Sessionseröffnung ist kalendarisch unverrückbar

Vereine in Solingen haben Sorge um Sitzungskarneval

Solinger Karnevalsgesellschaften wissen noch nicht, wie sie die Session über die Bühne bringen sollen. Archivfoto: Christian Beier
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Solinger Karnevalsgesellschaften wissen noch nicht, wie sie die Session über die Bühne bringen sollen.

Der Verlauf der Session ist zwar noch ungewiss – aber das Motto steht: „Et kütt, wie et kütt – Solig fiert met!“

Von Timo Lemmer

Solingen. Die Akteure des Solinger Karnevals sind sich einig: Die anstehende Session wird eine, wie man sie bisher noch nicht kannte. Die politische Debatte darüber, ob der Karneval ganz stattfinden, ganz ausfallen oder einen Mittelweg finden sollte, verfolgen sie indes aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Klar ist, dass die Sessionseröffnung am 11. November kalendarisch ebenso unverrückbar ist wie das Ende des närrischen Treibens am 17. Februar 2021, dem Aschermittwoch. Spätestens dann ist alles vorbei – oder etwa schon vorher?

Die Protagonisten des Festausschusses Solinger Karneval (FSK) sind jedenfalls turnusmäßig in die Planungen eingestiegen, und der Vorsitzende Axel Hawranke lüftete gegenüber dem ST nun das Geheimnis um das diesjährige Motto, das anlässlich der Corona-Unwägbarkeiten gewählt wurde: „Et kütt, wie et kütt – Solig fiert met!“ Solingen feiert Karneval also, wie auch immer das letztlich praktisch aussehen wird: „Was den Rosenmontagszug angeht, laufen unsere Planungen. Das Schlimmste, das passieren kann, ist, dass wir die Planungen notfalls eben umsonst gemacht haben.“ Der FSK will gerüstet sein, sollte der Straßenkarneval stattfinden können.

Doch die Karnevalsumzüge sind aktuell nicht die größte Sorge: Erstens ist es noch ein wenig Zeit bis dahin, zweitens finden sie draußen statt. Mit Blick auf den Infektionsschutz sind das Vorteile, die der klassische Sitzungskarneval nicht bietet. Zumal für die Sitzungen die Planungen, die häufig zwei Jahre Vorlauf haben, längst abgeschlossen sind. Er verfolge die momentan laufende Diskussion daher „mit Wut und Enttäuschung im Bauch“, sagt Hawranke: „Keiner trifft eine Entscheidung. Die ganze Thematik hängt an der Politik, und dort wird rumgeeiert.“

Die Karnevalsgesellschaften wie seine KG Rot-Weiß Klingenstädter müssten wissen, woran sie sind, um gegebenenfalls Alternativen organisieren zu können: „Von abgespeckten Sitzungen halte ich nichts. Wenn jeder zweite Platz frei bleiben muss, kommt keine Stimmung auf, und mit halbierten Einnahmen würden sich die Veranstaltungen von den Vereinen gar nicht stemmen lassen.“

Einer, der von der aktuellen Diskussion wenig hält, ist Joachim Junker. Er beurteilt sie als verfrüht: „Für Veranstaltungen im Januar oder Februar ist es zu früh, jetzt schon zu diskutieren. Ganz abzusagen, wäre gesellschaftlich ein ganz falsches Signal, das nicht gesendet werden sollte.“ Im Notfall müsse man eben kleine Veranstaltungen und Maskenpflicht in Kauf nehmen, sagt der Vorsitzende der Prinzengarde Blau-Gelb Ohligs: „Ich fände es schade, den Leuten jetzt schon die Hoffnung zu nehmen. Wie wir den Karneval diesmal leben, das hängt von der Kreativität und Improvisation der Vereine und Menschen ab.“ Das Hoppeditz-Erwachen am 11. November in der Ohligser Festhalle werde stattfinden: „In welcher Form und mit wie vielen Leuten, das wissen wir noch nicht.“

Vertraglich sieht Junker keine Probleme für die Vereine, die bereits Künstler gebucht haben, wenn aufgrund von „höherer Gewalt“ Sitzungen abgesagt werden müssten. Die Tanzgruppe Klingenstadt gehört zu diesen Gruppen, die insbesondere rund um Karneval stark gefragt sind. „Wir sehen in diesem Jahr kein Karneval“, sagt Geschäftsführerin Rebecca vom Feld-Thiere. Den 116 Mitgliedern – insbesondere Kinder hätten unter der langen Zwangs-Trainingspause gelitten – biete man eine interne Alternative zum Auftritt. „Wir erleiden dadurch keine Not“, rechnet vom Feld-Thiere kaum mit Auftritten in diesem Jahr, „wir sind ein gut aufgestellter Verein.“ Die Einnahmen fließen sonst in neue Kostüme: Die werden diesmal nicht benötigt, da die aktuellen bisher kaum gezeigt wurden.

„Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.“

Ingo Ritter, KG Muckemau

Ingo Ritter von der KG Muckemau stimmt zu: „Wir wollen als Verein nicht mit Schuld sein, wenn in Solingen durch Karneval die Infektionszahlen steigen sollten.“ Lieber komme man eine Sessions ohne Sitzungen aus: „Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende“, sagt er mit Blick auf die Ungewissheit. „Und dann feiern wir im November 2021 Karneval – und dass wir Corona besiegt haben – zusammen.“

Sportvereine

Feiern: Auch nicht-originäre Karnevalsvereine beteiligen sich an der Session: Die größten öffentlichen Karnevalspartys schmeißen mit Ohligser TV in der Vereinshalle am Schützenplatz sowie FC Britannia im Walder Stadtsaal am Karnevalssamstag regelmäßig zwei Sportvereine. Die Britannia öffnet seit mehr als 60 Jahren jährlich für 600 Besucher.

Einnahmen: Für die Abteilungen des OTV ist die große Karnevalsparty neben dem Dürpelfest die Haupt-Einnahmequelle. Nach dem Dürpelfest droht nun auch die Absage der Feier im Februar, zu der sonst 1800 Besucher kommen. „Wir sind in Wartestellung, aber nicht besonders euphorisch, was den OTV-Karneval in dieser Session angeht“, sagt Beate Globisch aus dem Vorstand. Der Verein sei gesund, die ausfallenden Einnahmen „tun aber empfindlich weh“.

Standpunkt: Die große Ungewissheit

Von Andreas Tews

andreas.tews@solinger-tageblatt.de

Die Menschen sind es gewohnt, in vielen Bereichen Planungssicherheit zu haben. Das gilt für Familien und ihre kleinen und großen Ziele genauso wie für Wirtschaftsbosse, Politiker oder die Organisatoren von Veranstaltungen. Darum ist die jetzige Situation für viele auch so quälend. Wir leben in einer Zeit der großen Ungewissheit. Wir wissen nicht, ob die geltenden Abstands- und Hygieneregeln ausreichen, um die Zahl der Infizierten möglichst gering zu halten, wir wissen nicht einmal, ob die Regeln nicht vielleicht sogar überzogen sind. Von daher ist es sogar verständlich, dass sich die Verantwortlichen im Land um klare Entscheidungen zu einer Absage von Karnevalsveranstaltungen herumdrücken.

Niemand will sich am Ende vorhalten lassen, überstürzt gehandelt zu haben. So quälend die Ungewissheit für die Organisatoren ist – wir können derzeit nur auf Sicht fahren. Sollte am Ende wirklich Karneval gefeiert werden, wird Kreativität gefragt sein. Vor allem aber werden die Verantwortlichen in der nicht beneidenswerten Lage sein, die Gesundheit vieler Menschen schützen zu müssen.

Die Coronakrise drückt auch in Solingen viele Vereine, die ihre Kosten sonst mit Einnahmen durch sportliche Angebote oder Volksfeste decken konnten, finanziell an die Wand.

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