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Viele freie Jobs und offene Lehrstellen in Solingen

Der Arbeits- und Ausbildungsmarkt in Solingen.
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Der Arbeits- und Ausbildungsmarkt in Solingen.

Trotz leicht gestiegener Arbeitslosenzahlen: Die Agentur für Arbeit sieht zurzeit einen „Beschäftigungsboom“.

Von Björn Boch

Solingen. Im Bergischen Land und in der Klingenstadt gibt es „einen absoluten Beschäftigungsboom“. Das betont Martin Klebe, Leiter der Agentur für Arbeit Solingen-Wuppertal. Auch wenn am Freitag neue Zahlen vorgelegt wurden, laut denen die Arbeitslosigkeit gestiegen ist, erklärt er im Gespräch mit dem ST: „Von saisonalen Einflüssen abgesehen ist der Arbeitsmarkt sehr aufnahmefähig.“

Aktuell sind in Solingen 6350 Personen arbeitslos gemeldet, 358 Personen oder 6 Prozent mehr als im Vormonat. Im Vergleich zum Juli des Vorjahres allerdings sind es 269 Personen (4,1 Prozent) weniger. Dazu kommt noch die „Unterbeschäftigung“: Menschen, die aufgrund der Teilnahme an Maßnahmen oder aufgrund von Krankheit nicht als Arbeitslose gezählt werden. 8407 Personen sind das in der Klingenstadt, 279 mehr als im Vormonat, aber 449 weniger als vor einem Jahr.

Auffällig: Die „Zahl der leistungsberechtigten Personen aus der Ukraine“ hat sich im Vergleich zum Vormonat deutlich erhöht. „Im Juli waren 505 erwerbsfähige Personen mit Staatsangehörigkeit Ukraine zur Arbeitsvermittlung gemeldet. Im Juni waren es 140 und vor einem Jahr 33 Menschen“, heißt es von der Arbeitsagentur.

Arbeitsagentur: „Persönlicher Kontakt ist das A und O“

Von Vollbeschäftigung will Martin Klebe allerdings nicht sprechen. „Die hätten wir, sobald die Quote bei 3 bis 4 Prozent liegt. Aktuell haben wir um die 7 Prozent – und viele, die noch eine Perspektive haben. Dabei zu helfen, das ist unsere vornehmste Aufgabe.“

Den Eindruck zahlreicher offener Stellen in der Stadt bestätigt er: „Es wird gesucht, gesucht, gesucht.“ Für viele derzeit arbeitslos Gemeldete seien die Hürden in den Arbeitsmarkt aber sehr hoch. „Die Hälfte dieser Menschen ist langzeitarbeitslos, zwei Drittel haben keine Ausbildung und gelten als Geringqualifizierte.“ Ein Drittel sei älter als 50 Jahre, was leider immer noch ein Hemmnis sei, dazu kämen gesundheitliche Einschränkungen. Wer aber jünger sei, eine Ausbildung habe, gesund sei und arbeiten wolle, der finde auch „so gut wie immer“ einen Job.

Gesucht werde vor allem in der Gastronomie, im Handel, im Bauhandwerk, im IT-Bereich sowie in der Alten- und Krankenpflege. In diesen und vielen anderen Bereichen werde der Arbeitsmarkt auf lange Sicht ein Bewerbermarkt bleiben, auf dem sich viele den Job aussuchen könnten. „Wir werden erleben, dass die Alterskohorten, die in Rente gehen, jedes Jahr größer werden.“ Klebe sieht einen Zuwanderungsbedarf von 400 000 Personen bundesweit – im Jahr. Davon sei man derzeit „sehr weit entfernt“. Umso wichtiger sei die geplante Novelle des Fachkräfteeinwanderungsgesetzes.

Diese Reform sehnt auch Arnd Krüger, Kreishandwerksmeister der Kreishandwerkerschaft Solingen-Wuppertal, dringend herbei. „Wenn die Babyboomer rund um das Jahr 2030 in Rente gehen, verlieren wir gut ein Drittel der Handwerksbetriebe.“ Dazu kämen dieselben Probleme in anderen Bereichen wie der Gastronomie oder der Pflege. „Was das für eine Stadt wie Solingen und das Bergische Land bedeutet, kann ich mir noch gar nicht richtig ausmalen.“

Solingen: Fachkräftemangel gefährdet die Energiewende

Diese Entwicklung gefährde Ziele wie die Energiewende. Um 2035 klimaneutral zu werden, müssten alleine in Wuppertal 500 Millionen Euro in den Gebäudebestand investiert werden. Aufträge, die jemand umsetzen müsse. Krüger weiß nicht, wie das angesichts fehlender Fachkräfte zu machen sei. Und appelliert: „Unsere Arbeit ist sinnstiftend, jeder und jede kann gelebten Umweltschutz im Handwerk praktizieren.“ Wenn das aber niemand machen möchte, dann werde es auch nicht geschehen. Sowohl die Zahl der Mitarbeiter, als auch die Zahl der Auszubildenden im Handwerk sei derzeit deutlich zu gering.

„Im bergischen Städtedreieck gibt es noch mehr als 1200 offene Ausbildungsplätze.“

Carmen Bartl-Zorn, IHK

Bei den Ausbildungsstellen, die der Arbeitsagentur für Solingen gemeldet sind, gibt es mehr unbesetzte Stellen (305) als Jugendliche, die eine Stelle suchen (208). „Im bergischen Städtedreieck gibt es insgesamt noch mehr als 1200 offene Ausbildungsplätze“, erklärt Carmen Bartl-Zorn, Geschäftsführerin für Aus- und Weiterbildung bei der Bergischen IHK.

Der 1. August als Ausbildungsstart ist dabei nicht in Stein gemeißelt. Viele Betriebe, erklärt Martin Klebe, seien bereit, noch bis Ende des Jahres Ausbildungsverträge abzuschließen. Er betont, warum Aus- und Weiterbildung wichtig sind: „Wir sind der festen Überzeugung: Gute Qualifikation führt dazu, dass man stabiler im Arbeitsmarkt ist.“

Natürlich, so Klebe, hätten Energieknappheit oder andere Entwicklungen in Zusammenhang mit dem Krieg oder der Pandemie Auswirkungen auf Arbeits- und Ausbildungsstellen. „Aber wenn es so weiterläuft wie im Moment, dann ist mir um den Arbeitsmarkt nicht bange.“

Arbeitsteilung

Während sich die Agentur für Arbeit um Empfänger von Arbeitslosengeld I, offene (Lehr-)Stellen und Kindergeld kümmert, werden im Kommunalen Jobcenter der Stadt alle betreut, die auf Arbeitslosengeld II (Hartz IV) angewiesen sind. Aktuell komme es im Jobcenter aufgrund von Urlaub, unbesetzten Stellen und Krankheit zu längeren Bearbeitungszeiten. Dazu komme mehr Arbeit, weil Geflüchtete aus der Ukraine Leistungen vom Jobcenter erhielten. Die Aufgaben würden nach Priorität abgearbeitet, so Jobcenter-Leiter Mike Häusgen. Ganz oben stünden Fälle, bei denen akute Notlagen drohten, etwa ein Verlust der Wohnung oder der Energieversorgung.

Standpunkt von Björn Boch: Der Mangel ist sichtbar

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Es ist nicht möglich, durch die Stadt zu gehen, ohne die vielen Schilder zu sehen. Wahlweise steht dort: „Wir stellen ein“, „Wir suchen Dich“ oder: „Wir schließen wegen Personalmangels früher“. Was aktuell auch mit Corona zusammenhängt, bald aber normal werden könnte. Der Fachkräftemangel ist zwar keineswegs neu. Neu ist nur, wie schnell er sich verschärft.

Denn trotz Krieges und wirtschaftlicher Unsicherheit ist der Boom auf dem Arbeitsmarkt offenbar ungebrochen. Teilweise sind Firmen selbst schuld an der Lage, weil sie in guten Zeiten zu wenig ausgebildet haben oder zu oft nur befristete Arbeitsverträge anbieten. Den ganz großen, absehbaren Mangel ändert ein Umdenken in diesen Bereichen aber nicht mehr.

Da sich keine neue Generation „Babyboomer“ abzeichnet, ist Zuwanderung im großen Stil die einzige Chance. Fürchten muss das niemand. Jede seriöse Studie belegt, dass ein Land von gut gesteuerter Zuwanderung immer profitiert. 

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