Unperfektionismus kann befreiend sein

Stadtdechant Michael Mohr erinnert daran, dass nicht alles perfekt sein muss – Beziehungen in Partnerschaften, Ehen oder Familien können besser funktionieren, wenn man die Erwartungen nicht zu hoch schraubt. Archivfotos: Christian Beier/Natalie Kuhls
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Stadtdechant Michael Mohr erinnert daran, dass nicht alles perfekt sein muss – Beziehungen in Partnerschaften, Ehen oder Familien können besser funktionieren, wenn man die Erwartungen nicht zu hoch schraubt. Archivfotos: Christian Beier/Natalie Kuhls

Theologen laden im ST zur Andacht ein – heute der katholische Stadtdechant Michael Mohr

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Kennen Sie Marie Kondo? Die in den USA lebende Japanerin ist recht berühmt geworden durch ihre Bücher, die vom Aufräumen handeln: Wie räume ich auf? Und vielleicht noch wichtiger: Was werfe ich weg? Dazu hat sie eine Methode entwickelt, die in fünf Schritten die Ordnung zu Hause verspricht. Einer dieser Schritte lautet: Entscheiden, was behalten wird, aufgrund der Frage: Macht es mich glücklich, wenn ich diesen Gegenstand in die Hand nehme?

Diese simple Frage ist mir durch den Kopf gegangen, sicher auch deswegen, weil es mich beispielsweise nicht „glücklich“ macht, einen Putzlappen in die Hand zu nehmen. Und doch würde ich ihn nicht entsorgen. Wahrscheinlich meint Marie Kondo es gar nicht so detailreich, wenn es ums Aussortieren geht, aber gestört hat es mich irgendwie doch.

Je mehr ich mir meine Familie als „heilen“ Ort in einer „unheilen“ Welt wünsche, desto mehr werden mich die kleinen oder größeren Schwierigkeiten in der Familie stören.

Und dann habe ich in der Lesung vom vergangenen Sonntag die folgenden Sätze aus dem ersten Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Korinth gehört: „Die Zeit ist kurz. Daher soll, wer eine Frau hat, sich in Zukunft so verhalten, als habe er keine, wer weint, als weine er nicht, wer sich freut, als freue er sich nicht, wer kauft, als würde er nicht Eigentümer, wer sich die Welt zunutze macht, als nutze er sie nicht; denn die Gestalt dieser Welt vergeht.“

Beides handelt also davon, sich nicht zu sehr an Dinge zu binden (Paulus meint das sogar im Blick auf Beziehungen zu anderen Menschen!). Und auch der Text von Paulus hat mich irgendwie gestört. Bei verschiedenen Methoden zum Aufräumen ist mir diese Störung ehrlich gesagt egal. Aber bei dem Bibeltext hat mich der Gedanke nicht losgelassen: Was kann Paulus gemeint haben? Meint er wirklich, dass wir Christen uns von der Welt abwenden sollten?

Vielleicht kennen Sie das auch: Je mehr man etwas will, desto weniger gelingt es. Mir scheint, dass das vor allem im Zwischenmenschlichen oft so ist: Je mehr ich will, dass eine Partnerschaft oder eine Freundschaft gelingt, desto eher wird genau das Gegenteil passieren. Je mehr ich mir meine Familie als „heilen“ Ort in einer „unheilen“ Welt wünsche, desto mehr werden mich die kleinen oder größeren Schwierigkeiten in der Familie stören. Dabei ist statistisch bewiesen, dass die Wertschätzung für Ehe und Familie ungebrochen hoch ist.

Wie kann das sein? So viele wünschen sich den Partner für’s Leben oder die eigene Familie, und bei so vielen zerplatzen diese Träume. Vielleicht kann es helfen, auf den Text von Paulus zu schauen, der mich erst ein bisschen gestört hat.

Wenn ich über diesen Text tiefer nachdenke, dann fällt mir auf, dass es befreiend sein kann, wenn ich vom Anderen nicht alles erwarte, was mir mein Beruf oder die Gesellschaft nicht geben können. Schließlich haben auch die anderen Menschen ihre eigenen Probleme, die sie vielleicht bei mir loswerden wollen.

Wenn ich als Christ aber im Kopf habe, dass ich alles, was mich nervt, was mich stresst oder traurig macht, bei Gott lassen kann, der mich begleitet und für mich da ist, dann sinkt der Druck auf die anderen Menschen und ich kann die Beziehungen zu anderen viel gelassener leben. Denn die anderen müssen nicht perfekt sein. Dann kann es gelingen, die Beziehungen in Partnerschaft, Ehe und Familie auch dort lebendig zu leben, wo die äußeren Belastungen steigen.

Und selbst dann, wenn eine solche Beziehung durch den Tod endet, bleibt das verbindende Band der Liebe da. Und wird oft sogar noch stärker.

Paulus geht es also nicht um Abwendung von der Welt. Nur um die richtige Orientierung.

Ihr Pastor Michael Mohr

Zur Person

Michael Mohr studierte Theologie in Bonn, Salamanca und Köln. Die Diakonenweihe folgte 2007, die Priesterweihe 2008. Nach Kaplanstellen in Neuss, Wipperfürth und Grevenbroich ist er seit 2016 Pfarrer in Solingen, seit 2017 Stadtdechant.

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