Baumfällung belegt das Ausmaß der Waldzerstörung

Trockenheit vernichtet 50.000 Fichten in Solingen

Hohle Baumstämme im Bereich Müngsten zeigen Folgen der Trockenheit: Fichten starben wegen des massiven Borkenkäferbefalls. Ab Herbst wird in Widdert und am Pfaffenberg gefällt.
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Hohle Baumstämme im Bereich Müngsten zeigen Folgen der Trockenheit: Fichten starben wegen des massiven Borkenkäferbefalls. Ab Herbst wird in Widdert und am Pfaffenberg gefällt.

Seit Donnerstag rollt der Verkehr zwischen Remscheid und Solingen wieder. Die gute Nachricht für die Autofahrer ist zugleich eine Katastrophenmeldung für den Zustand des Solinger Walds in Müngsten.

Von Philipp Müller

Solingen. Denn statt auf Nadelgehölz blickt man dort jetzt auf große Lichtungen – fast zwei Wochen regierte die Kettensäge gnadenlos. Rund 50.000 Fichten auf Solinger Stadtgebiet sind bisher abgestorben, schätzt Markus Schlösser, Abteilungsleiter Wald und Landschaft im Stadtdienst Natur und Umwelt. Sie müssen alle gefällt werden – oder sind es bereits.

Die Wiederaufforstung wird nicht im gleichen Zeitraum von Wochen oder Monaten passieren, sie ist eine Generationenaufgabe. Finanziellen Profit aus den Fällungen gibt es nicht. Nach Müngsten zieht es die Waldarbeiter noch nach Widdert und zum Pfaffenberg. In Gräfrath war zu Jahresbeginn bereits sehr viel Holz geschlagen worden.

Solingen: Kein finanzieller Profit aus den Fällungen

Enrique Pless, der Vorsitzende des Beirats der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt, verweist auf weitere abgestorbene Fichten im Bereich Teufelsklippen und an den Wupperhängen westlich von Burg Hohenscheid. Gefällt wurde bisher nach dessen Angaben schwerpunktmäßig in den Bereichen der Hänge an der Sengbachtalsperre, im Bereich Müngsten sowie in der Ohligser Heide und am Wanderparkplatz Schellbergtal.

„Mindestens fünf Jahre dauert die Wiederbewaldung.“

Markus Schlösser, Stadt Solingen

Zwei extrem trockene Sommer haben den Fichten zugesetzt. Sie bilden normalerweise mit Harz einen Schutz, um sich den Borkenkäfer vom Stamm zu halten. Die Diagnose ist eindeutig: Kein Wasser, kein Harz, viele Käferlarven – und die Fichte stirbt. „Derzeit nimmt die Baumart Fichte am Solinger Wald etwa einen Flächenanteil von 10 Prozent ein, was einer Fläche von 100 Hektar entspricht. Es ist davon auszugehen, dass diese Flächen auch komplett geschädigt sind“, erklärt Markus Schlösser. Bei durchschnittlich 500 Bäumen pro Hektar kommt er auf 50.000 abgestorbene Fichten. Die Fällarbeiten würden unter Berücksichtigung der Brut- und Setzzeiten an den Stellen fortgesetzt, „an denen die abgestorbenen Bäume zur Verkehrsgefahr werden können.“

Abholbereite Fichten – fast so weit, wie das Auge reicht. Die 50.000 toten Bäume sollen durch Mischwald ersetzt werden.

Die Lichtungen können aber nicht bleiben, wie sie sind. Das frühere Ratsmitglied für die Grünen, Enrique Pless, erklärt, was der Beirat diskutiert hat und jetzt fordert: „Steilhänge im Bereich der Wupper oder der Sengbachtalsperre müssen zur Verhinderung von Erosion wieder mit standortgerechten Laubbäumen aufgeforstet werden. Ansonsten würde sich hier die nicht erwünschte Fichte verjüngen.“ Buche und Eiche mit Beimischung von Eberesche und auch Kirsche zählt Pless auf.

Markus Schlösser erklärt, was nun passiert: „Im Anschluss an die Räumung der Flächen wird für jede einzelne Fläche eine Planung für die Wiederaufforstung erstellt.“ Es sei zu prüfen, welche Bäume überhaupt für die Aufforstung zu einem gewünschten Mischwald zur Verfügung stünden.

Danach müssten Förderanträge für die Umsetzung gestellt werden. Auf Gewinn aus dem Verkauf der 50.000 toten Fichten hofft er nicht. Im Gegenteil: Bei dem Großteil des Holzes habe bereits eine Entwertung eingesetzt. „Insgesamt decken deshalb die Einnahmen aus dem Verkauf des Holzes derzeit die Aufwendungen nicht.“ Das Defizit trage grundsätzlich der Eigentümer – also Stadt und Steuerzahler.

Solingen: Wiederaufforstung ist eine Generationenaufgabe

„Für die Wiederbewaldung wird ein Horizont von mindestens fünf Jahren anvisiert“, sagt der Abteilungsleiter. Bis die Bäume dann groß sind, ist mindestens eine Generation vergangen. Pless reicht das so nicht, er sieht die Politik gefordert: „Für all diese Aufgaben – Planung, Ausschreibungen, Stellen von Förderanträgen, Vergabe von Aufträgen – ist eine personelle Aufstockung im Forstbereich in den nächsten Jahren ebenso notwendig wie das Einstellen von Eigenmitteln für Förderanträge in die Etats der kommenden Jahre.“

Trockenheit bedroht Bäume

Sollte es auch 2021 einen trockenen Sommer geben, trifft es nach Angaben von Markus Schlösser von der Stadt Solingen alle mehr als 100 Jahre alten Bäume. Da sei besonders die Buche betroffen. Der Fachmann erklärt: Wie hoch die Schäden jetzt schon seien, „wird sich erst nach dem Laubaustrieb im Mai realistisch abschätzen lassen.“ Nach seiner Prognose wird sich der Zustand des gesamten Waldes weiterhin erheblich verschlechtern, sollte die Witterung – wie in den vergangenen Jahren – weiterhin trocken und heiß sein.

Standpunkt: Toter Wald mahnt alle

Von Philipp Müller

philipp.mueller@solinger-tageblatt.de

In den 1980er Jahren war es der „Saure Regen“, der den Wald absterben ließ. Abgase aus Autos und Kraftwerken rieselten mit jedem Schauer auf Laub und Boden nieder. Das führte zu einem Umdenken, dem Wald half das teilweise. Hubschrauber mit Kalk gegen die Säure fliegen bis heute über Solingens Wipfel. Doch jetzt ist es der Klimawandel, der zunächst den Fichten zusetzt und vielleicht auch der Buche. Es ist dabei völlig unerheblich, ob man den Anstieg der Temperaturen auf menschliches Verhalten zurückführt oder auf eine „natürliche“ Schwankung der Erdwärme.

Letzteres gilt unter den Experten allerdings als unwahrscheinlich. Würde man heute jeden toten Baum wie einst Schlagersängerin Alexandra besingen, bräuchte es allein in Solingen ein Ensemble, das selbst die Dimension der Fischerchöre sprengen würde – 50.000 tote Fichten. Corona hin, Corona her, die Politik muss der Verwaltung jetzt die Instrumente und das Geld in die Hand geben, um die Wiederaufforstung schnell umzusetzen. Und die Kahlstellen im Wald mahnen uns alle, klimabewusster zu leben.

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