Drei Fallbeispiele

So verfolgt die Stadt Corona-Kontakte

Mit der Kontaktverfolgung – hier ein Foto aus dem August – sind im Gesundheitsamt mittlerweile mehr als 150 Personen an verschiedenen Standorten beschäftigt. Die Fälle werden priorisiert und dann nach Dringlichkeit behandelt. Foto: Christian Beier
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Mit der Kontaktverfolgung – hier ein Foto aus dem August – sind im Gesundheitsamt mittlerweile mehr als 150 Personen an verschiedenen Standorten beschäftigt. Die Fälle werden priorisiert und dann nach Dringlichkeit behandelt.

Bürger können helfen, wenn es beim Gesundheitsamt länger dauert.

Von Björn Boch

Solingen. Die Kontaktverfolgung im Umfeld von Corona-Infizierten spielt bei der Bekämpfung der Pandemie eine entscheidende Rolle. Das Gesundheitsamt der Stadt wurde personell weiter ausgebaut, zuletzt kamen zu rund 100 Kräften 55 weitere von Zeitarbeitsfirmen und der Bundeswehr hinzu. Eine weitere Aufstockung ist laut Stadt bereits vorbereitet.

Dennoch könne es aufgrund der Vielzahl von Kontaktverfolgungen zu Problemen kommen: Selbst wenn die Stadt noch 500 Menschen einstelle, seien Fehler nicht immer auszuschließen, hatte Oberbürgermeister Tim Kurzbach bei einer Pressekonferenz gesagt. Gesundheitsamtsleiterin Dr. Annette Heibges bat ebendort um Verständnis. „Nicht immer bekommen die Menschen die Antwort so schnell, wie sie sie brauchen und bekommen müssten. Das kann schon mal ein, zwei Tage dauern.“

Und manchmal kommt es auch vor, dass sich Betroffene falsch verhalten. Das Tageblatt hat aus einer Vielzahl von Leser-Hinweisen drei Beispiele aufbereitet. Da der Stadtdienst Gesundheit zu Einzelfällen keine konkreten Auskünfte erteilen darf, sind die Beispiele anonymisiert übermittelt worden und die Antworten als „generelle Erläuterungen“ zu sehen.

1. Fall – eine Schülerin und die Quarantäne-Frage:

Die Schülerin eines Gymnasiums, deren Eltern tags zuvor positiv auf Corona getestet worden waren, kam regulär in ihre Klasse. Die Eltern hatten noch keinen Kontakt zum Gesundheitsamt, da das Testergebnis noch recht frisch war, und wussten nicht, ob die Schülerin in Quarantäne muss. „Daraufhin haben die Eltern in der Schule nachgefragt, was sie machen sollen – und bekamen die Antwort, dass die Schülerin in die Schule kommen solle“, berichtet ein anderes Elternteil aus derselben Klasse. Auf Bitten der Mitschüler und eines Lehrers wurde sie nach einigen Unterrichtsstunden wieder nach Hause geschickt.

Kann es sein, dass ein Kind positiver Eltern nicht in Quarantäne muss?

„Nein. Personen, die im selben Haushalt leben, werden als Kontaktpersonen der Kategorie 1 eingestuft. Sie müssen in Quarantäne“, erklärt Stadtsprecher Thomas Kraft. Es sei davon auszugehen, dass hier ein relevanter Kontakt stattgefunden habe. Deshalb sei für diese Personen die Quarantäne zwingend. „Eltern müssen in solch einer Situation dafür sorgen, dass ihre Kinder nicht in den Unterricht gehen. Diesen Informationsstand, diese Weitsicht und diese Verantwortung müssen wir erwarten und abverlangen, um Risiken einzugrenzen“, so Kraft.

War das Verhalten der Schule richtig?

Nein. Schulen sollten Schülerinnen und Schüler nicht am Unterricht teilnehmen lassen, wenn die Situation unklar sei. Dazu gehöre auch der Fall, wenn die Bearbeitung durch das Gesundheitsamt noch nicht abgeschlossen sei, aber eine Person im Haushalt positiv getestet wurde. In der derzeitigen Situation gelte dann laut Stadt das Vorsichtsprinzip: Nicht in den Unterricht, wenn keine Klarheit herrsche. Der Stadtdienst Gesundheit empfehle Schulen in unklaren Situationen, Schüler nicht am Unterricht teilnehmen zu lassen. Das gelte zum Beispiel, wenn ein Verdacht bestehe, weil ein Schüler Symptome zeige. „Dieses Vorsichtsprinzip dient bis zur Klärung des Sachverhalts dem Schutz aller anderen“, so Kraft.

Wann muss die ganze Klasse in Quarantäne?

Sollte ein Schüler positiv getestet sein, wird wie in jedem Fall erst einmal der infektiöse Zeitraum ermittelt. Sollte dabei deutlich werden, dass der Schüler in dem Zeitraum, als er bereits ansteckend war, länger als 30 Minuten am Unterricht teilgenommen hat, dann würde der Teil der Klasse, der ebenfalls an diesem Unterricht teilgenommen hat, in Quarantäne gesetzt. Das galt zumindest bis vorige Woche – nun wurden allerdings die Regeln für weiterführende Schulen gelockert und mit einem „Ermessensspielraum“ versehen (| Seite 13).

Gemäß der Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) sind Personen in relativ beengten Räumen oder in schwer zu überblickenden Kontaktsituationen mit einem bestätigten Covid-19-Fall als Kontaktpersonen der Kategorie 1 einzustufen, in weiterführenden Schulen kann nun aber eine Einstufung in Kategorie 2 erfolgen. Wegen der Situation in den Schulen und wegen der Risiken, die dort unvermeidbar seien, hatte sich die Stadt entschieden, ab 4. November den Präsenzunterricht und so die Menge der Kontakte zu halbieren, in der Schule und auf dem Weg dorthin – ein Sonderweg, den das Land NRW am 3. November untersagte.

2. Fall – ein älteres Ehepaar im betreuten Wohnen:

Eine Frau lebt mit ihrem Mann in einem Altenpflegezentrum, er ist Risikopatient und stark pflegebedürftig. Sie kümmert sich um ihn, er besucht mehrmals pro Woche eine Tagespflege, auch zu ihrer Entlastung. Sie ist aufgrund ihres Alters und von Vorerkrankungen ebenfalls Risikopatientin.

An einem Montag wurde sie von der Tagespflege informiert, dass am Freitag zuvor eine Mitarbeiterin positiv getestet worden war. Das Gesundheitsamt sei informiert worden, sie solle abwarten. Bis Freitag hatte sie nichts vom Amt gehört und dann im Service-Center der Stadt angerufen. Man versprach ihr, ihr Anliegen per E-Mail weiterzuleiten. Die Tagespflege wurde geschlossen, weitere fünf Tage hörte sie nichts. Dann fragte sie im Altenheim, ob und inwieweit dort getestet werde, per Zufall war das Gesundheitsamt zeitgleich im Haus. Die beiden Senioren wurden dann mitgetestet.

Wie ist der Zeitverzug hier zu erklären?

„Mit der Tagespflege würde in so einem Fall geklärt, zu welchen Gästen die betroffene Mitarbeiterin Kontakt hatte. Diese würden in Quarantäne gesetzt, eine Testung veranlasst“, berichtet Stadtsprecher Thomas Kraft. Die tatsächlich direkt im relevanten Zeitraum von der Mitarbeiterin betreuten Personen würden dann informiert. Tatsächlich besuchten aber zahlreiche weitere Gäste solche Tagespflegeeinrichtungen. Nicht für alle könne eine Reihentestung organisiert werden. „Es ist bedauerlich, dass aufgrund der Priorisierung gerade im Bereich von Pflegeeinrichtungen nicht alle Fragen aus dem weiteren Umfeld zeitnah beantwortet werden können.“ Die mobilen Testteams und Einrichtungen testeten das direkt betroffene Umfeld oder den Wohnbereich. Erst im Rahmen eines Ausbruches, also bei mehreren Fällen, die bei diesen Tests entdeckt würden, gäbe es Tests für die gesamte Einrichtung und alle Gäste.

„Es dauert oftmals, bis wir die Listen der Kontakte erhalten, damit wir unsere Arbeit durchführen können.“

Thomas Kraft, Stadtsprecher

Da das Gesundheitsamt angesichts des Arbeitsaufkommens eine Priorisierung vornimmt, ...

... wäre das ein Fall für eine hohe Priorität gewesen?

Ja. Fälle in Pflegeeinrichtungen und Krankenhäusern würden mit Priorität behandelt. Kraft: „Das sind sensible Standorte.“

Stimmt es, dass das Service-Center der Stadt nur per E-Mail mit dem Gesundheitsamt kommuniziert?

Da sich alle im Gesundheitsamt permanent in Telefongesprächen befänden, sei eine Weiterleitung der Anliegen, die das Service-Center nicht direkt abschließend klären könne, per E-Mail sinnvoll. Das erleichtere eine schnelle Verteilung. Eine direkte Weiterleitung von Anrufen sei derzeit nicht zu organisieren.

3. Fall – der Berufstätige und Feuerwehrmann:

Ein berufstätiger Solinger und Freiwilliger Feuerwehrmann erfuhr an einem Samstagmorgen, dass seine Lebenspartnerin positiv getestet wurde. Er hat sich daraufhin freiwillig isoliert und seine Kontakte – soweit möglich – informiert, ersten Kontakt zum Gesundheitsamt gab es am darauffolgenden Dienstag. An diesem Morgen, er hatte gerade selbst das positive Testergebnis erhalten, wies er am Telefon das Gesundheitsamt darauf hin, dass er in der Vorwoche als Teil einer Brandwache Kontakt zu Theatermitarbeitern hatte und wohl ein Großteil dieser Mitarbeiter am Abend wieder im Einsatz sein würde. Ein angekündigter, sofortiger Rückruf eines anderen Mitarbeiters vom Amt sei ausgeblieben, die Infektionskette konnte nur durch andere Kontaktaufnahmen zur Stadt unterbrochen werden. Die eigentliche Kontaktverfolgung, die übrigens „sehr gut“ funktioniert habe, startete von Amts wegen einen weiteren Tag später, also vier Tage nach dem positiven Ergebnis der Kontaktperson. Die Kontaktaufnahme der Gesundheitsämter zu weiteren Kontaktpersonen aus anderen Städten zog sich bis zu einer Woche hin.

Sind das aus Sicht der Stadt akzeptable Zeitabläufe? Was sind durchschnittliche Reaktionszeiten?

„Durchschnittlich werden positiv getestete Personen am Tag der Befundübermittlung informiert“, erklärt Kraft. Die Verfolgung der Kontakte erfolge dann zeitnah, hierbei werde priorisiert. „Das kann bedeuten, dass dann, wenn eine Einrichtung – zum Beispiel – alle Eltern einer Gruppe von Kindern bereits informiert hat, der offizielle Anruf erst einige Tage später erfolgt. Denn dann herrscht ja bereits Quarantäne. Das verschafft Zeit.“ Das Verhalten, sich selbst in Quarantäne zu begeben und von dort aus die Klärung des Sachverhalts abzuwarten und selbst mit voranzubringen, sei vorbildlich gewesen. „Es dauert oftmals, bis wir die Listen der Kontakte erhalten, damit wir unsere Arbeit durchführen können. Dadurch kann es zu entsprechenden zeitlichen Verzögerungen kommen.“ Warum im konkreten Fall der sofortige Rückruf ausblieb, müsse aber geklärt werden.

Greifen die Räder – Service-Center, Gesundheitsamt, verschiedene Teams...

... innerhalb des Amtes – ausreichend ineinander?

Grundsätzlich ja, sagt die Stadt. Die Abläufe und Strukturen würden seit April fortlaufend angepasst und weiterentwickelt. Zusätzliche Kräfte bedeuteten aber Anpassungen, Einarbeitungszeiten und Umorganisationen, die unter Volllast abzuwickeln seien. Wenn neue Kollegen durch erfahrenes Personal eingearbeitet würden, stehe dieses nicht voll einsatzfähig zur Verfügung. „Dennoch sind wir weiterhin eng am Geschehen dran und können die priorisierte schnelle Nachverfolgung sicherstellen. Da wird es auch immer mal knirschen – aber insgesamt schaffen wir die Anforderungen“, betont Kraft.

Welche Verzögerungen gibt es aufgrund von Labor-Kapazitäten...

... oder der Übermittlung von Testergebnissen?

Hinzu kämen laut Stadt weitere zeitliche Verzögerungen bei den Meldungen, wenn die Betroffenen zunächst direkt per Smartphone-App informiert würden, das Labor aber erst Stunden später den Befund an das Gesundheitsamt sende und nicht immer Kontaktdaten des Betroffenen vermerkt seien. „Daher kann es dauern, bis der Betroffene vom Gesundheitsamt kontaktiert wird. Aufgrund dieser Erfahrung ist die Bearbeitung umgestellt worden, um eine zeitnahe Information der Betroffenen sicherzustellen“, betont Kraft. Alle eingehenden Meldungen würden gesichtet, bei einem positiven Testergebnis erfolge eine Vorabinformation durch das Gesundheitsamt, dass der Betroffene positiv sei und sich der gesamte betroffene Haushalt ab sofort in Quarantäne befinde. „Die Betroffenen werden aufgefordert, dann bereits ihre Kontakte zu sammeln und diese unbedingt zu informieren.“ Die ausführliche Recherche und Bearbeitung erfolge erst in einem nächsten Schritt – das könne auch erst am Folgetag nach der Meldung sein.

RKI hatte keine Daten

Stand 10. November, Mitternacht, meldete das Robert-Koch-Institut (RKI) für Solingen lediglich eine Inzidenz von 157. Die Stadt Solingen hatte am 8. November einen Wert von 231,9 gemeldet. Ein bis zwei Tage kann es dauern, bis die Daten von der Stadt über das Land beim RKI eintreffen. Der Grund für die große Differenz: Bis gestern Morgen hatte das RKI keine Daten aus Solingen erhalten – weder für den 8., noch für den 9. November. „Wir können nur melden, was uns erreicht“, so RKI-Pressesprecherin Susanne Glasmacher. Würden keine neuen Fälle gemeldet, sinke der Inzidenzwert recht schnell. Laut Stadt ist ein technischer Fehler der Grund, die Schnittstelle zwischen dem Landeszentrum Gesundheit und Solingen sei defekt gewesen. Das Problem sei – auch landesweit – immer wieder aufgetreten. Nachdem der Fehler nun behoben worden sei, müssten sich die Zahlen heute wieder angleichen.

In unserem Live-Blog finden Sie die neuesten Informationen zu Entwicklungen rund um das Coronavirus in Solingen.

Aufgrund hoher Corona-Infektionszahlen in der Klingenstadt gelten seit Samstag, 31. Oktober, 0 Uhr, strenge Regeln, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. Ein Überblick. 

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