Beim Einkaufen

Zu Unrecht beschuldigt: Student beklagt Rassismus

Udeze Nwokobia wurde bei einem Einkauf von einer Kundin fälschlich des Diebstahls beschuldigt. Foto: Christian Beier
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Udeze Nwokobia wurde bei einem Einkauf von einer Kundin fälschlich des Diebstahls beschuldigt.

Udeze Nwokobia wurde von einer Kundin im Supermarkt des Diebstahls bezichtigt – er sieht darin ein strukturelles Problem.

Merscheid. Seinen Einkauf im Lidl-Markt an der Beethovenstraße vor einigen Wochen wird Udeze Nwokobia wohl nicht so schnell vergessen. Er legte an der Kasse gerade seine Waren aufs Band, als eine mehrere Meter von ihm entfernt stehende Kundin, so seine Schilderung, plötzlich laut ausrief, dass er ihr das Portemonnaie gestohlen habe. „Ich habe diese Frau vorher überhaupt nicht wahrgenommen, und es standen bestimmt noch sechs bis sieben Kunden zwischen uns in der Schlange“, beschreibt er die Situation. Die Frau habe keinen nachvollziehbaren Grund gehabt, ihn zu verdächtigen – außer jenem, den Nwokobia selbst vermutet: „Ich war der einzige Schwarze im Geschäft.“

„Die ganze Situation war mir furchtbar peinlich.“

Udeze Nwokobia

Nach einem hitzigen Wortgefecht mit der Kundin kamen Mitarbeiter des Lidl-Marktes auf ihn zu und forderten ihn auf, das Geschäft bis zum Eintreffen der Polizei nicht zu verlassen. Widerstand leistete der aus Nigeria stammende Solinger nicht – er habe die Sache schnell aus der Welt schaffen wollen. Hinter ihm hätten Kunden abfällige Kommentare über „kriminelle Ausländer“ geäußert. Partei ergriffen habe für ihn niemand.

„Die ganze Situation war mir furchtbar peinlich“, erinnert sich Nwokobia. „Und mich hat das verletzt.“ Vor Schreck ließ er ein Glas Pesto an der Kasse fallen. Eine Polizeibeamtin und ihr Kollege nahmen schließlich seine Personalien auf, durchsuchten seine Taschen und fanden – nichts. Eine Entschuldigung hielt nach Nwokobias Schilderung keiner der Beteiligten für notwendig – nicht das Personal, nicht die beschuldigende Frau und nicht die Polizei.

Letztere habe sich zudem geweigert, auf Nwokobias Bitte hin im Gegenzug eine Strafanzeige gegen die Kundin wegen falscher Verdächtigung aufzunehmen. „Da hieß es, die Frau habe ja wegen des verlorenen Portemonnaies jetzt größere Probleme als ich.“ Als er die Polizisten gefragt habe, warum sie ausgerechnet ihn durchsucht haben, obwohl außer einer einzigen Beschuldigung nichts gegen ihn vorlag, habe man zu ihm gesagt: „Gehen Sie jetzt heim, sonst nehmen wir Sie wieder mit.“

Den Vorfall wollte der Informatik-Student dennoch nicht auf sich beruhen lassen und stellte später an der Wache an der Kölner Straße erneut Strafanzeige gegen die Kundin. Die Ermittlungen dazu liefen, heißt es auf Nachfrage bei der Polizei, die den Vorgang im Groben bestätigte. Von „Racial Profiling“, also unbegründeten polizeilichen Maßnahmen allein auf Grundlage ethnischer oder kultureller Merkmale, könne im vorliegenden Fall aber keine Rede sein, teilte Polizeisprecher Stefan Weitkämper schriftlich mit. „Den Beamten lagen im betreffenden Fall Verdachtsmomente gegen den 28-Jährigen vor, welche sich aus der Aussage der bestohlenen Kundin ergaben.“

Die Kontrolle habe „einerseits dazu gedient, mögliche Beweismittel bei dem Beschuldigten aufzufinden, andererseits auch, um ihn zu entlasten, wenn keine Beweismittel festgestellt werden“. Offen bleiben muss neben dem Verbleib der Geldbörse die Frage, warum die Beamten die Anzeige seitens Udeze Nwokobia nicht aufgenommen haben. Dies werde „in einer Befragung aufgearbeitet“, so Weitkämper weiter.

Lidl betont auf Nachfrage, sich nach dem Vorfall bei Nwokobia für die Unannehmlichkeiten entschuldigt zu haben. Dies geschah allerdings erst einige Wochen nachdem sich der Solinger aus eigener Initiative mit einer Beschwerde an das Kundenmanagement gewandt hatte. Das Unternehmen schickte ihm einen knappen Vierzeiler per E-Mail, der dem Tageblatt vorliegt.

Auch in Solingen machen Migranten Erfahrungen mit Rassismus

Strukturellen Rassismus erlebten Zuwanderer regelmäßig auch in Solingen, berichtet Michael Roden, der beim Stadtdienst Integration die Arbeit zu den Themen Antidiskriminierung und Antirassismus koordiniert. „Es gibt Fälle, bei denen jemand mit Migrationshintergrund sich auf einen Job bewirbt und eine Absage erhält, weil die Stelle angeblich schon vergeben sei. Dann hat der Bewerber es noch einmal mit einem deutschen Namen versucht – und plötzlich war die Stelle wieder frei.“ Menschen, die in Solingen ähnliche Erfahrungen machten, könnten sich jederzeit an das Team wenden und sich beraten lassen: Tel. 0212 / 290-2720.

Auch für Udeze Nwokobia sei der Vorfall im Supermarkt nicht die erste Begegnung mit Rassismus gewesen. Vor seinem Umzug nach Solingen habe er in München in einem Hotel gearbeitet. „Da sagten manchmal Leute, dass sie nicht von einem Schwarzen bedient werden möchten.“ Ebenso habe er aber schon erlebt, dass er rassistisch beleidigt wurde und unbeteiligte Personen sich für ihn eingesetzt hätten. Verbittert sei er insgesamt nicht. „Ich möchte die Menschen für das Problem sensibilisieren.“ In Deutschland habe er bislang überwiegend positive Erfahrungen gemacht – auch mit der Polizei.

Kommentar

Von Kristin Dowe

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Um es differenziert zu betrachten: Die Maßnahmen der Polizei im vorliegenden Fall mögen formal korrekt gewesen sein. Dennoch hätte man von den Beamten etwas mehr Fingerspitzengefühl erwarten können, wenn sich ein unbescholtener Bürger nach einer Durchsuchung als unschuldig erweist. Mit einem Wort der Entschuldigung und einer nachträglichen Erklärung für die Notwendigkeit der Maßnahme hätte man sich keinen Zacken aus der Krone gebrochen. Fraglich ist auch, warum die Strafanzeige gegen die Kundin seitens des Betroffenen abgewiesen wurde. Aber auch weitere am Geschehen Beteiligte, in erster Linie die Falschbeschuldigerin selbst, haben sich hier nicht mit Ruhm bekleckert, indem sie die einzige dunkelhäutige Person im Geschäft offenbar ohne jeden Anhaltspunkt zum Übeltäter stilisiert haben. So zeigt der Fall lehrbuchhaft, dass Rassismus noch immer zur Lebenswirklichkeit von Zuwanderern in Deutschland gehört. Leider.

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