Inflation und Krieg lassen Preise in Solingen steigen

Viele Lebensmittel werden teurer - Hamsterkäufe sind kontraproduktiv

Auch bei Edeka Pauli hat der stellvertretende Marktleiter Dimitri Gräwers bei Speiseöl und Mehl Lücken im Regal vorzuweisen. Foto: Christian Beier
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Auch bei Edeka Pauli hat der stellvertretende Marktleiter Dimitri Gräwers bei Speiseöl und Mehl Lücken im Regal vorzuweisen.

Händler geben gestiegene Preise für Rohstoffe, Verpackung und Transport an Endverbraucher weiter.

Von Kristin Dowe

Solingen. Viele Verbraucher werden es beim wöchentlichen Einkauf an der Kasse schon gemerkt haben: Vor allem bedingt durch den Krieg in der Ukraine und eine schwierige wirtschaftliche Gesamtsituation sind die Preise für Lebensmittel spürbar angezogen. Gilt die Ukraine als Kornkammer Europas, sind vor allem Mehl, Getreideprodukte und Sonnenblumenöl in den vergangenen Wochen auch im Bergischen deutlich teurer geworden. Experten befürchten, dass sich die Preisschraube noch weiter nach oben drehen könnte.

Eine Inflationsrate von über sieben Prozent war bereits eine längere Entwicklung, die durch den Krieg in der Ukraine noch verschärft wurde“, sagt Ralf Engel, Geschäftsführer des Handelsverbands NRW Rheinland – Region Bergisches Land. „Die Vorlaufkosten der Lieferanten steigen ebenso wie Rohstoffe für die Produkte, so dass die Händler dies nur auffangen können, wenn sie entweder Personal entlassen oder die Preise erhöhen. Da Fachkräfte aber dringend gebraucht werden, entscheiden sie sich eher für letzteres.“ Zudem hätten sich die Verbraucher jahrelang an extrem günstige Lebensmittelpreise gewöhnt. Zwar seien die Lieferketten insgesamt gesichert, doch könne es gelegentlich bei einzelnen Produkten zu Lieferverzögerungen kommen. „Dann muss man ein bisschen warten oder statt Sonnenblumenöl ein anderes Öl nutzen“, schlägt Engel vor.

Edeka Pauli: Hamsterkäufe sind kontraproduktiv

Absolut kontraproduktiv für die Versorgungssituation seien Hamsterkäufe, appelliert Thomas Pauli, Inhaber von Edeka Pauli im Hofgarten, an das Verantwortungsbewusstsein der Verbraucher. „Es muss sich grundsätzlich niemand Sorgen machen, ein bestimmtes Produkt gar nicht mehr zu bekommen. Hamstern hat aber die Folge, dass vielleicht eine ältere Dame genau die Flasche Sonnenblumenöl nicht mehr bekommt, die sie vielleicht gerade dringend benötigt.“ Deshalb habe Edeka Pauli Massenkäufen bei bestimmten Produkten, die man während der Corona-Pandemie etwa schon bei Toilettenpapier beobachten konnte, einen Riegel vorgeschoben.

Um gewisse Preissteigerungen kommen wir nicht herum.

Thomas Pauli, Kaufmann

Mit der gegenwärtigen Situation geht Thomas Pauli seinen Kunden gegenüber offen um: „Um gewisse Preissteigerungen kommen wir nicht herum.“ Auch Wurst und Fleisch seien teurer geworden, da auch die Preise für die Futtermittel gestiegen seien. Zwar sei er sich bewusst, dass andere Supermärkte und Discounter vor den gleichen Problemen stehen, kraftraubend sei die Lage aber manchmal trotzdem. „Ich wünsche mir nichts mehr als einfach mal wieder ein ganz normales Geschäftsjahr ohne Corona oder ähnliche Ausnahmezustände.“ Die Preisaufschläge gäben die Händler nur an die Endverbraucher weiter, diese setzten sich aus mehreren Faktoren zusammen: Neben Rohstoffen seien auch Verpackungsmaterialien teurer geworden – die gestiegenen Benzinpreise trieben zudem die Transportkosten in die Höhe. „Schon den normalen Tagesbedarf bekommen wir zum Beispiel bei Mehl nicht mehr 1:1 gedeckt.“

Ein Lichtblick für die Konsumenten: Gleichzeitig gebe es bei bestimmten Produkten auch immer wieder Preissenkungen, versichert Thomas Pauli und verweist wie der Handelsverband auf jahrelange Dumpingpreise im Lebensmittelhandel. „Ein Kilogramm Mehl wurde in Deutschland früher für gerade mal 35 Cent vermarktet. Das finde ich schon problematisch.“

Landwirte zeigen verhaltene Freude über Preissteigerungen für Milch und Co.

Verhaltene Freude über die Entwicklung gebe es aufseiten der Landwirtschaft, sagt Karl-Otto Dickhoven, Vorsitzender der Ortsbauernschaft Solingen. „Der Preis für einen Liter Milch ist von 40 auf 50 Cent gestiegen. Das ist zwar immer noch nicht auskömmlich, aber es ist für die Landwirte eine kleine Verbesserung.“ Grund zum Jubeln böten die Preissteigerungen für die Bauern aber auch nicht, zumal Rindvieh, Maschinen und speziell Dünger ebenfalls deutlich teurer geworden seien. Zudem müssten die Landwirte in Zukunft viele für sie kostspielige Natur- und Tierschutzauflagen erfüllen. So soll laut einer EU-Vorgabe ab 2023 etwa vier Prozent der Ackerflächen stillgelegt werden. „Ich hoffe nur, dass der Landwirtschaft dann günstige Kredite zur Verfügung gestellt werden, damit wir die Ansprüche der Verbraucher erfüllen können“, so Dickhoven. „Wir sind froh, dass wir unseren Betrieb im Fahrwasser halten können.“
Ende 2021: Landwirte in Solingen sind mit den Erträgen zufrieden

Spartipps:

Die Verbraucherzentrale empfiehlt, vor allem saisonal einzukaufen, mehr selbst zu kochen anstatt auf Fertiggerichte zu setzen und einen Essensplan für die komplette Woche aufzustellen, für den gezielt eingekauft wird. So lasse sich schon eine Menge Geld sparen. Weitere Tipps und Rezepte für preisgünstige Gerichte gibt es online auf den Seiten der Verbraucherzentrale: https://t1p.de/l1l53

Standpunkt: Hamstern ist egoistisch

Kommentar von Kristin Dowe

kristin.dowe@ solinger-tageblatt.de

Man sollte annehmen, dass die meisten Menschen aus den Erfahrungen der Corona-Pandemie gelernt haben und auf Masseneinkäufe von Toilettenpapier, Mehl und Co. nun verzichten. Ein Blick in die teils leeren Supermarktregale belehrt uns leider eines Besseren. Geholfen ist mit derart egoistischem Verhalten niemandem, denn Hamstern sorgt nicht nur dafür, dass sich die Versorgungssituation der Bevölkerung insgesamt verschlechtert, es schafft auch eine künstliche Verknappung der Lebensmittel und treibt damit die Preise weiter unnötig nach oben. Der Hauptgrund für den Preisanstieg bei Lebensmitteln ist sicherlich der Krieg in der Ukraine. Während Normalverdiener dies noch relativ gut händeln können und nach Jahren der Dumpingpreiskultur Lebensmittel im besten Fall nun wieder mehr wertschätzen lernen, dürfte die sich drehende Preisschraube Menschen im Leistungsbezug ernsthafte Probleme bereiten. Wenn die Entwicklung fortschreitet, wird für die Politik etwa an einer Erhöhung der Regelsätze für Hartz IV wohl kein Weg vorbeiführen. Die Schwächsten der Gesellschaft bekommen die Krise zumeist als erste zu spüren.

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