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Trappeto: Die ersten Gastarbeiter erinnern sich

Der Ort, an dem alles begann. Die Altstadt von Trappeto wurde ab 1480 gebaut. Die Trappetesi lebten lange dürftig von Fischfang und Landwirtschaft. Viele zog es ab 1960 nach Deutschland.
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Der Ort, an dem alles begann. Die Altstadt von Trappeto wurde ab 1480 gebaut. Die Trappetesi lebten lange dürftig von Fischfang und Landwirtschaft. Viele zog es ab 1960 nach Deutschland.

Nur ein Koffer war ihr Begleiter, als die ersten Trappetesi nach Ohligs kamen. Heute leben viele wieder daheim – mit kleiner Rente.

Von Uli Preuss

Jetzt im Herbst ist es in Trappeto am schönsten, wissen sie hier. Dann ruht sich der kleine Ort, kaum 60 Kilometer von Palermo entfernt, vom Trubel der Hochsaison aus. Zwischen Juli und August sind die zwei Strände links und rechts der idyllischen Altstadt Traumziel vieler Touristen. Doch auch im Oktober ist die Luft auf Sizilien noch warm, und das glasklare Wasser lädt zum Schwimmen ein. Nur noch wenige Besucher flanieren Ende September am Meer über die Uferpromenade, die hier Lungomare heißt und zwischen den beiden Restaurants, die noch geöffnet haben.

Salvatore Amato (hier rechts auf der Berliner Brücke) begann 1961 bei Olbo und wurde später in der Firma Industriemeister.

Schön war es immer schon rund um Trappeto. Aber eben „nur“ schön, erinnern sich die Alten. Die tolle Landschaft konnte die Realität schon Ende der 1950er Jahre nicht verdrängen. Kaum Industrie, keine Arbeit für die Jungen, kein Geld für die Familien. Ein bisschen Landwirtschaft, spärlicher Fischfang, etwas Wein- und Olivenernte, das war’s und ist es heute noch. Wer konnte, wanderte aus, ging nach Deutschland und dort als Trappetesi nach Solingen-Ohligs.

„Ich bin den Solingern sehr, sehr dankbar.“
Salvator Manzella (76)

An die alte Garage an der Dunkelnberger Straße erinnert sich Salvatore Amato immer noch. Vier Betten standen darin, ein Tisch, eine Kochecke und das Klo draußen. „Wir haben damals sehr einfach gelebt“, sagt der 75-Jährige. In Solingen arbeitete er ab 1961 in den Olbowerken unter Italienern, Griechen und

Pinocchio-Chef Salvatore Manzella lebt heute wieder in Trappeto.

Portugiesen. Die Vorarbeiter waren Deutsche. Amato und seine Frau Ana Maria Bongiorno treffe ich in ihrem kleinen Haus nahe Balestrate, einem Nachbarort, aus dem auch Gastarbeiter nach Solingen gingen. Salvatore Amatos Geschichte nimmt einen guten Ausgang. Das gilt längst nicht für alle Migranten aus Sizilien. Irgendwann bot die Firma ihm die Weiterbildung zum Industriemeister an, seine Frau arbeitete zum Schluss in der Bäckerei Boes. Die Söhne sind beide in Ohligs geboren. Von der Rente können die Eltern gut leben, sich das Haus mit Olivenbäumen im Garten leisten, pendeln wie viele andere Senioren nach monatelangen Aufenthalten zwischen Balestrate und Solingen.

Manche sprechen noch Solinger Platt, andere gar kein Deutsch

Viele Alte gingen auch nach Trappeto zurück, ohne den Kontakt nach Ohligs abbrechen zu lassen. In der kleinen Stadt sind in jeder Straße Solinger Autokennzeichen zu sehen. Viele haben in Solingen ihren Wohnsitz, und in Italien ist die Autoversicherung teurer. Allein zwei Spediteure fahren mehrmals im Monat die Route Solingen–Trappeto, bringen sizilianische

Ann Maria Bongiorno und Salvatore Amato leben nahe Balestrate.

Waren ins Unterland und in Solingen angemeldete Autos nach Sizilien. Über der Uferpromenade, vom Meer aus gesehen rechts neben der Altstadt, wurden viele Häuser gebaut, oft finanziert mit dem Verdienst aus Solingen. Hier hat auch Bäcker Giuseppe Randazzo (65) seine kleine Bäckerei. Und hier steht das „Bomberburger“, ein Imbiss. Betrieben wird er von Franco Cucuru (69) und Ehefrau Maria (66). Beide arbeiteten in Solingen, sie jahrelang in der Fischhandlung Schälte.

Trappeto: Die ersten Gastarbeiter erinnern sich

 © Uli Preuss
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An der Uferpromenade treffe ich am Abend Salvatore Manzella. Wenn es in Trappeto Tellerwäscher-Karrieren gibt, sollte der 76-Jährige dazugehören. Als junger Mann verdiente er einen Hungerlohn von 500 Lire bei der Weinernte oder brachte das Salz aus Trapani in den Fischereihafen der Altstadt. „Vor 50 Jahren waren die salzigen Sardellen von Trappeto berühmt“, sagt Manzella.

Im Jahr des Mauerbaus fuhr er los. Alle Habseligkeiten in einem kleinen Koffer. Hier in Deutschland nahm Manzella an, was er kriegen konnte. Er arbeitete lange bei Bremshey, beriet später seine Landsleute für den Ottoversand. Dann kam die Pizzeria. Das „Pinocchio“ in Ohligs ist verkauft, aber immer noch eine Institution. Lange lebte Salvatore Manzella in der Wohnung darüber, engagierte sich mit den Landsleuten im Fußballverein und war in der italienischen Gemeinde tätig. Auf seiner Speisekarte gab es „Pasta a la Trappetese“ – Spaghetti mit Sardellen –, die die Trappetesi an ihre Heimat erinnerten. Wie ärmlich alles begann, hat Salvatore Manzella nie vergessen. Ohligser erinnern sich heute noch daran, wie selbstverständlich es für ihn war, wenn er Obdachlosen einen Teller Spaghetti rausreichte. Heute lebt er in Trappeto, im Haus am Hang, hoch über dem Meer. Längst sind zu den drei Töchtern, die in der St. Lukas-Klinik in Ohligs geboren wurden, vier Enkel hinzugekommen. Seine Botschaft: „Ich bin den Solingern sehr, sehr dankbar.“

Salvatore di Gaetano kam als 16-jähriger Analphabet nach Solingen.

Viele Alte sind wie er zurück im Heimatdorf. Manche, wie Salvatore di Gaetano, sprechen noch Solinger Platt. Gaetano kam als 16-Jähriger und als Analphabet nach Ohligs. Einfaches Deutsch hat er von den Arbeitskollegen an der Rohrziehmaschine gelernt.

DIE REGION TRAPPETO

GESCHICHTE Ende der 1950er Jahre kamen die ersten Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen aus der Region um die sizilianischen Städte und Dörfer Trappeto, Balestrate Giardinello und Partinico nach Deutschland. 

REGION Trappeto und Balestrate liegen direkt an der Mittelmeerküste im Norden Siziliens, etwa 50 bis 60 Kilometer links von Palermo. Giardinell und Partinico lieben liegen im Hinterland. 

ARBEIT Deutschland brauchte Gastarbeiter. Nach dem Anwerbeabkommen der Bundesrepublik mit Italien kamen Arbeiter (und später Arbeiterinnen) aus Trappeto nach Solingen. Hier waren sie in der Großindustrie bei Bremshey, Olbo und in der Schneidwarenherstellung beschäftigt.

Im Ort treffe ich zum Schluss den Gemüsehändler. Ein Mann, der über 20 Jahre in Solingen arbeitete und nichts versteht, als ich ihn auf Deutsch begrüße. Der Weg in die Integration, er begann damals noch nicht mit Sprache.

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