Förderungen

Vier neue Hausärzte in Solingen gestartet

Dr. Stephan Lenz ist Vorsitzender der Solinger Kreisstelle der Kassenärztlichen Vereinigung. Den Schritt in die Selbstständigkeit habe er nie bereut, sagt er. Foto: Christian Beier
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Dr. Stephan Lenz ist Vorsitzender der Solinger Kreisstelle der Kassenärztlichen Vereinigung. Den Schritt in die Selbstständigkeit habe er nie bereut, sagt er.

Praxisgründungen werden bezuschusst, weil viele Mediziner in den Ruhestand gehen.

  • Solingen gilt als Region mit besonderem Förderungsbedarf.
  • Wirtschaftliches Risiko spielt oft eine Rolle.
  • Niedergelassene Praxen mussten sich wegen des Coronavirus umorganisieren.

Von Anja Kriskofski

Solingen. In Solingen haben sich in den vergangenen Monaten wieder mehr Hausärzte niedergelassen. Das geht aus Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO) hervor. Weil die Klingenstadt seit Mitte 2019 als Region mit besonderem Förderbedarf gilt, gibt es Zuschüsse, wenn Hausärzte hier eine Praxis eröffnen, übernehmen oder angestellt werden. Vier seien seitdem gefördert worden, teilt KVNO-Sprecher Christopher Schneider auf Anfrage mit. Zwei Mediziner hätten sie neu niedergelassen, zwei weitere seien Angestellte in einer bestehenden Praxis. Ein fünfter Antrag sei angekündigt. Dr. Stephan Lenz, Vorsitzender der KV-Kreisstelle Solingen, sieht die Stadt dennoch auf einen Ärztemangel zusteuern. „Es wird immer enger, wenn man sich anguckt, wie viele Kollegen in Richtung Rente gehen.“

Neu startende Hausärzte fördert die Kassenärztliche Vereinigung mit bis zu 70 000 Euro. „Fünf freie Sitze gibt es derzeit in Solingen, drei davon können noch gefördert werden“, sagt Schneider. Dennoch sei Solingen derzeit nicht unterversorgt, betont er. „Die Versorgung mit Hausärzten lag Mitte 2019 bei 98 Prozent.“ Als unterversorgt gelte ein Gebiet erst ab 75 Prozent. Warum dann die Förderung? Der Strukturfonds sei in Solingen auf eine perspektivische Lücke ausgelegt, darauf, dass in den kommenden Jahren viele Allgemeinmediziner in den Ruhestand gehen, erläutert Schneider. Wie viele Mediziner wann den Ruhestand antreten, ist jedoch unklar. Da die Altersgrenze aufgehoben wurde, können niedergelassene Ärzte selbst wählen, wann sie aufhören zu arbeiten.

Corona in Solingen: Viele Patientengespräche finden telefonisch statt

„Wir müssen den niedergelassenen Sektor wieder attraktiv machen“, sagt Dr. Stephan Lenz. Der gebürtige Remscheider hat 2004 den Wechsel vom angestellten Oberarzt in die Selbstständigkeit gewagt. „Ich habe diesen Schritt nie bereut.“ Zusammen mit einem Kollegen betreibt er eine hausärztliche Gemeinschaftspraxis in Ohligs. Viele jüngere Kollegen fühlten sich als Angestellte jedoch wohler. „Dabei gibt es für Selbstständige tolle Ideen für Arbeitszeitmodelle.“ Eine Rolle spiele vielfach auch die Sorge vor dem wirtschaftlichen Risiko. „Hinzu kommt aber sicherlich noch ein sehr undurchsichtiges und in vielen Bereichen nicht faires Vergütungssystem, welches nahezu abschreckende Wirkung hat.“

Kritisch sieht Lenz auch die Zulassungsbeschränkungen zum Medizinstudium: „Trotz Ärztemangel setzt man weiterhin auf einen schwer zu erreichenden Numerus clausus und gleiche Studentenzahlen.“ Dadurch entgingen viele hervorragende potenzielle Ärzte der universitären Ausbildung, glaubt der KV-Vorsitzende.

„Es wird immer enger.“

Dr. Stephan Lenz, Hausarzt

Wegen der Covid-19-Pandemie mussten auch die niedergelassenen Praxen ihren Betrieb umorganisieren. „Viele haben eine Infektionssprechstunde eingerichtet.“ Mancherorts seien sogar Garagen angemietet worden, um potenziell Infizierte von anderen Patienten getrennt behandeln zu können. Viele Gespräche mit Patienten würden nun auch am Telefon geführt, für die Mitarbeiter gebe es Schichtdienste. „Als Selbstständiger kann man sich einer solchen Situation ganz anders stellen.“

Hausarzt zu sein, sei sehr anspruchsvoll, betont Stephan Lenz: „Wir sehen Patienten aller Fachrichtungen und müssen mit viel geringeren Mitteln als im Krankenhaus Entscheidungen treffen.“ Er schätzt den ganzheitlichen Ansatz seines Berufs. „Wir kennen nicht nur den Patienten, sondern meist die ganze Familie.“

Förderung

Über 70 Hausärzte im Rheinland hat die Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein nach eigenen Angaben mit Startkapital bezuschusst – mit über 4,1 Millionen Euro. Bedacht werden vor allem ländliche Gebiete. In der näheren Umgebung zählen Heiligenhaus, Wülfrath, Kürten und Wermelskirchen zu den förderfähigen Regionen.

Neue Technik soll Telefonsprechstunde ergänzen: Praxen bieten Arztgespräch per Videokonferenz an.

Corona: Testen, testen, testen – diesen Appell formulierte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn. „Und diese Forderung ist auch absolut richtig“, betont Dr. Stefan Lenz.

Die Corona-Pandemie und die Auswirkungen auf die Kliniken und Arztpraxen waren bereits Thema im Rathaus-TV. Dabei appellierte Dr. Stephan Lenz: „Es muss keiner mit Krankheitssymptomen zu Hause bleiben.“ Wer Symptome hat, muss zum Arzt gehen.

Kommentar: Ein Beruf als Berufung

Von Anja Kriskofski

Di

anja.kriskofski@ solinger-tageblatt.de

e Solinger Hausärzte sind gerade in der Covid-19-Pandemie ein wichtiger Pfeiler des Gesundheitssystems. Sie prüfen gemeinsam mit Gesundheitsamt und Kliniken, wer auf das neuartige Coronavirus getestet wird. Und auch sonst sind sie erste Anlaufstelle. Deshalb ist es besonders in diesem Bereich wichtig, dass die Versorgung stimmt. Mit ihrem Strukturprogramm hat die Kassenärztliche Vereinigung neue Hausärzte gewonnen. Doch Fördertöpfe sind irgendwann leer. 

Langfristigen Erfolg könnte es bringen, wenn niedergelassene Mediziner Werbung für ihren Beruf machen, der für die meisten eine Berufung ist. Außerdem muss der Zugang zum Studium flexibler werden. Es ist unverständlich, warum es in Mangelberufen einen strengen Numerus clausus gibt. Ein Einser-Abitur sagt nicht alles über die Eignung eines Menschen aus.

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