Geschichte

Vier Monate unschuldig in DDR-Gefängnissen

Klaus K. Otto, ehemaliger Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands Leverkusen-Solingen, hat seine Erinnerungen schriftlich festgehalten und Institutionen zur Verfügung gestellt, die sich mit der DDR und dem Mauerbau wissenschaftlich beschäftigen.
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Klaus K. Otto, ehemaliger Geschäftsführer des Einzelhandelsverbands Leverkusen-Solingen, hat seine Erinnerungen schriftlich festgehalten und Institutionen zur Verfügung gestellt, die sich mit der DDR und dem Mauerbau wissenschaftlich beschäftigen.

Am Tag des Baus der Berliner Mauer geriet Klaus K. Otto in Ostberlin in Haft.

Von Andreas Erdmann

Am 14. Dezember kehrte er heim. In Düsseldorf ließ er sich noch bescheinigen, dass er nicht als vorbestraft galt.

Heute jährt sich der schicksalhafte Tag des 13. August 1961, der Tag des Baus der Berliner Mauer, zum 61. Mal. Für Klaus K. Otto weckt das Datum besonders unangenehme Erinnerungen. Denn er erlebte diesen Tag in Unfreiheit: „Unglücklicherweise geriet ich damals in Ostberlin in eine politische Diskussion, die zu meiner Festnahme und späteren Verurteilung zu vier Monaten Gefängnis durch die Justiz der DDR führte. Dies wegen angeblicher staatsgefährdender Hetze“, erinnert er sich an dieses dunkle Kapitel seiner Lebensgeschichte.

Klaus K. Otto, 1939 in Berlin geboren, war die längste Zeit seines Berufslebens in Solingen tätig; er war von 1977 bis 2004 Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes (EHV) Leverkusen-Solingen.

Das Verhängnis begann am 12. August 1961: „An diesem warmen Sommertag traf ich zufällig am Brandenburger Tor ein Auto mit drei amerikanischen Touristen, denen ich anbot, ihnen Berlin zu zeigen“, berichtet Otto, der damals als 22-jähriger Student zum Studium in seiner Vaterstadt war. Sie fuhren durch West- und Ostberlin, auch am Gefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) der DDR vorbei, über das er die Amerikaner informierte. Am Bahnhof Friedrichstraße stieg er aus.

„Kommen Sie mit! Wir wollen uns mit Ihnen mal über Diskussionsfreiheit unterhalten.“

Volkspolizist zu Klaus K. Otto

„In der Bahnhofshalle, vor einer Ausstellung mit dem Thema ‚Blutrichter in Westdeutschland‘, gab es einen Menschenandrang. Mittendrin eine Gruppe von acht Leuten aus der DDR und dem Westen, die leidenschaftlich mit einem Professor der Humboldt-Universität stritten.“ Dieser habe behauptet, die BRD sei eine Diktatur, da sie die KPD verbot. Zudem beschuldigte er den Westen der Aufrüstung mit Atomwaffen und kritisierte, dass Generäle der Wehrmacht aus der Nazizeit in der Bundeswehr waren.

„Ich mischte mich ein, verteidigte unsere Regierung“, erinnert sich Otto. „Ich sagte: ,Es stimmt, dass es in der Bundeswehr alte Generäle aus der Wehrmachtszeit gibt, aber in der DDR-Volksarmee muss es diese auch geben. Wo sonst hätten die Generäle herkommen sollen?‘“ Außerdem sei die Bundesregierung keine Diktatur, da sie aus freien Wahlen hervorgegangen sei. Er gebe zwar zu, dass das KPD-Verbot nicht demokratisch sei, „aber Sie lassen ja auch nicht Regimegegner frei herumlaufen“. Plötzlich lösten Volkspolizisten die Ansammlung auf. „Beim Weggehen sagte ich noch zu jemandem: ,Ich denke, hier gibt es Diskussionsfreiheit‘. Die DDR-Verfassung garantierte ja das Recht auf freie Rede. Da tippte mir jemand von hinten auf die Schulter: ,Kommen Sie mit! Wir wollen uns mit Ihnen mal über Diskussionsfreiheit unterhalten.‘“

Ost- wie westdeutsche Diskutanten wurden in eine „Grüne Minna“ verfrachtet und zum Polizeigefängnis am Alexanderplatz verbracht. Dort erfolgte die Vernehmung. „Ich konnte mich an nichts erinnern. Ich hatte, wie man heute wohl sagen würde, einen Blackout.“ Unter dem starken Druck des vernehmenden Offiziers – er drohte ihm mit einem Schnellgericht – habe er schließlich das Protokoll unterschrieben, obschon etliche Aussagen der angeblichen Zeugen nicht der Wahrheit entsprachen. „Am nächsten Tag, dem Tag des Mauerbaus, überführte man mich in das MfS-Gefängnis in Pankow, das ich – Ironie des Schicksals – tags zuvor meinen Amerikanern gezeigt hatte. Dort wurde ich für zwei Tage in eine dunkle, schmutzige Einzelzelle im Keller eingesperrt.“ Nach zwei Wochen war man zu zweit, dann zu viert in einer Zelle. Von einem 20-jährigen Mitgefangenen erfuhr er, „wie der Westen im Ostsektor Spionage betrieb. Die westlichen Geheimdienste hatten keine Skrupel, sogar junge DDR-Bürger für ihre riskanten Aktivitäten zu missbrauchen.“

Nach elf Wochen U-Haft folgte die Gerichtsverhandlung

So hatte der Mithäftling sich zur Spionage verführen lassen und wurde dabei ertappt. „Mich hat diese Handlungsweise der Westagenten gegenüber jungen Menschen schockiert, weil dadurch deren Leben für lange Zeit ruiniert wurde.“ Nach vier Wochen bekam er Besuch von einem Rechtsanwalt, den seine Mutter besorgt hatte. „In dem Gespräch zur Vorbereitung auf das Gerichtsverfahren sagte ich: ,Wenn ich gewusst hätte, wie hier der Westen Spionage treibt, hätte ich unsere Regierung nicht verteidigt.‘ Da meinte er: ,Sagen Sie das vor Gericht. Vielleicht verringern Sie so das Strafmaß.‘“

Nach 11 Wochen U-Haft erfolgte am 24. und 26. Oktober die nicht-öffentliche Gerichtsverhandlung. Die Staatsanwältin habe für ihn vier Monate Gefängnis wegen „staatsgefährdender Hetze und Propaganda“ beantragt. Sein Verteidiger verwies auf seine unbelastete Vergangenheit und sein „vorbildliches soziales Engagement“ bei mehreren Ferienlagern der Quäker in den USA im Jahr zuvor, erreichte aber keine Reduzierung des Strafmaßes. Auch Ottos Kritik an der Spionagetätigkeit des Westens zeigte keine Wirkung. Am Ende entsprach der Richter dem Antrag der Staatsanwältin.

„Mein authentischer Bericht soll veranschaulichen, wie wertvoll und verletzlich Freiheit ist und wie leicht man sie verlieren kann.“

Klaus K. Otto

Nach dem Prozess wurde Klaus K. Otto in die Haftanstalt Rummelsburg überführt und verbrachte dort sieben Wochen in einer Zelle mit nicht politischen Gefangenen. Kurz vor der Entlassung kam er in ein Gefängnis in Magdeburg, in eine Zelle mit sechs sehr alten Häftlingen mit extrem hohen Strafen. „Von da ging es nach Marienborn, wo mich zu meiner Überraschung die westlichen Geheimdienstler genauso streng vernahmen wie ihre östlichen Kollegen. Es hieß, dies sei nötig zum Schutz vor östlichen Agenten, die häufig von der DDR unter den echten Flüchtlingen eingeschleust würden.“ Am 14. Dezember kehrte er heim. In Düsseldorf ließ er sich noch bescheinigen, dass er nicht als vorbestraft galt.

Bei allem habe er noch Glück im Unglück gehabt, denn nach den vier Monaten Haft sei er wieder frei gewesen, während die übrigen Insassen nach ihrer Entlassung die Gefängnismauern mit der Berliner Mauer und der Zonengrenze eintauschen mussten. „Mein authentischer Bericht soll zur kritischen Auseinandersetzung mit unserer jüngsten politischen Vergangenheit beitragen, besonders für die Jugend, und veranschaulichen, wie wertvoll und verletzlich die Freiheit ist und wie leicht man sie verlieren kann“, unterstreicht Otto.

Die Veröffentlichung

Aus dem 2021 herausgegebenen Bericht von Klaus K. Otto: „Der 12. August 1961 in Ostberlin – der Tag vor dem Bau der Berliner Mauer – und das Ende meiner Freiheit“ hat der Verein Gegen Vergessen - Für Demokratie in Berlin einen zweiteiligen Internet-Blog erstellt.

https://t1p.de/5ohra

Passend zum Thema: Buch zeigt Solinger Geschichte gestern und heute

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