Andacht

Vor allen Dingen vermissen wir die Sehnsuchtsmenschen

Corona zwingt häufig zum Lernen und Arbeiten von zu Hause aus. Immer mehr Menschen leiden an der Kontaktreduzierung, das weiß Pfarrerin Karin Ebbinghaus auch von ihren Schülern am Mildred-Scheel-Kolleg. Fotos: Christian Beier/
+
Corona zwingt häufig zum Lernen und Arbeiten von zu Hause aus. Immer mehr Menschen leiden an der Kontaktreduzierung, das weiß Pfarrerin Karin Ebbinghaus auch von ihren Schülern am Mildred-Scheel-Kolleg.

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute die evangelische Pfarrerin Karin Ebbinghaus

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

alles beginnt mit der Sehnsucht „Der blaue Himmel – das endlose Band der Straße – der Mensch sieht ein Sinnbild des Lebens darin. Immer ist im Herzen Raum – für mehr, für Schöneres, für Größeres.“ So dichtet die jüdische Autorin Nelly Sachs. Sehnsucht ist das Gefühl, das uns miteinander in diesen Corona-Zeiten verbindet. Weltweit. Und diese Sehnsucht geht quer durch alle Generationen. Vielleicht haben Sie auch das kleine Mädchen in einem TV-Bericht gesehen: „Ich freue mich so, dass ich wieder in die Schule darf. Ich bin so glücklich. Ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen.“ Ganz hibbelig war die Kleine, die Worte überschlugen sich. Ihre Freude war durch den Fernseher hindurch zu spüren. Und ihre Sehnsucht! Sehnsucht nach Schule – kaum vorstellbar. Aber so ist es in diesen Corona-Zeiten.

Karin Ebbinghaus

Und meinen Schülern und Schülerinnen am Berufskolleg, teilweise schon erwachsen, geht es genauso. Schlafen können sie, aber die Sehnsucht auf Schule hat auch sie gepackt: „Endlich mal wieder mit anderen zusammen sein in der Klasse, endlich mal wieder normaler Unterricht.“ Nach Wochen oder Monaten von Homeschooling und digitalem Unterricht verständlich. Denn was das auch für ältere Schüler bedeutet, wird oft übersehen. Manche haben ja sogar selbst Kinder, die auch im Homeschooling sind oder betreut werden müssen, weil die Kita zu hat. Andere leiden an der Kontaktreduzierung und spüren ihre psychischen Probleme noch mehr. Die Belastung ist manchmal enorm. Verständlich ist da die Sehnsucht. Auch die Social-Media Generation meiner Schüler und Schülerinnen ist das Virtuelle leid: Endlich wieder richtig treffen und quatschen. Endlich wieder Normalität – auch wenn die für jeden von uns anders aussieht. Endlich mal wieder: ein Bier trinken mit Freunden, Pizza essen beim Italiener um die Ecke. Endlich mal wieder in die Stadt mit einer Freundin und mit einem Kaffee oder Cocktail danach. Endlich mal wieder so richtig zusammen Sport machen, so richtig abfeiern.

„Sehnsucht ist ein starkes Gefühl.“

Endlich wieder Besuche, endlich wieder gemeinsam Gottesdienst feiern, Abendmahl, Gemeinschaft erleben, Umarmungen, Nähe vor allen Dingen! Endlich einander wieder richtig ins Gesicht sehen können – ohne Maske. Einander wirklich begegnen. Wie früher. Mehr noch als Sehnsuchtsorte sind es wohl die Sehnsuchtsbegegnungen oder vor allen Dingen die Sehnsuchtsmenschen, die wir vermissen. Sehnsucht ist ein starkes Gefühl. Es beflügelt uns, es hält unsere Hoffnung wach und uns selbst auch lebendig. Sehnsucht lässt uns den Mangel spüren, aber viel stärker noch lässt sie uns spüren, was uns wirklich wichtig ist. Das erleben wir gerade.

In der Bibel da lese ich immer und immer wieder von der Sehnsucht der Menschen nach Gott: „Nach dir, Gott, sehne ich mich“, heißt es in einem Psalm. Menschen sehnen sich, gerade auch in schweren Zeiten nach Gott, nach seiner Nähe. Gerade da, wo das Leben dunkel und eng wird. Aber die Bibel kennt auch noch eine andere Sehnsucht. Die Sehnsucht Gottes nach den Menschen. Bei Nelly Sachs klingt das so: „Fing nicht auch deine Menschwerdung, Gott, mit dieser Sehnsucht nach dem Menschen an?“ Gottes Sehnsucht nach uns Menschen: Für mich ist das etwas Wunderbares. Gott sehnt sich nach uns, nach jedem Einzelnen von uns. Gott will nicht ohne uns, sondern er will mit uns Gott sein. Er will unsere Nähe, ja er verzehrt sich vor Sehnsucht – unglaublich dieser Ausdruck seiner Liebe. Gott sehnt sich nach uns und er wartet auf uns. Auf unsere Antwort, dass wir uns von ihm suchen und finden lassen: „So lass nun unsere Sehnsucht damit anfangen, dich zu suchen, und lass sie damit enden, dich gefunden zu haben.“ (Nelly Sachs)

Ihre Karin Ebbinghaus

Persönlich

Karin Ebbinghaus ist Pfarrerin am Mildred-Scheel-Berufskolleg. Die verheiratete Mutter zweier erwachsener Kinder liebt Wandern, Radfahren und das Fotografieren in der Natur sowie spannende Begegnungen mit Menschen.

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Inzidenz über 50: Diese Corona-Regeln gelten in Solingen ab Montag
Inzidenz über 50: Diese Corona-Regeln gelten in Solingen ab Montag
Inzidenz über 50: Diese Corona-Regeln gelten in Solingen ab Montag
Nach Zusammenstoß: Autofahrer eingeklemmt
Nach Zusammenstoß: Autofahrer eingeklemmt
Nach Zusammenstoß: Autofahrer eingeklemmt
Corona: Inzidenz fällt leicht - Inzidenzstufe 3 ab Montag - Weiter höchster Wert im Bund
Corona: Inzidenz fällt leicht - Inzidenzstufe 3 ab Montag - Weiter höchster Wert im Bund
Corona: Inzidenz fällt leicht - Inzidenzstufe 3 ab Montag - Weiter höchster Wert im Bund
Welche Veranstaltung suchen wir? An welche Feste in Solingen denken Sie gerne zurück?
Welche Veranstaltung suchen wir? An welche Feste in Solingen denken Sie gerne zurück?
Welche Veranstaltung suchen wir? An welche Feste in Solingen denken Sie gerne zurück?

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare