Hochwasser hat Spuren hinterlassen

Viele Freizeitanlagen in Solingen bleiben geschlossen

Auch Haus Müngsten war schwer vom Hochwasser getroffen. Foto: Michael Schütz
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Auch Haus Müngsten war schwer vom Hochwasser getroffen.

Noch knapp drei Wochen Sommerferien liegen vor Solingens Schülerinnen und Schülern, doch die Freizeitmöglichkeiten für alle Daheimgebliebenen sind angesichts der immensen Hochwasserschäden an vielen Freizeitanlagen der Klingenstadt begrenzt.

Von Kristin Dowe

Ein Trostpflaster: Zumindest die für den 1. August geplanten Brückensteig-Touren sollen regulär stattfinden. Dagegen rechnet Thomas Czeckay, Betriebsleiter des Freibads Ittertal, nicht damit, in der Sommersaison noch einmal öffnen zu können – auch im Hinblick auf die in Solingen schwer berechenbare Corona-Lage.

Das Team habe seit dem Hochwasser aber auch dank der tatkräftigen Unterstützung vieler freiwilliger Helfer schon einiges bewältigt. So wurden die vier Beachvolleyballfelder und das Beachhandballfeld vom Schlamm befreit und mit frischem Sand ausgestattet. Ein größeres Problem stelle der Maschinenraum dar, der komplett unter Wasser stand, so dass viele Motoren von Technikern generalüberholt werden müssten. Auch der Strom funktioniere noch nicht überall wieder. „Wir hoffen zumindest darauf, zur Wintersaison Ende November die Eisfläche öffnen zu können“, so Czeckay.

„Uns schwammen Kuchen und Spätzle entgegen.“

Sabine Groß, Haus Müngsten

Unübersichtlich bleibt die Situation auch im Heidebad, wo der Betrieb frühestens am 14. August wieder starten kann, da erst dann die Ergebnisse der notwendigen Wasserproben vorlägen. „Wir können noch nicht sagen, ob das klappt“, bedauert Kirsten Olsen-Buchkremer, Geschäftsführerin der Solinger Bädergesellschaft. Auch dort mussten Keller ausgepumpt und Gerätschaften gewartet werden.

Auf eine beschauliche Fahrt über die Wupper mit der Schwebefähre müssen Ausflügler ebenfalls auf unbestimmte Zeit verzichten. Denn die zum Haus Müngsten gehörige Attraktion hat das Unwetter auch schwer beschädigt, berichtet Sabine Groß, die die Schwebefähre gemeinsam mit Ehemann Klaus im Auftrag der Lebenshilfe betreibt. „Wir kämpfen gerade an allen Fronten. Durch das Unwetter wurden Führungsseile der Fähre unter Wasser gesetzt, so dass sich Treibgut wie Baumstämme darin verfangen hat. Dadurch wurden Betonblöcke auf beiden Uferseiten aus ihrer Verankerung gerissen“, schildert Groß. „Wir wissen nicht, wann es wieder losgeht.“

Derweil wurden im Haus Müngsten Elektrogeräte, Server, Tiefkühltruhen und sanitäre Anlagen geflutet. Ein Stromkasten der Stadtwerke versorgt die Helfer notdürftig mit Licht. An den Tag des Hochwassers denkt Sabine Groß mit Schrecken zurück. „Uns schwammen Kuchen und Spätzle entgegen.“ Nun hoffe sie, dass das Haus Müngsten zumindest bald mit einem Toilettenwagen in den Terrassenbetrieb gehen kann, wenn die gröbsten Schäden behoben sind.

Dramatisch verlief der Tag des Hochwassers auch für Stefan Böhm, der gemeinsam mit Ehefrau Claudia im Brückenpark eine Minigolfanlage und einen traditionsreichen Kiosk betreibt. In der kleinen Bude habe das Wasser gut 1,70 Meter hoch gestanden und Kühlschränke und Geräte, darunter eine Mandelmaschine, unbrauchbar gemacht. „Die komplette Holzeinrichtung ist hinüber“, bilanziert Stefan Böhm. Die Schäden allein im Kiosk beliefen sich auf 40 000 Euro.

Ebenso sei die Minigolfanlage mit Massen von Schlamm bedeckt gewesen. „Dort war ja früher mal ein Rüben- und Kartoffelacker. Etwa so sieht es da jetzt wieder aus“, übt der Solinger sich in Galgenhumor, der an jenem Abend zu allem Überfluss auch noch mit einem Herzproblem ins Krankenhaus eingeliefert werden musste. Gleichzeitig habe die enorme Hilfsbereitschaft der Solinger dem Paar Mut gemacht. Nach einem Aufruf über Facebook hätten zahlreiche Menschen entweder materiell mit Spenden oder ganz praktisch bei den Aufräumarbeiten geholfen.

Viel Solidarität und Hilfsbereitschaft erfuhr auch die Schleiferei Wipperkotten, betont der Vorsitzende des gleichnamigen Fördervereins, Reinhard Schrage. „Die Hütte stand etwa zwei Meter unter Wasser. Am darauffolgenden Tagen kamen etliche Helfer, um den Schlamm wegzuschaffen. Sogar eine Gruppe von einem Junggesellenabschied hat ganz spontan seine Pläne geändert und hier mit angepackt. Toll, wie sich besonders junge Leute hier engagiert haben“, lobt Schrage. Die Schäden seien nichtsdestotrotz gravierend. So seien viele Schneidwaren zerstört und auch das Wehr in Mitleidenschaft gezogen worden. Dort hatte sich ein gewaltiger Steinhaufen aufgetürmt, der inzwischen vom Wupperverband beseitigt wurde.

Untergeschoss im Balkhauser Kotten muss kernsaniert werden

Als „trist“ beschreibt Nicole Molinari vom Museum Balkhauser Kotten die Lage an dem Solinger Wahrzeichen. Mit viel Unterstützung freiwilliger Helfer sei es inzwischen gelungen, das historische Gebäude vom Schlamm zu befreien. „Der Kotten-Laden ist mitsamt den Elektrogeräten komplett hinüber“, so Molinari. Das Untergeschoss müsse kernsaniert, die dortigen Gefache entfernt werden. Nun gehe es erst mal daran, die Exponate thematisch zu sortieren und ab dem 2. August vorübergehend in einem Container auszulagern. Die baulichen Kosten beliefen sich auf rund 100 000 Euro. „Dieses Jahr werden wir wohl nicht mehr aufmachen können.“

Spendenaktionen

Sowohl der Balkhauser Kotten als auch die Schleiferei Wipperkotten planen Sonderverkaufsaktionen, bei denen vom Schlamm geprägte Schneidwaren symbolisch erworben werden können, um Spenden zu sammeln – beim Balkhauser Kotten ist dies erst für die Weihnachtszeit geplant. Spendenmöglichkeiten finden Interessierte auf den jeweiligen Homepages der Einrichtungen.

Standpunkt: Not schweißt zusammen

Von Kristin Dowe

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Jetzt, wo das Wasser sich zurückgezogen hat, wird an vielen Solinger Wahrzeichen erst das ganze Ausmaß der Katastrophe deutlich. An den Schäden werden die Betreiber noch Jahre zu tragen haben und eine Öffnungsperspektive ist für sie ungewiss, nachdem die Einrichtungen sich nach mehr als einem Jahr Corona-Pandemie gerade einigermaßen berappelt hatten. Zwar sind die Auswirkungen des Hochwassers in Solingen im Vergleich zu anderen Städten, wo Menschen obdachlos geworden sind und es deutlich mehr Todesfälle zu beklagen gab, noch im Rahmen geblieben. Das schmälert die Last für die Betroffenen in der Klingenstadt aber keineswegs. Umso mehr sollten wir die stillen Heldinnen und Helden dieser Katastrophe zu schätzen wissen. Menschen, die mit Eimer und Schaufel Ketten bildeten, um stundenlang Schlamm wegzuschaffen, die Betroffenen an jenem Tag spontan ein Nachtasyl anboten oder die versuchten, mit Spenden die Not zu lindern. So sieht man schon jetzt an vielen Beispielen, dass diese schwierige Zeit die Solinger nur noch enger zusammenschweißt. Das macht Mut – denn Solidarität und Zusammenhalt sind jetzt das Gebot der Stunde.

Live-Blog: Hochwasser-Hotline ist nach wie vor erreichbar

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