Verzweiflung und Wut sind keine guten Ratgeber

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Die Woche

Von Stefan M. Kob

Hatte Donald Trump am Ende doch recht? Sein Ansatz zur Coronakrise: weniger Tests, dann gibt’s auch weniger positive Befunde. Natürlich lag der abgewählte US-Präsident falsch. Spätestens, wenn die Kliniken die Kranken nicht mehr versorgen können, wenn sich die Leichen in provisorischen Kühlhäusern stapeln, entpuppt sich die „Strategie“ als gefährliches Staatsversagen. Doch sind wir in unserem Land vor solcher Selbsttäuschung gefeit? Wenn man den Verlauf der Inzidenzwerte in den Nachbarstädten Remscheid und Solingen betrachtet, kann man da so seine Zweifel haben. So unterschiedlich können sich die Bürger in den beiden Großstädten gar nicht verhalten, dass in der einen der Wert bereits zeitweise unter die früher relevante Grenze von 50 gesunken ist, während in der anderen der 7-Tage-Durchschnitt stabil mehr als doppelt so hoch über 100 Infektionen pro 100 000 Einwohnern liegt. Wenn man dann aber weiß, dass in Solingen mehr als doppelt so viele Tests gemacht werden wie in Remscheid, überrascht die Differenz schon weniger. Spätestens, wenn man die Zahlen der stationären Patienten und der Todesfälle vergleicht, liegt der Fall klarer: Diese sind nämlich in Relation zur Einwohnerzahl fast gleich hoch.

Wenn es aber offenbar darauf ankommt, ob das eine Rathaus eine lässigere Teststrategie fährt und in dem anderen versucht wird, mit allen Mitteln das Dunkelfeld aufzuhellen – was ist dann von der Aussagekraft der bundesweiten Inzidenzzahl zu halten? Und ausgerechnet diese Zufallszahl ist immer noch das Maß aller Dinge, ob wir uns weiter verbunkern müssen oder schrittweise unser normales Leben zurückerhalten. Es ist höchste Zeit, einheitliche Teststandards zu schaffen und andere Indexwerte in diese buchstäblich lebenswichtige Entscheidung einzubeziehen – etwa die Auslastung der Kliniken.

Wie weit die öffentliche Stimmung inzwischen gekippt ist – von Angst und Verzweiflung zu Resignation und Wut –, zeigt der eskalierte Streit zwischen Ohligser Werbegemeinschaft und dem Einzelhandelsverband NRW. Was ist geschehen? EHV-Geschäftsführer Ralf Engel hatte in einem seiner zahlreichen Interviews den in Not geratenen Ladeninhabern empfohlen, im Zweifel lieber aufzugeben, als alle Reserven für ein hoffnungsloses Unterfangen aufzubrauchen. In einer dramatischen Situation, in der viele Geschäftsleute verzweifelt um die schiere Existenz kämpfen, nicht gerade ein mutmachender Appell. Aus Ärger und Enttäuschung will die OWG jetzt den Verband verlassen. Doch bevor sich die Ohligser bei allem verständlichen Zorn selbst schaden, indem sie die Lobby des Handels mit ihrem Austritt schwächen, sollten sie erst einmal das Gespräch suchen. Denn womöglich hatte die in der Tat verstörende Botschaft ja einen ganz anderen Adressaten als die eigenen Mitglieder: nämlich die Politik. Wenn, wie in Köln, jetzt schon über einen Inzidenzwert von 10 als Voraussetzung für Lockerungen fabuliert wird, kann man als Verband der Politik gar nicht drastisch genug vor Augen führen, dass es bald nichts mehr zu öffnen gibt, wenn man stumpf am Lockdown ohne jede Perspektive und Differenzierung festhält.

Sonniges Wochenende weckt die Hoffnung auf den baldigen Frühling.

Maskenverweigerer, die ihren Frust gewaltsam am Verkaufspersonal auslassen.

stefan.kob @solinger-tageblatt.de

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