Bethanien-Chefarzt warnt vor Impfmüdigkeit

Vierte Impfung: Es gibt kaum Nachfrage in Solingen

Bis einschließlich Ostern sind in Solingen nur 1767 Viertimpfungen gegen das Coronavirus verabreicht worden.
+
Bis einschließlich Ostern sind in Solingen nur 1767 Viertimpfungen gegen das Coronavirus verabreicht worden.

Die Stadt Solingen meldet lediglich 1767 verabreichte Dosen. Auch bei der dritten Impfung hat der Zuspruch offenbar stark nachgelassen.

Von Björn Boch

Solingen. Bis einschließlich Ostern sind im Solinger Impfzentrum nur 1767 Viertimpfungen gegen das Coronavirus verabreicht worden. Diese Zahl teilte die Stadt auf Tageblatt-Anfrage mit. „Es lässt sich sagen, dass die Viertimpfung leider nicht so angenommen wird wie erwartet und prognostiziert“, so Stadtsprecher Daniel Hadrys.

Eine vierte Impfung (zweite Boosterimpfung) als erneute Auffrischung des Impfschutzes wird von der Ständigen Impfkommission (Stiko) unter anderem allen Menschen über 70 Jahre sowie Personen mit Immunschwäche empfohlen. Weitere Zahlen der Stadt Solingen zeigen allerdings, dass bereits bei der dritten Impfung der Zuspruch stark nachgelassen hat.

Liegt die Impfquote bei Erst- und Zweitimpfung für Solingen noch zwischen 77 und 79 Prozent, sinkt dieser Wert bei der Drittimpfung auf 62 bis 64 Prozent – je nachdem, ob man die Einwohnerzahl des Statistischen Landesamts oder der Stadt selbst zugrunde legt. Die Booster-Impfung wird als notwendig für einen vollständigen Impfschutz bewertet. Die niedrigen Werte sind keine Solinger Besonderheit, sie liegen sogar über Bundesschnitt (knapp 60 Prozent).

Diese Quoten seien aber viel zu niedrig, wie Prof. Winfried Randerath betont. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) müsse die Impfquote bei mindestens 85 Prozent der Bevölkerung liegen – und bei älteren Menschen, die besonders durch Corona gefährdet sind, bei mehr als 90 Prozent, betont der Chefarzt der Lungenfachklinik Bethanien. Setze bereits jetzt eine Impfmüdigkeit ein, sei das doppelt gefährlich: mit Blick auf den Herbst und auf kommende Jahre. Randerath geht davon aus, dass einmal jährlich eine Impfung gegen Covid-19 notwendig sein wird – „idealerweise dann in Kombination mit einer Grippeimpfung“.

Angesichts sinkender Inzidenzen rücke das Thema derzeit zunehmend in den Hintergrund, in einigen Monaten aber könne es mit Wucht zurückkommen. So sei zwar jede Voraussage über die Gefährlichkeit möglicher Mutanten im Herbst unwissenschaftlich, „weil wir einfach nicht wissen können, wie sich das Virus entwickelt“. Aber das Risiko, dass eine Variante sehr ansteckend und sehr gefährlich ist, sei da, so Randerath. Und ganz egal, welche Variante im Herbst dominieren werde: „Möglichst viele Menschen brauchen einen guten Immunitätsschutz.“

„Wenn es nicht mehr durch Überzeugung möglich ist, bleibt nur die Impfpflicht.“

Prof. Winfried Randerath

Wie viele Experten hatte Randerath deshalb auf eine Impfpflicht gehofft. „Denn eines ist völlig klar: Impfungen schützen gegen schwere Verläufe. Und es geht ja nicht nur um die Belastung in den Krankenhäusern, sondern auch darum, dass jeder mit einem schweren Krankheitsverlauf ein hohes Sterblichkeitsrisiko hat“, so Randerath. Eine Impfpflicht sei daher geboten und vertretbar, auch aufgrund der Verantwortung gegenüber jenen, die bei einer Infektion in große Gefahr kommen können. Medizinische Gründe gegen eine Impfung gebe es nach Ansicht der internistischen Fachgesellschaften fast keine.

Als Wähler zeigte er sich „sehr enttäuscht“, dass die Impfpflicht im Bundestag gescheitert ist. „Ich werde den Eindruck nicht los, dass ein wichtiges Thema Spielball der Parteipolitik geworden ist.“ Das treffe ihn umso mehr, als er in der Pandemie sehr viele gute Erfahrungen mit Kommunal- und Landespolitikern machen durfte. „Auch deren Arbeit und Engagement wird durch diese Entscheidung schwieriger gemacht.“

Aufklärung, so ist sich Randerath sicher, stößt irgendwann an ihre Grenzen. „Natürlich müssen wir weiter informieren, aber leider entscheiden sich zu viele bewusst gegen eine Impfung. Und wenn es nicht mehr durch Überzeugung möglich ist, bleibt nur die Impfpflicht.“ Es stehe einer Gesellschaft zu, von allen einen Beitrag für die Gemeinschaft zu fordern. Der sei bei einer Impfung mit einer sehr geringen Belastung verbunden. Und der Nutzen sei hoch. Randerath: „Die Pocken wurden nur durch die Impfpflicht ausgerottet, bei Polio stehen wir kurz davor und auch bei Masern könnte das gelingen.“

Impfung: Das Impfzentrum der Stadt ist aktuell mittwochs und freitags von 10 bis 18 Uhr und samstags von 10 bis 16 Uhr geöffnet. Es wird mit und ohne Termin geimpft.

solingen.impf-buchung.de

Empfehlung zur vierten Impfung

Gruppen: Menschen ab 70 Jahren, Menschen mit Immunschwäche ab 5 Jahren, Tätige in medizinischen und Pflegeeinrichtungen (besonders bei direktem Kontakt zu Patienten und Bewohnern), Betreute in Pflegeeinrichtungen sowie Personen mit Risiko für schweren Krankheitsverlauf in Einrichtungen der Eingliederungshilfe.

Zeitpunkt: Die vierte Impfung (zweite Auffrischung) soll bei gesundheitlich Gefährdeten frühestens drei Monate nach der ersten Auffrischung mit einem mRNA-Impfstoff erfolgen. Personal in medizinischen und Pflegeeinrichtungen soll die zweite  Auffrischung nach sechs Monaten erhalten (früher in Ausnahmefällen).

Alle aktuellen Nachrichten über die Corona-Lage in Solingen finden Sie in unserem laufend aktualisierten Coronavirus-Blog.

Standpunkt: Wahrnehmung als Problem

Kommentar von Björn Boch

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Die Sonne scheint, die Inzidenz sinkt und rund um Corona scheint derzeit die einzige Frage: „War da was?“ Nein. Da ist etwas. Allein am Mittwoch haben sich 73 Personen in Solingen angesteckt, noch immer sterben täglich Menschen – laut RKI am Mittwoch in Deutschland 324. Ja, die aktuelle Variante führt in der Regel zu milderen Verläufen. Wobei viele betroffene Geimpfte sagen: Wenn das der milde Verlauf sein soll, wollen sie den heftigen nicht erleben. Klar ist, dass Corona jeden und jede anders trifft. Ein Rätsel bleibt, warum diese Lotterie nicht für eine hohe Impfquote sorgt. Das Gerede von einer „Killer-Variante“ mag wenig seriös gewesen sein – auch Solingens Corona-Experte Prof. Winfried Randerath betont, dass niemand die Entwicklung von Mutationen absehen kann. Aber es bleibt eben möglich, dass uns zeitnah eine Variante heimsucht, die schlimmer oder viel schlimmer ist als Omikron. Tritt dieser Fall ein, trifft diese Variante auf eine Bevölkerung, die so weit weg ist vom Schutz durch eine hohe Impfquote wie der Bundestag vom Beschluss einer Impfpflicht. Die Folgen haben wir dann den Politikern in Berlin zuzuschreiben – aber auch uns selbst.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Unwetterwarnung: Dürpelfest startet um 18 Uhr - So bereiten sich alle vor
Unwetterwarnung: Dürpelfest startet um 18 Uhr - So bereiten sich alle vor
Unwetterwarnung: Dürpelfest startet um 18 Uhr - So bereiten sich alle vor
Sturmbilanz fällt in Solingen glimpflich aus
Sturmbilanz fällt in Solingen glimpflich aus
Sturmbilanz fällt in Solingen glimpflich aus
Italienische Windbeutel im Eis sind der Hit
Italienische Windbeutel im Eis sind der Hit
Italienische Windbeutel im Eis sind der Hit
Solingerin prallt gegen Lieferwagen
Solingerin prallt gegen Lieferwagen
Solingerin prallt gegen Lieferwagen

Kommentare