Nach Hochwasser

Gotteshaus in Unterburg wird zur Eventkirche

Die Kirche in Unterburg soll künftig „flexibel nutzbar“ sein – dafür verlegen Michael Koch, Bernd Blachetta, Marcel Schacht, Tanja Braham und Martin Niemann aus Halle gerade ehrenamtlich einen Holzboden. Foto:
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Die Kirche in Unterburg soll künftig „flexibel nutzbar“ sein – dafür verlegen Michael Koch, Bernd Blachetta, Marcel Schacht, Tanja Braham und Martin Niemann aus Halle gerade ehrenamtlich einen Holzboden.

16 Ehrenamtliche aus Halle in Westfalen sind aktuell im Einsatz.

Von Theresa Demski

Solingen. Der Kirchraum in Unterburg ist kaum wieder zu erkennen: Bis auf Schulterhöhe wurde der Putz abgeschlagen und das Gestein frei gelegt. Die alten, etwas engen Kirchenbänke sind verschwunden. Der Schmutz, den das Hochwasser in das Gotteshaus gespült hatte, ist Geschichte. Die Orgel pausiert eingelagert beim Orgelbauer. Und über dem Boden entsteht in diesen Tagen eine Holzkonstruktion.

„Alles lag in Trümmern. Jetzt haben wir Hoffnung und sehen eine Perspektive“, sagt Manfred Jetter. Schon in der nächsten Woche will die Evangelische Kirchengemeinde Wermelskirchen ihr Gotteshaus in Unterburg wieder für die Öffentlichkeit freigeben. „Allerdings werden wir das klassische Gemeindeleben an diesem Ort wohl nicht mehr etablieren“, sagt Jetter. Zuletzt hatten noch regelmäßig Sonntagsgottesdienste im kleinen Rahmen in der Kirche stattgefunden.

Aber nachdem die schmutzigen Spuren des Hochwassers mithilfe vieler Ehrenamtlicher aus der Kirche geschafft worden waren, schien es der Gemeinde, als habe sich eine Türe geöffnet – für neue Ideen und für neue Hoffnung. „Es gibt einen erkennbaren Willen, die Kirche als Kultur- und Eventkirche zu nutzen“, erklärt Jetter. Konzerte, Veranstaltungen und spirituelle Angebote etwa für Wanderer sollen bisherige Gemeindeveranstaltungen ablösen. Erste Musikgruppen haben bereits Interesse angemeldet, erste Termine stehen – für Aktionen im Advent, ein Konzert mit der Solinger Gruppe Juicy Souls und ein wöchentliches Angebot mit „Zeit zum Reden“.

„Diese Kirche braucht jetzt Zeit. Ein, zwei Jahre, um zu atmen und zu trocknen.“

Bernd Blachetta

Aber auch besondere Gottesdienste könnten weiter an diesem Ort stattfinden. „Das ist der Beginn eines mehrjährigen Erprobungsraums“, sagt Jetter. „In dieser Zeit wollen wir gemeinsam zu einer konzeptionellen Vorstellung kommen.“ Ideen seien willkommen. Für die Umsetzung sollen auch andere Akteure mit ins Boot geholt werden – die Kommunen, der Denkmalschutz und Kulturschaffende. Bei der Finanzierung setzt die Gemeinde auf Aufbauhilfe von Land und Bund nach der Flut – und auf Spenden.

Die Schäden beziffern sich laut Jetter auf mehrere 100 000 Euro – nur die Einlagerung der Orgel kostet schon 20 000 Euro. „Jetzt ist es uns erst mal wichtig, dass wir Möglichkeiten schaffen, um die Kirche flexibel nutzen zu können“, sagt Pfarrer Jetter. Unerwartete Unterstützung bekommt die Gemeinde dabei von Ehrenamtlichen aus dem westfälischen Halle.

Über ein Internetangebot der Evangelischen Kirche im Rheinland sind die Wermelskirchener auf das Hilfsangebot aufmerksam geworden. „Wir laden eigentlich jedes Jahr im Herbst zu einer Baufreizeit für Jugendliche ein“, berichtet Michael Koch.

Bis zu 60 Teilnehmer sind vor Corona Richtung Rumänien aufgebrochen, um dort bei der Sanierung einer Kirche zu helfen. Die Pandemie machte der evangelischen Kirchengemeinde aus Halle in Westfalen dann einen Strich durch die Rechnung. „Also haben wir angeboten, uns für Flutopfer einzusetzen“, sagt Koch. Ein erster Kontakt nach Wermelskirchen entstand, kurz nach der Flut kamen die ersten Helfer und unterstützten die Gemeinde beim Putz abschlagen.

Seit vergangenem Samstag sind nun 16 Ehrenamtliche in Unterburg im Einsatz – und legen einen Holzboden als längerfristiges Provisorium. Die Truppe übernachtet im Gemeindehaus Hünger, hat einen eigenen Koch mitgebracht und freut sich, dass immer mal wieder Menschen mit Kuchen und Kaffee vorbeikommen.

Und das nicht ohne Grund: Die Helfer haben dank ihrer verschiedenen handwerklichen Berufe nicht nur das Wissen für die Bauarbeiten im Gepäck, sondern auch das entsprechende Werkzeug und viel Motivation. Durch einen glücklichen Zufall bringen die Gäste aus Halle auch noch einen Lastwagen voller Geschenke mit: Ausrangierte Stühle bilden den Grundstock für die neue Bestuhlung der Kulturkirche. Die Abstimmung mit der Denkmalbehörde hat die Gemeinde um Baukirchmeister Peter Siebel übernommen, um die Arbeiten kümmern sich die Gäste aus Halle.

„Diese Kirche braucht jetzt Zeit. Ein, zwei Jahre, um zu atmen und zu trocknen“, sagt Bernd Blachetta, der die Fäden auf der Baustelle zusammenführt. Deswegen werde der Holzboden auf Balken verlegt. Nebenbei packen die Ehrenamtlichen auch beim Heckenschnitt, auf der Baustelle des Betreuten Wohnens der Diakonie und am Gemeindehaus mit an. „Wir freuen uns, wenn die Menschen hier in Unterburg aus der Arbeit etwas Hoffnung für die Zukunft mitnehmen“, sagt Koch. Und genau die ist in diesen Tagen in der Kirche in Unterburg deutlich spürbar.

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