Mein Blick auf die Woche

Von Kulturnacht bis Zöppkesmarkt: Wir müssen mit dem Virus leben 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Dass über Quarantänen und deren Dauer neu verhandelt werden soll, ist angesichts der Personalengpässe in den Kliniken angebracht, meint ST-Chefredakteur Stefan Kob. Das eingeläutete Ende von Maskenpflicht und Abstandsregeln betrachtet er hingegen mit Skepsis.

Solingen. Die Kulturnacht am vergangenen Wochenende machte den Auftakt - und weckte damit eine Vorfreude, die bekanntlich die schönste Freude ist: die schmerzlich vermissten großen Stadtfeiern wie Dürpelfest, Zöppkesmarkt oder Walder Theatertage sollen in diesem Jahr zurückkehren. Sie werden einen wichtigen Beitrag zu mehr Normalität liefern, auch wenn diese sich von der Unbeschwertheit der Vergangenheit unterscheiden mag: nicht zuletzt, weil niemanden die grauenhaften Ereignisse in der Ukraine unberührt lassen - von den schon spürbaren wirtschaftlichen Folgen für unsere Land und unsere Region ganz zu schweigen.

Die Inzidenzzahlen, die immer noch in schwindelerregender Höhe oszillieren, können nicht mehr unser Leben bestimmen, wie es in den letzten zwei Jahren der Fall war. Wir müssen mit dem Virus leben - und das tun viele inzwischen. Die Möglichkeit sich zu impfen, die weniger gefährliche Omikron-Variante und die begründete Hoffnung auf wirksame Medikamente bei einer Erkrankung lassen Corona zu einer normalen Infektion schrumpfen, wenn auch leider in manchen Fällen mit sehr gefährlichen Folgen. Doch wie war es in der Vergangenheit, wenn einen die Grippe erwischt hatte? Man schleppte sich zum Arzt, setzte sich, natürlich ohne Maske, in ein übervolles Wartezimmer, stand in der Reihe in der Apotheke, um sich letztendlich ein paar lindernde Mittelchen zu holen, und legte sich eine Woche ins Bett. Einen PCR-Test, ob es sich um eine harmlose Erkältung oder eine Grippe handelte oder gar, welche Virusvariante im Spiel war: Fehlanzeige. Auch hier gab es schlimme Verläufe mit Intensivstation oder gar Tod. Trotzdem feierten wir auf dem Höhepunkt der Welle Karneval. Wer wollte, der konnte sich ja gegen schwere Verläufe mit einer Grippeschutzimpfung wappnen. Das war am Anfang von Corona nicht der Fall. Heute schon. 

In Bethanien, dem Fels in der Solinger Corona-Brandung, und den anderen Kliniken entspannt sich trotz hoher Zahlen die Lage auf den Intensivstationen weiter. Die Krankenhäuser leiden eher unter den Quarantäneregeln fürs Personal. Der Ansatz, hier neu darüber zu verhandeln, ist daher angebracht. Ob dagegen das eingeläutete Ende von Maskenpflicht und Abstandsregeln wirklich so schlau ist, sei dahingestellt. Das Ergebnis dieses Experiments werden wir in ein paar Wochen betrachten - erste Locker-Länder wie Österreich rudern bereits wieder zurück.

Schulden der Stadt Solingen wachsen pandemiebedingt weiter

Einer, der hoffnungslos mit einem speziellen Virus infiziert ist, heißt Peter Wirtz, war früher einmal Leiter der Friedrich-Albert-Lange Gesamtschule und ist heute Vorsitzender des Vereins Walder Theatertage. Das Virus ist hochansteckend, ein Gegenmittel ist nicht bekannt. Die Krankheit kann bedenkliche Symptome auslösen wie unerklärliche Euphoriezustände, Schübe von überquellender Heiterkeit, die sich rasch abwechseln mit tiefer tränenreicher Melancholie bis hin zum kompletten Kontrollverlust mit Aufspringen, Jubeln, Schreiben und schmerzhaftem Klatschzwang. Eine Prophylaxe gibt es ebenso wenig wie Heilung. Allein stundenlanger stumpfsinniger Fernsehkonsum soll angeblich davor schützen - selbst für einen wie Karl Lauterbach ein zu hoher Preis. Erstmals diagnostiziert wurde das Virus vor 25 Jahren in Wald. Weil die Folgen damals noch völlig unbekannt waren, gab Wirtz den Erreger hemmungslos weiter. Die Inzidenzen stiegen sprunghaft. Das Virus verbreitete sich bald in ganz Solingen und schließlich im ganzen Land. Nur im Düsseldorfer Kultusministeriums, das für die Folgen der Krankheit aufkommen sollte, entwickelten sich lange Zeit Resistenzen - bis jetzt. Nun hat sich auch die Landesregierung angesteckt und unterstützt die jährliche wiederkehrende Infektionswelle dauerhaft mit 50 000 Euro. Zusammen mit dem ebenso hohen städtischen Anteil stehen die Walder Theatertage für die nächsten Jahre dauerhaft auf sicherem finanziellen Boden. Wirtz muss nun nicht mehr jedes Jahr einen neuen Zuschuss erbetteln wie ein Drogensüchtiger seine nächste Dosis. Die durch das Theatervirus ausgelösten Inzidenzen dürften also weiter steigen. 

Weiter wachsen leider auch - pandemiebedingt - die Schulden der Stadt. Noch gar nicht eingepreist sind die Kosten für die Bewältigung der Flüchtlingswelle und die explodierenden Preise für Energie- und Rohstoffe. Über allem schwebt noch das Damoklesschwert einer Zinsanhebung, die zahlreiche Ökonomen aufgrund der galoppierenden Inflation fordern. Alles in allem kann sich der neue Kämmerer Daniel Wieneke nicht beschweren, dass er einen langweiligen Job vom langjährigen Kämmer Ralf Weeke übernommen hat. Angesichts der Monsterschulden, die als Coronafolgen bis 2074 in einen Schattenhaushalt verschoben werden dürfen, waren die früheren Sparrunden Kindergeburtstage. Wer erinnert sich noch an die Bürgerhaushalte vor fast zehn Jahren, in denen mühevoll an verschiedenen Stellen wie bei der Straßenbeleuchtung ein paar Euro Sparpotenzial zusammengekratzt wurden. Diese Vergeblichkeitsfalle hat schlussendlich Ex-Kämmerer Ralf Weekes Kräfte verschlissen und ihn zum Wechsel an die Spitze der Technischen Betriebe (TBS) gezwungen. Allerdings scheint bei den städtischen Betrieben gerade auch nicht überall Sonnenschein zu herrschen. Mit 5,8 Millionen muss die Stadt ihre Betriebe unterstützen, damit eine Schieflage vermieden wird. Dass beim Verkehrsbetrieb der Stadtwerke in der Pandemie massive Einbrüche zu verzeichnen waren, leuchtet sofort ein; warum die Energiesparte, deren Gewinne den städtischen Haushalt stets gestützt haben, allerdings noch weit höhere Coronaschäden von fast einer Million Euro zu beklagen hat, liegt weniger auf der Hand. Mit der Neuordnung der Führungsstrukturen in den Stadtbetrieben versucht das Rathaus dem offenbar gegenzusteuern. Denn ein „Weiter so” kann es aufgrund der massiven Herausforderungen nicht geben.

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