Top-Manager: Höttges nah hinter Telekom-Chef

Fester Blick, klares Ziel, sparsame Geste: Timotheus Höttges. Der Solinger inszeniert sich so geradlinig, wie er seinen Weg in die Top-Riege der deutschen Manager gegangen ist. An der Telekom-Spitze besticht er mit seiner Effizienz. Foto: Thomas Ollendorf

PORTRÄT Der Solinger Timotheus Höttges (48) gehört als Finanzvorstand zu Deutschlands Top-Managern. Das ST besuchte ihn in Bonn. Trotz Weltkarriere schätzt er seine Heimat sehr.

Von Thomas Kraft

Timotheus Höttges wusste bereits als Schüler des August-Dicke-Gymnasiums, was er werden wollte: Vorstand eines Konzerns. Traum sagen die einen dazu. Einer wie Höttges dagegen denkt in Zielen. Diese Einstellung hat den Solinger bis in die Spitze der Telekom geführt. Als Finanzvorstand ist er in der obersten Etage der deutschen Wirtschaft angelangt.

Beim ST-Besuch in der Bonner Zentrale wirkt Höttges im Gespräch für einen Moment so, als sei er selbst beeindruckt von der Präzision, mit der sein Karriereplan aufgegangen ist. Eine gewisse Eitelkeit zu befriedigen, mag dabei eine Rolle gespielt haben, räumt der 48-Jährige ein. Auch der Reiz der Internationalität. „Vor allem aber wollte ich etwas gestalten. Große Strukturen haben mich interessiert.“

Heute rangiert Höttges als starker Mann direkt hinter Telekom-Chef René Obermann. Das Magazin „Wirtschaftswoche“ beschreibt den Solinger als Macher im Hintergrund. Als den, der die Widerstände überwindet und Projekte zu Ende führt. So unterschiedlich die beiden äußerlich wirken, so blind verstehen sie sich. Das Vertrauensverhältnis sei extrem eng, heißt es. Höttges genießt den Ruf des perfekten Stellvertreters. „Der quatscht nicht und ist immer loyal“, urteilte einst ein Manager bei T-Mobile.

Der Solinger selbst nennt es „einen Glücksfall“, sich mit seinem Chef so ideal zu ergänzen. Obermann, der impulsive und extrovertierte erste Mann, positioniert Marke und Firma. Höttges, der kühle Analyst mit dem kahlen Schädel, dient als Allzweckwaffe und fädelt die Deals ein. Denn: „Wenn es um Finanzen geht, bin ich sicher besser“, sagt er wie selbstverständlich. Selbstbewusst klingt das, aber nicht überheblich.

Das jüngste Projekt spricht für sich. Für 39 Milliarden Dollar verkauft Telekom ihre Tochter T-Mobile USA an AT&T, das größte amerikanische Telekommunikationsunternehmen. Wochenlang führte Höttges die Geheimverhandlungen in Übersee. Der Abschluss gilt als Befreiungsschlag. Der einstige Wachstumsmotor der Telekom war in den vergangenen Jahren ins Stottern geraten. Nur Platz vier in der Gunst der US-Kunden erfüllte nicht den Anspruch des deutschen Telekommunikations-Riesen. Rechtzeitig zur Telekom-Hauptversammlung am 12. Mai hat das Duo Obermann/Höttges das Hauptproblem des Konzerns vom Tisch geschafft.

„Schon als Schüler wollteich Vorstand eines großen Unternehmens werden“

Timotheus Höttges über seine Ziele

Nur kurz hat der Manager innegehalten, um seinem Team mit einem gemeinsamen Abendessen für den Einsatz zu danken. Er lobt die Disziplin, mit der seine Leute unter höchster Belastung und absoluter Verschwiegenheitspflicht über Monate gearbeitet haben. „Der Coup war ja, dass diese Transaktion komplett geheim gehalten wurde.“ Doch eine echte Verschnaufpause sieht ein Wirtschaftskapitän seines Zuschnitts für sich und andere nicht vor. „Manager neigen dazu, ein Thema sofort abzuhaken. Sie sehen dann schon wieder drei neue Probleme und sind mit den Gedanken woanders.“

Schon als Jugendlicher strotzte Höttges nur so vor Unternehmer-Lust. Das Abitur beanspruchte nur einen Teil seiner Aufmerksamkeit. Es zog ihn früh ins Geschäftsleben. Während die Klassenkameraden noch gemütlich schlummerten, war er um fünf Uhr auf den Beinen und half einem Markthändler beim Verkauf von Eiern, Butter und Käse. Direkt neben dem Kartoffelstand der Familie Ferres. „Das hat mich finanziell unabhängig gemacht“, erzählt er. „Und in seiner brachialen Art hat mich dieser Marktmann mit seiner Solinger Mentalität geprägt.“

Erst vor kurzem ist Höttges seinem alten Boss zufällig wieder begegnet. Der Wahl-Bad-Godesberger, dessen Mutter ebenso wie Bruder Jan (Initiativkreis Solingen) in der Klingenstadt lebt, war als Sonntagsspaziergänger in Richtung Rüdenstein unterwegs. Bei dieser Gelegenheit zeigte er seinen Kindern das Haus seines ehemaligen Chefs – „und genau in diesem Moment kam er heraus“. Welch ein Treffen nach einer halben Ewigkeit. Die beiden hatten sich derart viel zu erzählen, dass sie erst nach gut zwei Stunden ein Ende fanden.

„Als Kind hat mich geprägt, dass große Firmengelände leerstanden, weil die Unternehmen pleite waren“

Höttges über seine Heimat Solingen

Höttges ist viel herumgekommen in der Welt. Dagegen erscheint Solingen klein und unscheinbar. Die Klingenstadt hat ihn bis heute nachhaltig geprägt, gibt er zu. Ihr Charakter hat ihn jene Bodenständigkeit gelehrt, die keinen Platz lässt für Allüren und übertriebene Selbstdarstellung. „Ich habe miterlebt, dass auf einmal große Firmengebäude leerstanden, weil die Unternehmen pleite waren. Das nimmt man mit, wenn man die Stadt verlässt. Das macht einen ein Stück weit demütig.“ Der Weltmann schätzt den bergischen Menschenschlag: anpackend, knorrig, aber ehrlich.

So wundert es kaum, dass sich dieser Manager sehr geradlinig inszeniert. Daran ändern seine Maßanzüge so wenig wie die Hemden und die Manschettenknöpfe, die er nur mit den Initialen TH trägt. „Tim“ Höttges verlässt sich auf seine Persönlichkeit. Starke Präsenz strahlt er aus, ohne sein Gegenüber zu erdrücken. Er wirkt wach, konzentriert und bestechend ausbalanciert. Man spürt den Top-Profi, aber weder Kälte noch Unnahbarkeit. Die asketische Gestalt lässt ihn auf den ersten Blick hart erscheinen. Doch im Gespräch vermittelt er trotz seiner exponierten Stellung Verbindlichkeit.

Für den Solinger entwickelte sich das Controlling zum roten Faden der Karriere. Sein Meisterstück gelang ihm bei der Viag AG. Deren Fusion mit Veba zu Eon trug seine Handschrift. Doch statt sich danach im eigenen Glanz zu sonnen, folgte er im Jahr 2000 überraschend dem Ruf der Telekom zu T-Mobile.

„Ich halte es für wichtig, keine Kaminkarriere zu machen“, sagt Höttges zu diesem Entschluss. Als Hauptsponsor und Aufsichtsratsmitglied des FC Bayern München wählt er einen Fußball-Vergleich: „Jede Mannschaft gibt einem Trainer ein Stück Erfahrung mehr. Es ist wichtig, andere Welten zu sehen, um nicht betriebsblind zu werden. Das ermöglicht, neue Impulse zu setzen.“

Das ist ihm bei der Telekom gelungen. Als Finanz-Geschäftsführer von T-Mobile hatte Höttges das internationale Sparprogramm „Save for Growth“ umzusetzen. Mit dem Ziel „Wachstum sichern“ erhielt er von Telekom-Chef Obermann den Auftrag, die operativen Kosten um eine Milliarde Euro zu senken. Höttges drückte das Konzept durch. Seitdem gelten beide als Gespann. Nahezu zwangsläufig rückte der Finanz-Stratege 2006 in den Telekom-Vorstand auf. Zunächst war er für den Festnetzbereich T-Home verantwortlich, 2009 wechselte er dann ins Vorstandsressort Finanzen. Es folgte der weitgehend geräuschlose Umbau des Konzerns, der die getrennten Welten von Festnetz- und Mobilfunksparte vereinte. Hier der ehemalige Staatsmonopolist, dort der hippe Mobilfunker.

„Man braucht Zeit, umIdeen zu entwickeln.Morgens kommt einem nichts dazwischen“

Höttges zum Joggen in der Frühe

Auch privat suchen Höttges und Obermann die gegenseitige Nähe. Nicht selten treffen sie sich morgens um sechs Uhr, um den Tag mit einer Jogging-Runde am Rheinufer zu beginnen – und um dabei Neues auszubrüten. Diese Art von Frühsport hat Höttges bei all seinen Auslandsstationen praktiziert. „Ich habe die ganze Welt gejoggt, von Sao Paulo bis zum Hyde Park in London“, erzählt er. „Man braucht Zeit, um Ideen zu entwickeln und um nachzudenken. Morgens kommt einem nichts dazwischen.“

Druck lastet auf einem Spitzenmann wie Höttges permanent. „Es ist nicht die Menge der Arbeit, die belastet“, sagt er. „Es sind die ungelösten Themen. Dieses Nie-Fertigwerden.“ Gerade auf der Telekom liege ein permanenter Veränderungsdruck. Das Unternehmen stehe täglich im Kreuzfeuer. „Man hat nie die Chance, die Telekom wirklich einmal auszublenden“, berichtet Höttges. „Selbst privat gibt es keinen Abend, an dem Sie nicht von irgendjemandem auf das neue iPhone oder eine schnellere Leitung angesprochen werden.“ Einer wie Höttges steht unter Dauerstrom. Aber damit kann er umgehen. Tim Höttges hat sich seit der Schulzeit darauf vorbereitet.

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