Flucht

Ukrainerin in Solingen: „Wir sind Deutschland sehr dankbar“

Olena Semerenska besuchte die ST-Redaktion mit ihrer kleinen Tochter Palina. Georg Schubert von der Initiative „Gräfrath hilft“ begleitete die beiden zu dem Gespräch.
+
Olena Semerenska besuchte die ST-Redaktion mit ihrer kleinen Tochter Palina. Georg Schubert von der Initiative „Gräfrath hilft“ begleitete die beiden zu dem Gespräch.

Die Ukrainerin Olena Semerenska erzählte dem ST, wie sie die ersten Monate in Solingen seit ihrer Flucht erlebt hat.

Von Kristin Dowe

Solingen. Ein wenig schüchtern blickt die fünfjährige Palina in die Runde und turnt unruhig auf dem Schoß ihrer Mutter Olena Semerenska herum, als diese beim Besuch in der ST-Redaktion ihre Geschichte erzählt. Begleitet werden die beiden von Georg Schubert von „Gräfrath hilft“, der den Kontakt für das Tageblatt hergestellt hatte. Zusammen mit Palina, einer weiteren elfjährigen Tochter namens Taisiia sowie ihrer Mutter ist die junge Frau aus der Ukraine geflüchtet und lebt seit dem 12. März in Deutschland. „Wir sind sehr glücklich, weil wir hier so viele nette Menschen getroffen und so viel Unterstützung und Hilfe erfahren haben“, sagt die aus Charkiw stammende Ukrainerin. Die Emotionalität dabei ist ihr deutlich anzumerken.

Untergekommen sind die vier mit ihren Töchtern bei einer Familie in Burg, die sich inzwischen schon fast wie ihre eigene Familie anfühle, sagt Olena. Der Solinger Stadtteil hat es ihr offenbar angetan: „Es ist wunderschön, dass wir hier in einem Ort gelandet sind, der umgeben von Wald und Natur ist. Das ist für die Kinder ganz toll“, schwärmt sie. Von der Seilbahn bis zu Schloss Burg hätten die drei schon die Solinger Sehenswürdigkeiten erkundet und konnten die schrecklichen Ereignisse, die hinter ihnen liegen, so wenigstens für einen kleinen Augenblick vergessen.

Früher unterrichte Olena Englisch an einer Universität und an Privatschulen in Charkiw und kann sich deshalb – anders als viele andere ukrainische Geflüchtete – problemlos auf Englisch in Deutschland verständigen. Ihren Ehemann musste sie in dem Kriegsland zurücklassen. „Wir telefonieren jeden Tag“, sagt sie. Es beruhige sie ein wenig, dass er zurzeit wenigstens nicht kämpfen muss, weil er sich um seine pflegebedürftige Mutter kümmert.

Olena Semerenska kochte für das Helferfest in Unterburg

Die Nachrichten verfolge sie zurzeit nicht in den Medien, das sei noch zu belastend. Ihre Mutter halte sie aber ständig über die Geschehnisse in der Heimat auf dem Laufenden, wenngleich auch das sehr bedrückend sei. „Meine Mutter muss am Telefon oft weinen“, erzählt Olena. Das Dach am Haus der Mutter sei eines Tages von Bomben zerstört worden, so dass sie mit den Kindern in den Keller fliehen musste. „Das war für mich ein Wendepunkt, und ich wusste, dass wir jetzt wegmüssen.“

„Es war schön, ein Teil davon sein zu dürfen.“

Olena Semerenska über das Helferfest in Unterburg.

Zwölf Tage habe es insgesamt gedauert, bis sie mit ihren Töchtern letztendlich über einen Kontakt in Solingen gelandet sei. Eine ukrainische Freundin lebe schon seit 2014, dem Jahr der Annexion der Krim, in der Klingenstadt und habe vermittelt. Vor allem Tochter Palina habe während der Busfahrt gesundheitliche Probleme gehabt und sei traumatisiert und verstört gewesen. Doch auch an einen Lichtblick erinnere sie sich: „Ich weiß noch genau, als meine Kinder das erste Mal nach der Reise wieder gelächelt haben. Das war, als sie hier in Deutschland zum ersten Mal Fahrräder gesehen haben.“ Diese hätten Solinger für die Neuankömmlinge gespendet.

Überhaupt herrsche speziell in Burg ein enger Zusammenhalt und eine sehr herzliche Atmosphäre. Als in Unterburg kürzlich ein Fest für die Helfer der Hochwasserkatastrophe am 14. Juli 2021 stattfand, kochte Olena gemeinsam mit anderen ukrainischen Frauen, für die sie inzwischen zu einer wichtigen Ansprechpartnerin geworden ist.

Auch das Schicksal der Menschen in Solingen, die von der Hochwasserkatastrophe betroffen waren, habe sie sehr bewegt. Doch ebenso sehr sei sie vom Zusammenhalt der Betroffenen und ihrem Willen beeindruckt gewesen, die Not gemeinsam zu überwinden und das zu feiern. Über die Einladung zu der Gedenkfeier habe sie sich sehr gefreut. „Es war schön, ein Teil davon sein zu dürfen.

Die beiden Mädchen hätten sich recht gut in der neuen Umgebung zurechtgefunden und sogar schon Freunde gefunden, berichtet die Mutter. Ihre ältere Tochter Taisiia besucht aktuell die August-Dicke-Schule und lernt bereits fleißig Deutsch, Palina wird ab dem 9. August einen Kindergarten besuchen. „Wir wissen, dass die Plätze knapp sind und wir sind sehr dankbar dafür, dass es bei Palina so schnell geklappt hat“, freut sich Olena.

Die Betreuung ihrer Töchter sei für sie sehr wichtig, damit sie in Deutschland einen Job finden kann – am liebsten einen mit Kindern. „Wir sind Deutschland sehr dankbar, dass wir hier sein dürfen. Und ich möchte einfach ein gutes Mitglied der Gesellschaft sein.“

Trotz der Schrecken des Krieges tauen Palina und Taisiia in Solingen allmählich auf. Mit Begeisterung hätten beide an der Kinder-Oase des Ferienspas(s) teilgenommen, bei welcher Olena Semerenska spontan als Betreuerin für die ukrainischen Kinder einsprang, und auch schon das Dürpelfest besucht. Während es den Kindern einigermaßen leicht fällt, sich anzupassen, beschäftigen die Mutter viele Fragen. Wann wird sie mit den Kindern in die Ukraine zurückkehren können? Und wird ihr Haus dann noch stehen? Ihr größter Traum sei, dass „Russland den Krieg nicht gewinnt“.

Als die Drei sich beim ST-Besuch verabschieden, gibt es für Palina von der Redaktion noch eine kleine Überraschung: Ein Pandabär, der Worte nachsprechen kann. Die Fünfjährige macht große Augen, als sie das Plüschtier strahlend entgegennimmt. „Dankeschön!“, sagt sie. Auf Deutsch.

Hintergrund

Aktionen: Neben vielen anderen Hilfsaktionen in Solingen leistete auch die Firma Walbusch Unterstützung für ukrainische Familien. Sie ermöglichte einen kostenlosen Einkauf in ihrem Schnäppchenmarkt.

Hilfsinitiative: Eine Abgabe von Hilfsgütern ist bei der privaten Hilfsorganisation „Gräfrath hilft“ donnerstags von 14 bis 16 Uhr in den Räumen an der Schulstraße 2 möglich. Info unter Tel. 01 60 95 61 20 78 oder: graefrath.hilft@t-online.de

Standpunkt von Kristin Dowe: Probleme ansprechen

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Eines vorweg: Die Hilfsbereitschaft, die Solingerinnen und Solinger in den vergangenen Monaten gegenüber den geflüchteten Menschen aus der Ukraine an den Tag gelegt haben, verdient größten Respekt. Neben Spenden haben sich viele in besonderer Weise für die vornehmlich Frauen und Kinder eingesetzt, indem sie Familien bei sich aufnahmen und großzügig Wohnraum zur Verfügung stellten.

Es ist nur menschlich und ganz normal, dass es einige Monate nach dem ersten Andrang im März auch organisatorische Probleme geben kann. Ob und wie lange die Geflüchteten untergebracht werden können, hängt vor allem von der individuellen Lebenssituation der jeweiligen Gastgeber ab. Auch ist der Betreuungsbedarf für die Neuankömmlinge nicht zu unterschätzen.

Umso wichtiger ist es, Probleme offen anzusprechen, um für alle Seiten eine zufriedenstellende Lösung zu finden. Wer einmal Menschen wie die Ukrainerin Olena Semerenska kennengelernt hat, weiß, wie dankbar die Betroffenen sind – und wie viel ihnen die Hilfe bedeutet.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Notfall: 15-jähriger Solinger tut das einzig Richtige
Notfall: 15-jähriger Solinger tut das einzig Richtige
Notfall: 15-jähriger Solinger tut das einzig Richtige
Aus einer Schnapsidee wird die Landwehrperle
Aus einer Schnapsidee wird die Landwehrperle
Aus einer Schnapsidee wird die Landwehrperle
Urteil zu Gebühren: TBS rechnen mit Millionen-Loch
Urteil zu Gebühren: TBS rechnen mit Millionen-Loch
Urteil zu Gebühren: TBS rechnen mit Millionen-Loch
Stadtwerke: Gaspreis soll in Solingen um etwa fünf Cent steigen
Stadtwerke: Gaspreis soll in Solingen um etwa fünf Cent steigen
Stadtwerke: Gaspreis soll in Solingen um etwa fünf Cent steigen

Kommentare