsteht. Auch bei den Clemens-Galerien wird ja gerade ein neuer Platz gestaltet. Das ist wichtig, weil dann drumherum etwas passieren kann und Investoren Geld in die Hand nehmen können. Ob man das jetzt „Leuchtturm“ nennt oder nicht, ist eigentlich egal.

Zumindest Eigentümer sind in Mitte bislang nicht durch große Investitionsfreudigkeit aufgefallen.

Gluch: Leider gibt es da einige, die noch nicht bemerkt haben, wo die Reise hingeht. Diese Hauseigentümer behindern nicht nur in Solingen die positive Entwicklung, das Problem haben auch andere Städte. Eigentum verpflichtet zwar laut Grundgesetz, man kann aber nur schwer eingreifen.

Sind andere Stadtteile da schon weiter?

Gluch: Ohligs hat tolle Perspektiven, auch begünstigt durch die Investitionen. Der Stadtteil ist auf einem guten Weg, mit der Immobilien- und Standortgemeinschaft (ISG) haben sie richtig Tempo aufgenommen. Wir freuen uns alle, dass die Pläne für Handel auf dem O-Quartier-Gelände weg sind und Wohnraum entsteht. Die ganze Stadt darf sich auf den neuen Marktplatz und die Sanierung der Düsseldorfer Straße freuen. Die Ohligser sind vorangegangen, die anderen werden nachziehen. Wald wird auch eine ISG bekommen, die Abholstation ist eine tolle Idee. Es freut mich als neuen Vorsitzenden des Initiativkreises immer, wenn jemand da ist und die anderen mitzieht. Ich hatte schon viele Kontakte per E-Mail, wir werden Gespräche führen im Januar. Natürlich suche ich den Kontakt zu allen Werbegemeinschaften, Händlern und Akteuren in den Stadtteilen.

Sehen Sie einen Konflikt zwischen Ihrer CDU-Mitgliedschaft und dem Vorsitz?

Gluch: Nein. Ich kann das sehr gut voneinander trennen. Aber wenn man sagt, ich soll meine Kontakte zur Stadt nutzen, dann sind das nun einmal die, die ich in den letzten Jahren – auch als Politiker – aufgebaut habe. Generell gilt: Ich werde nicht von oben nach unten handeln, sondern freue mich über jedes Gespräch. Ich bin nicht angetreten, um auf der Bühne zu stehen. Es geht mir um die Sache.

Wie geht es mit der Sommerparty weiter?

Gluch: Leider stecken wir mitten in einer Pandemie, in der viele Menschen sterben. Da fällt es sehr schwer, an große Veranstaltungen 2021 zu denken. Auch hier wollen wir im Januar überlegen, wie wir es machen. Vielleicht sind kleinere Veranstaltungen in den Stadtteilen möglich. Wir wollen die Sommerparty „Echt.Scharf.Solingen“ jetzt noch nicht absagen, die Menschen sehnen sich danach, wieder gemeinsam zu feiern. Aber jetzt geht es erst einmal darum, Kontakte zu meiden und sich nicht anzustecken. Deshalb führen wir ja auch dieses Interview virtuell.

Was sagen Sie denen, die Corona kleinreden oder gegen Regeln verstoßen?

Gluch: Wir sehen zunehmend, dass es jeden treffen kann, nicht nur Ältere. Einer der Toten in Solingen war gerade einmal 50. Ich habe keinerlei Verständnis, wenn einige Party machen, während andere um ihre Existenz bangen. Jeder Tote ist einer zu viel.

Wie wird die Stadt nach der Pandemie aussehen?

Gluch: Wir alle kämpfen – und so manchen Händler oder Gastronomen wird es nach der Pandemie nicht mehr geben. Wir gehen derzeit davon aus, dass der Lockdown auch den ganzen Januar bestehen bleibt. Für die Gastronomen sind das dann mehrere Monate, dasselbe gilt für alle, die mit Veranstaltungen Geld verdienen, für Künstler und viele mehr. Wer das wirtschaftlich überleben wird, werden wir erst im Frühjahr wissen.

Waldemar Gluch und der Initiativkreis

Waldemar Gluch: Der 60-Jährige ist Vorsitzender der CDU-Mittelstandsvereinigung, seit 25 Jahren selbstständig und engagiert sich seit vielen Jahren in den Werbegemeinschaften der Innenstadt: als Gründer des Neumarkt e. V. und später als Vorsitzender der Werbegemeinschaft W.I.R.

Initiativkreis: Der Verein, dessen Vorsitzender Gluch seit Dezember 2020 ist, will „Solingen lebenswerter machen“. Er hat derzeit 21 Mitglieder – und engagiert sich für alle Stadtteile. Auch Gluch, Inhaber des Fotostudios Flic Flac in Mitte, will der Vorsitzende aller Mitglieder sein.

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