Vorsorge-Serie

Entscheidend ist im Ernstfall der Patientenwille

In Patientenverfügungen legen Menschen ihren Willen für Situationen fest, in denen sie sich selbst nicht mehr äußern können. Auf dieses Mittel haben laut Palliativ- und Hospizverband bereits 43 Prozent der Deutschen zurückgegriffen – Tendenz steigend. Foto: Christian Beier
+
In Patientenverfügungen legen Menschen ihren Willen für Situationen fest, in denen sie sich selbst nicht mehr äußern können. Auf dieses Mittel haben laut Palliativ- und Hospizverband bereits 43 Prozent der Deutschen zurückgegriffen – Tendenz steigend.

Vorsorge im Alter: Worauf ist beim Ausfüllen einer Patientenverfügung zu achten?

Von Manuel Böhnke

Solingen. In Würde zu sterben – es gibt wohl kaum einen Menschen, der diesen Wunsch nicht hegt. Doch was bedeutet das? Und wer entscheidet, was eine Person als würdevolles Ende angesehen hätte, wenn sie wegen einer schweren Erkrankung oder eines Unfalls dazu selbst nicht mehr in der Lage ist? Es sind Fragen wie diese, mit denen sich Mediziner wie Dr. Ulrich Bock regelmäßig beschäftigen müssen. „Eine Patientenverfügung kann dabei eine große Hilfe sein“, sagt der Facharzt für Neurologie und Vorsitzende des Ethikkomitees des Städtischen Klinikums Solingen.

Laut einer Umfrage des Palliativ- und Hospizverbandes verfügen rund 43 Prozent der Deutschen über eine Patientenverfügung. Die Tendenz ist steigend, wie Susanne Kern feststellt. Beispielsweise fordern inzwischen viele Altenpflegeeinrichtungen ihre Bewohner auf, eine Patientenverfügung auszufüllen.

Man muss sich Gedanken über sein Lebensende machen. Das fällt nicht jedem leicht.

Susanne Kern, Palliatives Hospiz Solingen

„Menschen legen darin ihren Willen für Situationen fest, in denen sie sich selbst nicht mehr äußern können“, erklärt Kern. Im Palliativen Hospiz Solingen leitet die Diplom-Psychologin den Ambulanten Hospiz- und Palliativberatungsdienst. Patientenverfügungen sind in den Gesprächen regelmäßig Thema. Deren Aufbau ist nicht sonderlich kompliziert. Der Inhalt bisweilen schon. „Man muss sich Gedanken über sein Lebensende machen. Das fällt nicht jedem leicht.“

Vorlagen und Muster für Patientenverfügungen gibt es viele. In den meisten wird dazu aufgefordert, grundsätzliche Überlegungen zu den Themen Sterben und Tod zu formulieren. Viele Menschen führen dabei Erfahrungen an, die sie gesammelt haben, als sie Angehörige oder Freunde auf dem letzten Lebensweg begleitet haben – positive wie negative.

Darüber hinaus ist es notwendig, Situationen festzulegen, in denen die Patientenverfügung gelten soll. Und zu bestimmen, welche medizinischen Maßnahmen man in der entsprechenden Lage erwartet – oder eben nicht. „Sie können das positiv oder negativ formulieren“, erklärt Susanne Kern. Also etwa: „In Situation X wünsche ich mir folgende Therapie“. Oder: „In Situation Y möchte ich, dass auf folgende Maßnahme verzichtet wird“. Dabei den richtigen Ton zu treffen, ist ein schmaler Grat. Denn einerseits sollten die Verfügungen nicht zu allgemein sein. Sind die Angaben allerdings zu konkret, kann auch das die Entscheidungsfindung der behandelnden Ärzte erschweren.

Vorsorge-Serie

Für sie sind Patientenverfügungen grundsätzlich rechtlich bindend. „Häufig gibt es allerdings Spielräume“, erklärt Dr. Ulrich Bock. Das ist vor allem dann der Fall, wenn sich ein explizit angeführtes Krankheitsbild nicht eins zu eins mit der Situation deckt, in der sich ein Patient tatsächlich befindet. Dann liegt es an den Medizinern, in Gesprächen mit Betreuern oder Bevollmächtigten und den Angehörigen den mutmaßlichen Patientenwillen herauszuarbeiten.

Bei dieser Interpretation von Patientenverfügung ist Abstraktion entscheidend. Der Inhalt muss auf den Ernstfall übertragen werden. Beispiel Coronavirus. Wohl in den wenigstens Verfügungen ist festgelegt, wie die Mediziner bei einem tödlichen Covid-19-Verlauf handeln sollen, wenn alle Therapiemöglichkeiten erschöpft sind. Durchaus denkbar ist aber, dass schwere Lungenkrankheiten thematisiert wurden. Oder die Tatsache, dauerhaft auf intensivmedizinische Behandlung angewiesen zu sein. „Es geht in erster Linie um die Situation, in der sich ein Mensch befindet, weniger um den Auslöser dafür“, erläutert Dr. Ulrich Bock.

Kommt es bei der Interpretation von Patientenverfügungen nicht zu einem eindeutigen Ergebnis, wird das Ehtikkommitee des Solinger Krankenhauses in den Prozess eingebunden. Über 20 bis 30 solcher Fälle spricht die interdisziplinär zusammengesetzte Gruppe pro Jahr. „Wir versuchen, immer eine Situation zu schaffen, die alle Beteiligten mittragen“, sagt der Vorsitzende des Komitees. Und das kann am Ende auch bedeuten, dass lebenserhaltende Maßnahmen eingestellt werden.

In solch eine Situation können auch junge, scheinbar gesunde Menschen geraten. Deshalb rät Susanne Kern auch ihnen, sich Gedanken darüber zu machen, welche medizinische Behandlung sie sich im Ernstfall wünschen. Es ist jedoch nicht zwingend notwendig, eine Patientenverfügung auszufüllen. Möglich ist stattdessen auch, einen Bevollmächtigten zu bestimmen, dem man zutraut, im Ernstfall die richtigen Entscheidungen zu treffen. Voraussetzung dafür ist, im Voraus offen über das Thema zu sprechen. „Ein gutes Gespräch mit den Angehörigen kann eine Patientenverfügung ersetzen“, bestätigt Bock.

Nicht immer haben die Beteiligten dabei dieselbe Meinung. Das sei bei einem so emotionalen Thema völlig normal. Ein Aspekt dürfe in der Diskussion wie im Ernstfall jedoch niemals zu kurz kommen, betont Kern: „Im Vordergrund muss immer stehen, was sich der Betroffene wünscht.“

Weitere Folgen und Vorsorge-Ordner

Serie: Wir bieten Ihnen immer dienstags und freitags interessante Berichte zum Thema Vorsorge.

1. Die gesetzliche Rente

2. Private Altersvorsorge: Die richtige Strategie

3. Private Altersvorsorge: Produktwelt

4. Pflegegrade

5. Pflegekosten

6. Vorsorgevollmacht

7. Patientenverfügung

8. Das Testament

9. Zehn Dinge, die nach dem Todesfall zu regeln sind

10. Was passiert mit der Wohnung?

11. Tabu Sterbehilfe, die Rechtslage in Deutschland

12. Das digitale Erbe

13. Wie Trauerredner trösten

14. Was kostet die Bestattung?

15. Alternative Formen der Bestattung

16. Wenn der Partner stirbt, wann zahlt welche Versicherung?

17. Im Hospiz soll niemand allein sterben

Vorsorge-Ordner: Aufgrund der großen Nachfrage sind die Vorsorge-Ordner derzeit vergriffen; Ende März sind sie wieder erhältlich. Vorbestellungen sind unter der gebührenfreien Nummer Tel.  (08 00) 4 48 87 47 oder im Internet möglich. Für unsere Abonnenten mit ST-Karte gilt ein Sonderpreis von 19,90 statt 24,90 Euro zzgl. Versandkosten (5,90 Euro pro Bestellung).

www.der-vorsorgeordner.de/ wzplus

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Nach Zusammenstoß: Autofahrer eingeklemmt
Nach Zusammenstoß: Autofahrer eingeklemmt
Nach Zusammenstoß: Autofahrer eingeklemmt
Inzidenz über 50: Diese Corona-Regeln gelten in Solingen ab Montag
Inzidenz über 50: Diese Corona-Regeln gelten in Solingen ab Montag
Inzidenz über 50: Diese Corona-Regeln gelten in Solingen ab Montag
Zwei verletzte Personen nach Unfall
Zwei verletzte Personen nach Unfall
Zwei verletzte Personen nach Unfall
Corona: Inzidenz fällt leicht - Inzidenzstufe 3 ab Montag - Weiter höchster Wert im Bund
Corona: Inzidenz fällt leicht - Inzidenzstufe 3 ab Montag - Weiter höchster Wert im Bund
Corona: Inzidenz fällt leicht - Inzidenzstufe 3 ab Montag - Weiter höchster Wert im Bund

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare