Tragisch-komisches Selbstgespräch

Eine große Leinwand zeigte in Großaufnahme jede noch so kleine Bewegung in Renate Kemperdicks Gesicht. Foto: Christian Beier

Inszenierung des Ensembles Profan

Von Jutta Schreiber-Lenz

Trotz allem wird es ein „glücklicher Tag“ gewesen sein: Das war immer und immer wieder das Fazit des Selbstgesprächs von Winnie (Renate Kemperdick), das sie gelegentlich mit Bemerkungen an die Adresse von „Willi“ ergänzte: Ihr Mann (Alexander Riedel), in einem Erdloch hausend und offensichtlich nur noch zu grunzenden Lauten und Kriechbewegungen fähig, war ausschließlich Stichwortgeber – wenn er überhaupt auftauchte. Meist gehörte das Rampenlicht und damit die Aufmerksamkeit der rund 50 Theater-Fans im Pina-Bausch-Saal Renate Kemperdick.

Als Frau im Zweipersonenstück von Samuel Beckett schaute sie im zweiten Akt nur noch mit dem Kopf aus ihrem Holzbett hervor, das im Laufe des Stücks immer mehr an einen Sarg erinnerte. Im ersten Teil standen ihr neben ihren Gesichtsmuskeln noch Arme für Gesten zu Verfügung: Trotzdem hörte sie nicht auf, ihre Grotteneinsamkeit in der Wüste schönzureden.

Pausenlos redend im tragisch-komischen Selbstgespräch, kramte Winnie am Donnerstagabend in der Premiere von „Glückliche Tage“ immer mehr Alltagsutensilien aus dem schwarzen Sack neben ihrem Bett, mit deren Hilfe sie den „guten alten Stil“ vergangener Tage beschwor. Kosmetik und Körperpflege bekamen trotz Dauergeplauder beinahe den Anstrich einer Selbstmumifizierung vor der Kulisse der blattlosen Bäume in endloser Sandwüste.

Nur auf Stimme, Arme (und am Schluss nicht mal die) und Mimik reduziert, gelang Renate Kemperdick eine beeindruckende Interpretation der absurden Tragikomödie. Immer intensiver sog sie mit Energie in Stimmmodulationen, Sprechpausen, knappen Lachern, hochgezogenen Augenbrauen, ironisch verkniffenen Lippen und viel mehr schauspielerischem Handwerk die Zuschauer in die absurde Lage von Winnie und Willi hinein.

Eine überdimensionale Leinwand zeigte in Großaufnahme jede noch so kleine Bewegung in ihrem perfekt geschminkten Gesicht. Hergerichtet wie zu einer Feier, mit elegantem Kleid (von dem man ja nur das obere Teil sah) zeigte sie in Teamwork mit Alexander Riedel menschliche Existenz als Grenzsituation zwischen Leben und Vergehen. Prasselnder Beifall für die starke Inszenierung des Ensembles Profan unter der Regie von Michael Tesch.

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