Montagsinterview

Vorerst letzter Kältebuseinsatz - „Unterstützungsbedarf wird weiter steigen“

Bettina Heuschkel mit ihrem Kollegen Christian Görlich von den Maltesern. Sie ist federführend für die Organisation des Kältebusses verantwortlich und sieht einen steigenden Bedarf an sozialer Unterstützung. Foto: Michael Schütz
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Bettina Heuschkel mit ihrem Kollegen Christian Görlich von den Maltesern. Sie ist federführend für die Organisation des Kältebusses verantwortlich und sieht einen steigenden Bedarf an sozialer Unterstützung.

Bettina Heuschkel vom Team des Kältebusses zieht im ST-Gespräch Bilanz über den vergangenen Winter.

Das Gespräch führte Kristin Dowe

Frau Heuschkel, Mitte März hat der Kältebus seinen vorerst letzten Einsatz gehabt. Wie haben Sie den vergangenen Winter erlebt?

Bettina Heuschkel: Wir haben kürzlich statistische Erhebungen angestrengt und auf die vergangenen Jahre zurückgeblickt. Dabei haben wir zum einen die positive Entwicklung festgestellt, dass wir einen starken Anstieg von ehrenamtlichen Einsatzkräften zu verzeichnen haben. Zum anderen gibt es aber auch einen starken Anstieg von Menschen, die unsere Hilfe in Anspruch genommen und benötigt haben. Für den Winter 2021/22 haben wir einige strukturelle Veränderungen vorgenommen, die wir als positiv erleben. Hinzu kommt, dass sich die Helferinnen und Helfer besser auf Corona eingestellt haben und mit den veränderten Bedingungen besser umgehen konnten als im Vorjahr. Insgesamt hatten wir ein Team von 25 Einsatzkräften, darunter 14 von den Maltesern und elf vom Technischen Hilfswerk.

Welche strukturellen Veränderungen gab es beim Kältebus?

Heuschkel: Anders als im Winter 2020/21 haben wir uns mit dem Kältebus wieder am gewohnten Standort vor dem Gebäude des ehemaligen P&C an der Mummstraße / Ecke Kölner Straße stationiert. Bislang gab es eine Vereinbarung zwischen der Stadt Solingen und dem Kältebus-Team, dass wir nur bei bestimmten Temperaturen rausfahren beziehungsweise an Tagen, an denen es besonders kalt ist. Das Wetter ist aber natürlich nicht planbar und die Bedürftigkeit der Menschen besteht weiterhin – egal, wie kalt oder warm es ist. Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, im Winter immer an festen Tagen am selben Standort präsent zu sein, um den Betroffenen eine gewisse Verlässlichkeit und Kontinuität zu bieten.

Welche Rolle spielen Unterstützer wie lokale Unternehmen für Ihre Arbeit?

Heuschkel: Wir haben von einigen Unternehmen sehr große Unterstützung in Form von Sachspenden erhalten wie zum Beispiel von Edeka Pauli, der Bäckerei Stöcker, der DM-Drogerie sowie von den Firmen Haribo und Fressnapf, um nur einige zu nennen. Dafür sind wir sehr dankbar. Hinzu kommen Initiativen wie Inner Wheel, die ermöglichen, dass ein solches Projekt überhaupt stattfinden kann. Gerade auch die Sachspenden von Fressnapf leisten einen wichtigen Beitrag für unsere Arbeit, da die Menschen, die unsere Hilfe benötigen, oft Haustiere haben, die irgendwie versorgt werden müssen. Auch die Stadt Solingen fördert den Kältebus, sodass wir auf ein breites Netzwerk von Unterstützern zählen können. Mein besonderer Dank gilt dabei der örtlichen Koordinatorin Valentina Holz und dem gesamten Helferteam.

Wie groß ist der Leidensdruck der Menschen, die im Winter die Hilfe des Kältebusses annehmen?

Heuschkel: Insgesamt hatten wir im letzten Winter 643 Kontakte, also Menschen mit Unterstützungsbedarf, zu verzeichnen, die den Kältebus aufgesucht haben. Dies sind natürlich nicht 643 Einzelpersonen, sondern die Betroffenen sind vielmehr mehrfach zu uns gekommen. Dafür, dass man drei Mal in der Woche zwei Stunden auf der Straße steht, ist das eine enorme Zahl, die einen sehr hohen Bedarf signalisiert.

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Schämen sich die hilfsbedürftigen Menschen für ihre Situation?

Heuschkel: Wir erleben es häufig, dass die Menschen, die zu uns kommen, ihre Scham überwinden müssen und den Kältebus fast heimlich von hinten aufsuchen. Sie fragen dann, ob sie auch ein Tütchen oder eine warme Jacke bekommen können, weil sie wirklich nichts haben. Gleichzeitig schämen sie sich aber, beispielsweise zum Sozialamt oder zur Wohngeldstelle zu gehen und Hilfe zu beantragen.

Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat auch Auswirkungen auf das Leben der Menschen in Deutschland. Welche Sorgen haben Sie mit Blick auf die Kältebus-Besucher?

Heuschkel: Die ansteigenden Preise bedingt durch den Krieg in der Ukraine und die Nachwehen von Corona haben sich wirtschaftlich spürbar ausgewirkt. Sie gehen einher mit Arbeitsplatzverlust, Kurzarbeit und finanziellen Einbußen. Daher rechnen wir damit, dass der Unterstützungsbedarf in der Gesellschaft definitiv weiter steigen wird.

Jetzt steht die warme Jahreszeit bevor. Welche Aktivitäten laufen beim Kältebus-Team dann im Hintergrund?

Heuschkel: Es gibt Ehrenamtliche, die sich im Winter in erster Linie für den Kältebus engagieren, im Frühling und Sommer aber oft noch andere Hilfsorganisationen unterstützen. Beispielsweise haben wir auch eine Kooperation mit der katholischen Kirchengemeinde St. Sebastian, die regelmäßig den Wohlfühl-Morgen organisiert und die Kleiderkammer unterhält. Andere Teammitglieder beschäftigen sich zum Beispiel damit, die vergangene Wintersaison auszuwerten. Wir tauschen uns dann darüber aus, was gut oder schlecht gelaufen ist und was wir verändern müssen. Für den kommenden Winter befürchten wir zum Beispiel ein Problem mit unserem Standort, weil ja die früheren Gebäude von P&C und Kaufhof abgerissen werden und es möglicherweise gar keinen Platz für den Kältebus geben wird.

Gibt es Pläne, die Aktivitäten des Kältebusses auf das ganze Jahr auszuweiten?

Heuschkel: Die Stadt Solingen möchte den Kältebus für den Winter, wir überlegen aber grundsätzlich, ob wir auch im Frühjahr und Sommer ein Hilfsangebot schaffen könnten. Da sind wir aber noch in der Planung und haben noch nicht das richtige Konzept gefunden. In anderen Städten gibt es zum Beispiel einen „Wärmebus“ – der Name spielt auf die Herzenswärme an – der ganzjährig unterwegs ist. Aufgrund der aktuellen Situation in der Ukraine sind wir zurzeit aber auch in der Flüchtlingshilfe engagiert, sodass wir dafür momentan keine zeitlichen Ressourcen haben.

Sorgen Sie sich angesichts der steigenden Preise um die Spendenbereitschaft Ihrer Unterstützer?

Heuschkel: Ja, das befürchten wir schon. Denn die einzelnen Unternehmen haben schon mit Engpässen und Lieferschwierigkeiten zu kämpfen und müssen gestiegene Produktionskosten auf sich nehmen. Wir rechnen damit, dass wir deshalb auch Einbußen hinnehmen müssen. Deshalb beschäftigen wir uns auch schon jetzt mit der Frage, wie wir weitere Spender in Form von Firmen und Privatpersonen akquirieren können, die uns mit Geld- oder Sachspenden unterstützen.

Suchen Sie noch personelle Verstärkung für das Kältebus-Team?

Heuschkel: Für den Winter 2022/23 wird Unterstützung durch ehrenamtlich Helfende auf jeden Fall gewünscht. Da kann sich jeder auch heute schon an uns wenden, da die Einsatzkräfte dann frühzeitig entsprechende Schulungen und Unterweisungen bekommen und nicht einfach ins kalte Wasser geworfen werden nach dem Motto: ‘Heute komme ich bei den Maltesern vorbei, morgen stehe ich am Kältebus’. So haben Interessierte schon jetzt die Möglichkeit, sich ein wenig einzuarbeiten, das Team kennenzulernen und Schulungen zu absolvieren, damit sie auch das Rüstzeug für den Einsatz haben. Natürlich freuen wir uns auch über Unterstützung in anderen Bereichen wie dem Katastrophenschutz.

Zur Person

Bettina Heuschkel ist Referentin für den Bereich Ehrenamt beim Malteser Hilfsdienst (Kreis Nord-Ost im Bezirk Rheinland). Sie ist mitverantwortlich für die Organisation des Kältebusses, der im Winter hilfsbedürftige Menschen mit einer warmen Mahlzeit und anderen Gütern des täglichen Bedarfs versorgt.

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