Betreuung

Väter in Elternzeit sind die Ausnahme

Jens Middeldorf wird in Elternzeit gehen und seinen Sohn Liam bis Ende des Jahres betreuen. Danach kann sich der 41-Jährige vorstellen, in Teilzeit zu gehen. Statistisch gesehen ist er damit die Ausnahme. Fotos: Christian Beier
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Jens Middeldorf wird in Elternzeit gehen und seinen Sohn Liam bis Ende des Jahres betreuen. Danach kann sich der 41-Jährige vorstellen, in Teilzeit zu gehen. Statistisch gesehen ist er damit die Ausnahme.

Nur rund ein Viertel der Männer stellt einen Antrag, auch die Dauer ist meist kürzer.

  • 1917 Anträge auf Elterngeld sind 2019 beim zuständigen Versorgungsamt eingegangen.
  • Männer beantragen zum großen Teil nur zwei Monate Elternzeit.
  • Bei der Stadtverwaltung geht der Trend zu kürzeren Beurlaubungszeiten.

Von Björn Boch

Solingen. Olivia und Jens Middeldorf hatten sich bereits vor der Geburt entschieden: Die ersten drei Jahre wollen sie ihr Kind selbst betreuen – und sich diese Aufgabe teilen. Der 41-jährige Hauptbrandmeister und die 37-jährige leitende Angestellte im Einzelhandel hatten zwei Monate lang gemeinsam Elternzeit, danach blieb Olivia Middeldorf zu Hause beim inzwischen acht Monate alten Sohn Liam. „Jetzt ist der Zeitpunkt, an dem wir tauschen“, sagt Jens Middeldorf. Sie hat ein Angebot für eine leitende Position in der Nähe Düsseldorfs, nachdem sie lange in Süddeutschland gearbeitet hat. Er nimmt Elternzeit bis Ende des Jahres, danach kann er sich auch vorstellen, in Teilzeit zu gehen.

Olivia und Jens Middeldorf mit Sohn Liam und Hund Filou. „Wir sind gleichberechtigte Eltern“, betonen beide.

Damit ist Jens Middeldorf die Ausnahme. Das zeigen die Statistiken. 1917 Anträge auf Elterngeld sind voriges Jahr beim Versorgungsamt Wuppertal eingegangen, das auch für Solingen zuständig ist. Der Anteil der Männer liegt bei 24,6 Prozent. Fast identisch ist das Bild in diesem Jahr: Von 789 Anträgen bis Ende Mai kamen 24,8 Prozent von Männern. Auch bei der Dauer der Bezüge ist die Sache deutlich: „Es kann klar gesagt werden, dass eine Ballung von Vätern zu verzeichnen ist, die zwei Monate lang Elterngeld beziehen. Bei Müttern sind es zehn bis zwölf Monate“, heißt es vom Versorgungsamt.

„In der Krabbelgruppe war kein einziger Mann.“

Olivia Middeldorf

Bei den Jobs ergibt sich ein ähnliches Bild: Von etwa 29 200 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Männern in Solingen arbeiten rund 26 200 in Vollzeit. Zum Vergleich: Bei rund 25 600 sozialversicherungspflichtig beschäftigten Frauen in der Klingenstadt sind nicht einmal 14 000 in Vollzeit. Die Zahlen stammen vom Oktober 2019, aktuellere sind nicht verfügbar. Experten gehen aber davon aus, dass die Corona-Krise den Trend eher bestärkt.

Elternzeit stellt in vielen Unternehmen ein Karrierehemmnis dar 

Dass ihr Mann die Ausnahme ist, hat Olivia Middeldorf in den letzten Monaten selbst erlebt. „In der Krabbelgruppe war kein einziger Mann“, erzählt sie. Auch bei Jens Middeldorfs Kollegen sind zwar zwei, drei Monate Elternzeit normal. Aber dass eine Frau wenige Monate nach der Geburt wieder Vollzeit arbeiten gehe, gebe es kaum.

„Es ist ja auch eine schwere Entscheidung für die Mutter, wieder in Vollzeit zu arbeiten“, sagt Olivia Middeldorf. Ein weiterer Grund sei, dass es deutlich weniger Frauen als Männer in Führungspositionen gibt. Es ist oft lukrativer, wenn der Mann wieder arbeitet. Und wenn eine Frau eine Führungsposition hat, ist eine Mutterschaft für den Arbeitgeber oft ungewohnt. Also steckt die Frau eher zurück. Immerhin: Olivia Middeldorfs Arbeitgeber hat Flexibilität signalisiert, auch mit der Möglichkeit zum Homeoffice. Ein Wiedereinstieg nach längerer Elternzeit wäre aufgrund der leitenden Funktion schwierig gewesen.

Dass Frauen meist zurückstecken, vermutet auch die Gleichstellungsbeauftragte der Stadt Solingen. Gisela Köller-Lesweng geht davon aus, dass Elternzeit ebenso wie Teilzeitarbeit in vielen Unternehmen immer noch ein Karrierehemmnis darstellt – was Frauen oft eher bereit seien hinzunehmen als Männer.

„Wir sind kein kinderfreundliches Land“, sagt Jens Middeldorf. Das beginne bei vielen Arbeitgebern und ende bei den Strukturen und den behördlichen Vorgaben. Nur ein Beispiel: Die 64-seitige Broschüre zu Elterngeld und Elternzeit – dabei sollte eine Broschüre doch kurz und knapp das Wichtigste vermitteln.

Und: Viele Betreuungsangebote passten nur in der Theorie. Olivia und Jens Middeldorf haben sich umgesehen. Das, was sie vorfanden, hat sie in dem Entschluss bestärkt, Liam die ersten drei Jahre selbst zu betreuen. „Die ganze Gesellschaft ist darauf ausgelegt, dass Eltern möglichst schnell wieder arbeiten“, sagt Olivia Middeldorf. Warum, das will den beiden nicht so recht einleuchten.

Beschäftigte bei der Stadt

Bei der Stadt Solingen haben – seit dem 1. Januar 2017 – 213 Mitarbeiter von Elternzeit Gebrauch gemacht. Davon waren 148 Frauen und 65 Männer. In 60 Prozent der Fälle sei die beantragte Elternzeit kürzer als ein Jahr gewesen, die von Männern beanspruchte war in der Regel kürzer, teilt Stadtsprecherin Birgit Wenning mit. Ein Trend: Früher seien viel längere Freistellungen – auch über 3 Jahre Elternzeit hinaus – gewünscht worden, während der Trend heute zu kürzeren Beurlaubungen und nachfolgender Teilzeitbeschäftigung geht.

Solingen will Frauen und Familien fördern: Ein höherer Anteil von Frauen in Führungspositionen ist eines der Ziele des Gleichstellungsplanes der Stadtverwaltung.

„Die Rückkehr in die Kitas ist wichtig“: Tina Julia Thiermann, Geschäftsführerin des Paritätischen, hat die Kita-Situation während der Corona-Krise im Blick.

Standpunkt: Hindernisse beseitigen

Von Björn Boch

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Eltern haben die Wahl, ob sie ihre Kinder überwiegend selbst betreuen möchten oder schon früh in den Beruf zurückkehren. Möglich machen das Betreuungsangebote. Und niemand dürfte in Abrede stellen, dass sich vor allem im Bereich der Betreuung von Kindern unter drei Jahren in den vergangenen Jahren viel getan hat. Olivia und Jens Middeldorf, die wir besuchen durften, betonen, dass sie nicht als Vorbilder gesehen werden wollen. Bei der Entscheidung der frühkindlichen Erziehung gibt es kein „richtig“ oder „falsch“. Wohl aber gibt es Hindernisse, die Eltern in den ersten Jahren das Leben schwer machen. 

Dass die Zahl der Väter in Elternzeit so niedrig ist, liegt nicht nur daran, dass manche Männer keinen Bock haben oder Frauen darauf bestehen, selbst zu Hause zu bleiben. Oft genug sind es systemische Hindernisse, die beim Gehalt von Frauen beginnen und beim Anteil an Führungspositionen noch nicht enden. Dass sich Karriere und Kind oft noch ausschließen, ist nichts, was hingenommen werden darf. Vielleicht ist die Corona-Pandemie mit notgedrungen flexibleren Arbeitsmodellen eine Chance, hier einiges zu verbessern.

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