Landgericht Wuppertal

Totschlagsprozess: Landgericht verurteilt Angeklagten zu Haftstrafe

Die Leiche der Solingerin wurde in einem Waldstück bei Freudenstadt im Schwarzwald gefunden. Der Angeklagte (hier mit seinen Verteidigern Athanasios Antonakis und Jochen Ohliger) schildert ihren Tod als tragischen Unfall.
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Die Leiche der Solingerin wurde in einem Waldstück bei Freudenstadt im Schwarzwald gefunden.

Wegen Körperverletzung mit Todesfolge verurteilte das Landgericht Wuppertal heute einen 33-jährigen Solinger zu acht Jahren Haft.

Von Kristin Dowe

Solingen. Wie lange muss man einem Menschen die Luft abdrücken, bis man mit Gewissheit sagen kann, dass man seinen Tod wissentlich hingenommen hat? Diese Frage vermochte die Schwurgerichtskammer am Landgericht Wuppertal unter Vorsitz von Richter Jochen Kötter nicht ohne Spekulationen zu beantworten – und sprach deshalb gestern ein Urteil zugunsten des 33-jährigen Solingers, der zunächst wegen Totschlags an seiner zum Tatzeitpunkt 32-jährigen Lebensgefährtin angeklagt worden war: Er erhielt eine Freiheitsstrafe von acht Jahren wegen Körperverletzung mit Todesfolge. Für die Tat entschuldigte sich der Angeklagte zumindest formal bei den Angehörigen des Opfers.

Die Details der Tat und das Verhalten des Angeklagten nach dem Tod seiner Partnerin hatten für die Kammer viele Fragen aufgeworfen. Im Zuge einer Trennung, so hatte der Beschuldigte umfänglich eingeräumt, habe er seine Freundin an einem Abend im September 2021 daran hindern wollen, die gemeinsame Wohnung zu verlassen und den kleinen Sohn des Paares mitzunehmen. Als sie dessen Schlafzimmer betreten wollte, will der Angeklagte sie ruckartig zurückgezogen und in einer Art Klammergriff von hinten kurz gewürgt haben. Tatsächlich – so stellte ein Rechtsmediziner später fest – hatte er der jungen Mutter mindestens drei Minuten die Luft abgedrückt.

Staatsanwalt blieb beim Vorwurf des Totschlags

„Ich bitte die Kammer, einmal drei Minuten die Zeit zu stoppen“, empfahl Staatsanwalt Patrick Penders in seinem Plädoyer, der beim Vorwurf des Totschlags blieb und eine mehr als zehnjährige Haftstrafe forderte. Die Kammer solle sich bewusst machen, dass drei Minuten – je nach Kontext – eine sehr lange Zeitspanne sein können. „Der Angeklagte hatte sein Ziel schon erreicht, sie von der Tür wegzuhalten.“ Dennoch habe der Solinger den Würgegriff nicht gelockert und den Tod der Frau billigend in Kauf genommen.

Unmittelbar nach der Tat inszenierte der Angeklagte für Freunde und Angehörige des Opfers eine Scheinwelt, in der er sich als der verlassene Familienvater gerierte. Die Leiche der Solingerin wickelte er in ein Planschbecken und brachte diese – in Begleitung seines kleinen Sohnes – in einer Nacht-und-Nebel-Aktion in ein entlegenes Waldstück im Schwarzwald, in der Nähe von Freudenstadt. Sein angeblicher Grund für diesen Aufwand: „Da waren wir mal zusammen in Urlaub. Und da war es schön.“ Somit habe er die Leiche seiner Freundin dort „bestatten“ wollen.

Was aber am harten Mutterboden im Schwarzwald schließlich scheiterte. Später fuhr der Solinger in einem zweiten Anlauf erneut zum Versteck der Leiche – diesmal mit einigen Kanistern Benzin im Gepäck, um sie zu verbrennen. Auf das Gesicht der Leiche schlug er mit einer Schaufel ein und zertrümmerte ihren Kiefer, mutmaßlich um die spätere Identifikation zu erschweren. Besorgte Angehörige versuchte er, mit vermeintlichen Chatnachrichten der Vermissten zu beschwichtigen.

„Wenn Ihr Kind später mal erfährt, dass Sie mit ihm stundenlang auf dem Spielplatz gespielt haben, während Ihre Frau tot im Auto lag, weiß ich nicht, wie Sie ihm das erklären“, wandte sich Kötter an den Angeklagten. Dessen umfassendes Geständnis und Aufklärungshilfe bei den Ermittlungen wurde dennoch strafmildernd berücksichtigt.

Die Solinger Verteidiger Jochen Ohliger und Athanasios Antonakis werteten den Tatvorgang in einigen Punkten etwas unterschiedlich, waren sich aber im Straftatbestand der Körperverletzung mit Todesfolge einig. Sein Mandant habe vor allem die eigene körperliche Kraft bei dem Vorfall unterschätzt, versuchte Antonakis die Kammer zu überzeugen. Rechtsanwalt Jochen Ohliger betonte vor allem die kopflose Reaktion des Angeklagten, die Leiche der Frau mit großem Aufwand in den Schwarzwald zu bringen. Und machte seinen Standpunkt mit Sarkasmus deutlich: „Der durchschnittliche Solinger Bürger, der seine Frau getötet hat, entsorgt seine Frau in den Wupperbergen.“

Hintergrund

Ursprünglich waren die Ermittler davon ausgegangen, dass stumpfe Gewalteinwirkung auf den Körper der Frau zu ihrem Tod geführt hatte. Dies erwies sich als falsch, die Verletzungen entstanden erst nach ihrem Tod. Todesursächlich war aus Sicht der Kammer der Sauerstoffmangel durch den Würgegriff.

Vorbericht vom 22.11.2022, 15.45 Uhr

Solingen. Das Gericht folgte mit dem Urteil dem Argument der Verteidigung, dass dem Angeklagten ein bedingter Tötungsvorsatz nicht zweifelsfrei nachzuweisen und damit zu seinen Gunsten zu entscheiden sei. Die Tat war ursprünglich als Totschlag angeklagt worden. Mit dem Urteil blieb die Kammer unter Vorsitz von Richter Jochen Kötter deutlich unter der Forderung der Staatsanwaltschaft, die eine Haftstrafe von zehn Jahren und sechs Monaten beantragt hat.

Dem Solinger wird vorgeworfen, im September vergangenen Jahres seine zum Tatzeitpunkt 32-jährige Freundin im Zuge einer Rangelei in der gemeinsamen Wohnung getötet zu haben. Laut Anklage wollte er die Mutter eines kleinen Sohnes am Tatabend davon abhalten, die Wohnung zu verlassen. Als sie das Schlafzimmer des gemeinsamen Sohnes betreten wollte, würgte er die Solingerin mutmaßlich in einer Umklammerung von hinten, was laut Einschätzung des Rechtsmediziners zum Tod führte.

Ihre Leiche brachte der Beschuldigte in ein Waldstück bei Freudenstadt im Schwarzwald und versuchte später, sie dort zu verbrennen. Die Vorwürfe hatte der Beschuldigte weitgehend eingeräumt.

Vorbericht vom 22.11.2022, 11 Uhr

Von Kristin Dowe

Solingen. Im Prozess um einen 33-jährigen Solinger, der sich aktuell vor der Großen Strafkammer am Landgericht Wuppertal wegen Totschlags an seiner früheren Lebensgefährtin verantworten muss, sind heute die Plädoyers ergangen.

Staatsanwalt Patrick Penders sieht in dem Geschehen einen bedingten Tatvorsatz. Es sei klar nachgewiesen worden, dass der Beschuldigte die Solingerin mindestens drei Minuten lang gewürgt und ihren Tod billigend in Kauf genommen habe. Er forderte in seinem Plädoyer eine Haftstrafe von zehn Jahren und sechs Monaten.

Die Verteidigung sieht in dem Geschehen vielmehr eine Körperverletzung mit Todesfolge. Der bedingte Tötungsvorsatz, der für eine Verurteilung wegen Totschlags erforderlich wäre, sei nicht zweifelsfrei nachzuweisen.

Ein Urteil wird im Laufe des Tages erwartet.

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