Pandemie

Triage: Kliniken in Solingen bereiteten sich früh vor

Das Team der Intensivmedizin am Städtischen Klinikum Solingen ist während der Corona-Pandemie besonders stark gefordert (v. l.): Christina Fehlenberg, Uta Naumann, Dr. Ulrich Bock und Julika Witt. Foto: Christian Beier
+
Das Team der Intensivmedizin am Städtischen Klinikum Solingen ist während der Corona-Pandemie besonders stark gefordert (v. l.): Christina Fehlenberg, Uta Naumann, Dr. Ulrich Bock und Julika Witt.

Seit Beginn der Corona-Pandemie verfügen die Solinger Häuser über Konzepte für intensivmedizinische Härtefälle.

Von Kristin Dowe

Solingen. Wenn es im Laufe der Corona-Pandemie hart auf hart kommt und die Intensivbetten knapp werden, müssen Mediziner im schlimmsten Fall entscheiden, welcher Patient die besseren Überlebenschancen hat. Triage heißt dieses Schreckgespenst, das die Solinger Kliniken bislang glücklicherweise noch nicht anwenden mussten. Menschen mit bestimmten Behinderungen oder Vorerkrankungen könnten in solchen Härtefällen unter Umständen die schlechteren Karten haben. Deshalb darf diese Gruppe laut einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts bei einer möglichen Triage nicht benachteiligt werden.

Zur allgemeinen Beruhigung kann Dr. Ulrich Bock, Vorsitzender des Klinischen Ethikkomitees am Städtischen Klinikum, sagen, dass ein solches Szenario angesichts der sinkenden Zahl von Corona-Patienten, die intensivmedizinisch behandelt werden müssen, eher unwahrscheinlich sei – wenngleich auch die Infektionszahlen durch die Omikron-Variante wieder deutlich steigen. In falscher Sicherheit will er die Menschen deshalb nicht wiegen: „Die Versorgungssituation kann durch die sehr hohe Infektiosität der Omikron-Variante theoretisch zu massivem Personalausfall in allen Arbeitsbereichen führen, mit einer entsprechenden Belastung der Versorgungsmöglichkeiten unserer Patienten.“

Mit der theoretischen Möglichkeit, dass die Ärzte bei einem überlasteten Gesundheitssystem über Leben und Tod entscheiden müssen, hat man sich am Klinikum bereits zu Beginn der Pandemie, im März 2020, auseinandergesetzt. So gebe es ein standardisiertes Verfahren, das auf einer Empfehlung der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) basiere, erklärt Dr. Bock. Danach sollen die Ärzte möglichst frühzeitig entscheiden, welcher Patient eine intensivmedizinische Behandlung erhalten soll. „Diese Festlegung kann jederzeit im Verlauf der Behandlung wieder neu festgelegt oder revidiert werden“, so Bock. Es gelte das Mehr-Augen-Prinzip, bei dem mindestens ein intensivmedizinisch erfahrener Facharzt an der Entscheidung beteiligt sein soll.

In der Triage-Situation solle dieses Team durch ein Mitglied des Klinischen Ethikkomitees in der Entscheidung und Dokumentation unterstützt werden. „Somit soll sichergestellt werden, dass bei Triageentscheidungen allein nach der aktuellen und kurzfristigen Überlebenswahrscheinlichkeit entschieden wird“, erläutert Bock. „Durch dieses sorgfältige Vorgehen wird sichergestellt, dass Menschen mit Behinderung nicht benachteiligt werden und somit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichtes entsprechend gehandelt wird.“ Mit einer Änderung des bisherigen theoretischen Prozederes sei durch das Urteil nicht zur rechnen.

„Ich würde niemals einen Patienten unversorgt lassen.“

Dr. Georgios Sofianos, Lungenklinik Bethanien

Auch Dr. Georgios Sofianos, Oberarzt und Leiter der Intensivmedizin an der Lungenklinik Bethanien, hofft inständig, dass seinem Team in der Intensivmedizin im Zuge der Pandemie derart schwierige Entscheidungen erspart bleiben. Einer gesetzlichen Regelung hätte es mit Blick auf das Urteil des Bundesverfassungsgerichts aber nicht bedurft. „Menschen mit Behinderung wurden bei einer theoretischen Triage auch vor dem Urteil nicht benachteiligt, denn dabei spielen sehr viele Faktoren wie etwa das Alter oder der bisherige Lebenswandel des Patienten eine Rolle. Deshalb kann man diese Entscheidung nie nur auf einen einzigen Faktor wie eine bestimmte Behinderung beschränken. Das ist eine sehr individuelle Sache.“ Das Urteil halte er deshalb eher für „realitätsfern“ – es verkompliziere das Prozedere eher unnötig.

Aktuell sei die Situation in seiner Klinik zwar noch weitgehend beherrschbar, aber angesichts von Personalmangel dennoch angespannt. In der Vergangenheit habe Bethanien auch Patienten aus anderen Städten angenommen, doch seien diese Kapazitäten nun weitgehend erschöpft. Dr. Sofianos versichert allerdings: „Ich würde niemals einen Patienten unversorgt lassen.“

Auch am St. Lukas Klinikum habe sich die Ärzteschaft frühzeitig mit der Frage beschäftigt, „wie man entscheidet, welche Patientinnen und Patienten lebensnotwendige Therapien bekommen, wenn die Ressourcen nicht ausreichen“, berichtet Cerstin Tschirner, Sprecherin der Kplus Gruppe. Auch dort gebe es ein Ethikkomitee, das auf Basis der DIVI-Empfehlung ein Handlungskonzept erarbeitet habe. „Wichtig ist uns, dass kein Arzt, keine Ärztin eine einsame Entscheidung treffen muss, die man sich auf die Seele legt“, betont Tschirner.

Entscheidung einer Triage wird in Solingen von interdisziplinärem Team getroffen

Auch wenn die Entscheidung einer Triage im Ernstfall schnell getroffen werden müsse, sei daran stets ein interdisziplinäres Team aus erfahrenen Ärzten, Pflegekräften, der Seelsorge, des Sozialdienstes oder der Psychologie beteiligt. Dabei gehe es um die individuellen Erfolgsaussichten einer Behandlung, die auf Studien beruhten. „Die Überlebenschancen eines Patienten, der aufgrund einer Corona-Pneumonie beatmet werden muss, sind zum Beispiel signifikant schlechter als die eines Patienten, der aufgrund einer bakteriellen Lungenentzündung beatmet werden muss“, weiß Tschirner. Eine Triage werde erst dann erforderlich, wenn alle Beatmungskapazitäten erschöpft sind – in Solingen, bundesweit sowie im Ausland.

Damit dieses noch relativ entfernte Schreckensszenario nicht eintritt, sei die gesamte Gesellschaft geforfert, appelliert die Kplus-Sprecherin: „Wir alle können mithelfen, indem wir aufeinander achten, vorsichtig sind, uns impfen lassen und die Hygieneregeln einhalten.“

Hintergrund

Die Hospitalisierungsrate lag bundesweit am Dienstag bei 3,17 und ist seit dem 10. Dezember fast kontinuierlich gesunken. In den vergangenen sieben Tagen wurden insgesamt 541 Covid-19 Fälle hospitalisiert. Der Wert bezeichnet die Zahl der Krankenhauseinweisungen pro 100 000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen.

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Streit um Öffnung von „Martinas Lädchen“
Streit um Öffnung von „Martinas Lädchen“
Streit um Öffnung von „Martinas Lädchen“
Feuerwehr löscht Garage in Mitte
Feuerwehr löscht Garage in Mitte
Feuerwehr löscht Garage in Mitte
Pkw-Fahrer erfasst Radfahrer-Gruppe - Frau wohl außer Lebensgefahr
Pkw-Fahrer erfasst Radfahrer-Gruppe - Frau wohl außer Lebensgefahr
Pkw-Fahrer erfasst Radfahrer-Gruppe - Frau wohl außer Lebensgefahr
S1-Ausfall trifft auf genervte Pendler
S1-Ausfall trifft auf genervte Pendler
S1-Ausfall trifft auf genervte Pendler

Kommentare