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Veranstalter bieten viel vom Beat bis Jazz

Sigrid und Franz-Werner Schwarz im Jazzclub an der Ritterstraße. Dort traten in den 1960er Jahren Größen des Genres auf.
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Sigrid und Franz-Werner Schwarz im Jazzclub an der Ritterstraße. Dort traten in den 1960er Jahren Größen des Genres auf.

Von den Akteuren auf der Bühne wird nun in zwei Teilen der Blick hinter die Kulissen geworfen.

Von Julian Müller

In meiner Reihe über die Solinger Rockgeschichte wurden bislang primär die Akteure auf der Bühne beleuchtet. Doch zur Musikkultur gehören auch die Macher hinter den Kulissen – oft unsichtbar für den Konsumenten, aber umso bedeutender, um neue Möglichkeiten zu schaffen, Kultur zu fördern und Musikern Raum für ihre Kunst zu geben. Vor dem Beat der 1960er Jahre war es weniger der Rock ’n’ Roll als der Jazz, der in Solingen für einen neuen Anstrich sorgte.

Franz Schwarz, der spätere Inhaber des Mumms, holte schon in den frühen 1960er Jahren viele Jazz-Größen nach Solingen, die den Nachkriegsmuff mit den wilden Klängen eines neuen Zeitalters Stück für Stück vertrieben. Denkwürdige Abende im Jazzclub an der Ritterstraße mit Musikern wie Kurt Edelhagen, Klaus Doldinger oder Carla Bley sind heute zwar nur noch der Generation 70-Plus in Erinnerung, aber sie sorgten für einen wichtigen Schritt in Richtung Freiheit und belebten das kulturelle Bild der Stadt.

Zeitgleich gab es auf der Saarstraße den Jazzkeller, der von einem Verein um den Vorsitzenden Karl-Heinz Ern geleitet wurde. Dort spielte anfänglich neben Kabarett-Abenden der Dixieland-Jazz eine große Rolle und wichtige Vertreter wie Chris Barber waren zu Gast. In der Nachfolge-Location Take Five am Birkenweiher spielten später Größen wie Kenny Clarke und Francy Boland. Auf den Pioniertaten dieser Zeit wird bis heute aufgebaut.

Was für uns selbstverständlich ist, musste über Generationen erkämpft werden und steht nach wie vor unter Beschuss. So verschwanden zahlreiche legendäre Clubs wieder von der Bildfläche – teils durch finanzielle Nöte, teils durch behördliche Auflagen, die nicht erfüllbar waren. Die Corona-Krise tut aktuell ihr Übriges und erschwert die Situation von Veranstaltern und Clubs.

Solinger Tageblatt startet 1968 mit dem Jugendamt Talentshows

Mitte der 1960er war es die Beat-Bewegung, die in Läden wie dem Rheinischen Hof, dem Heckler oder Steffis Starclub ihren Platz fand und mit lauter Musik einer neuen Jugend dabei half, ihre Fesseln abzulegen. 1968 rief

An der Radrennbahn am Dorperhof rockten 1973 Größen der Branche zusammen mit Promotion aus Solingen.

das Tageblatt in Kooperation mit dem Jugendamt die „Show 68“ ins Leben, die bis in die 1990er meist im Zweijahrestakt als Talentwettbewerb vielen lokalen Musikern eine erste Bühne bot.

Die Debüt-Show konnten die Lonestars vor dem Promotion Soul Concern für sich entscheiden. Später waren es Bands wie Phone Bone, die das Festival als erstes Sprungbrett nutzen konnten. Moderiert wurden diese Abende von dem vergangene Woche verstorbenen Solinger Urgestein Hans-Georg Wenke. Als Pianist sorgte häufig Wolfgang Trier für die musikalische Untermalung der Solo-Sängerinnen und Solo-Sänger. Auch Großveranstaltungen, bei denen bekannte Bands aus dem In- und Ausland in die Klingenstadt kamen, wurden seit den 1970ern immer häufiger.

„Da waren teilweise 400 Leute auf Acid, es haben Bands wie Nektar gespielt.“

Stephan Frink über den Zocker

Ein besonderer Höhepunkt ist sicherlich das Festival auf der Radrennbahn am 16. September 1973, bei dem neben den Lokalmatadoren Promotion Bands wie Beggar’s Opera oder Kin Ping Meh auftraten und Solingen für einen Tag zum musikalischen Nabel der Nation machten. Fast alle großen Bands der Krautrock-Ära wie Birth Control, Guru Guru oder Embryo waren hier zu Gast. Promotion um Organist Kalla Kuntze waren oft federführend im Veranstalten dieser Events.

Auch um den Zocker bildete sich ab September 1969 für etwa drei Jahre eine Szene, die zahlreiche Bands und Fans aus dem Umland auf die Katternberger Straße lockte. „Da waren teilweise 400 Leute auf Acid, es haben Bands wie Nektar gespielt und in der WG, die unter dem Club war, gab es einen Hippie-Mord“, erzählt Stephan Frink, Geschäftsführer der Konzertagentur Bubu Concerts von dieser wilden Zeit.

In den 1980ern war es unter anderem die Libelle von Peter von der Heiden, die zum Hotspot für Konzerte wurde. So spielte etwa Steve Marriott 14 Tage vor seinem Tod eines seiner letzten Konzerte und auch Herman Brood und Passport waren dort zu Gast.

Sommerparty, Feste und Schülerrock prägen die Live-Szene

Coco Teubers Kellerkino entwickelte sich ab 1981 für etwa fünfzehn Jahre zu einem Anlaufpunkt, der vielen Solinger Musikern eine Bühne bot und auch Namen von außerhalb wie Tony Sheridan ins Bergische holte. Auf der kommerziellen Seite waren und sind es die großen Solinger Volksfeste, die immer wieder lokale Bands mit überregionalen Größen verbinden und die zahlreichen Zuschauer begeistern.

1975 fand in Ohligs erstmals das Dürpelfest statt und in jüngerer Zeit ergänzt die Sommerparty auf dem Neumarkt das Segment. Seit 2007 spielten dort 114 verschiedene Acts von Guildo Horn bis hin zu Birth Control.

Nachdem die vom ST veranstalteten Talentshows 1992 zum letzten Mal über die Bühne gingen, übernimmt seit 1994 das Schülerrockfestival die Funktion des ersten Sprungbretts. Ins Leben gerufen von Klaus Draken, einem Lehrer der Gesamtschule Solingen (heute Alexander-Coppel-Gesamtschule) fanden die ersten beiden Ausgaben noch in der Schulmensa statt. Junge Bands können sich hier vor Publikum austesten und erste Erfahrungen ohne Wettbewerbsdruck sammeln.

Legendäre Abende für junge Musik unter anderem im bis auf den letzten Platz ausverkauften Getaway in der ehemaligen Brauerei Beckmann sorgen noch heute bei vielen Solingern für leuchtende Augen und lebhafte Erzählungen. Das erste Mal Stage-Diven oder ein splitternackter Musiker auf der Bühne sind der Stoff, aus dem die immer wieder gern erzählten Legenden wurden.

Serie Solinger Rockgeschichte

In der Reihe über die Solinger Rockgeschichte blickte Julian Müller, Kopf der Blackberries, auf wichtige Solinger Bands wie Promotion, The Mods, S.Y.P.H., Accept oder die Embryonics zurück. Wer den ein oder anderen Namen vermisst oder eigene ergänzende Erlebnisse zu dem Thema zu erzählen hat, ist herzlich dazu eingeladen, diese als Leserbrief zu schicken. Nächste Woche wird die Arbeit von weiteren Veranstaltern und Clubs beleuchtet, die seit Jahren für eine abwechslungsreiche Kulturszene sorgen.

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