Von Klostern und Jungfernzwinkern, Mumien und Dörrleichen

Tag der Deutschen Sprache: Über Meuchelpuffer und Binnenmajuskel

Heute ist der „Tag der deutschen Sprache“.
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Heute ist der „Tag der deutschen Sprache“.

Heute ist der „Tag der deutschen Sprache“.

Von Axel Richter

Solingen. Meuchelpuffer, Dörrleiche und Zerknalltreibling. Das sind nur drei Versuche, die deutsche Sprachreiniger unternahmen, um den Einfluss anderer Sprachen zu schmälern. Ihr Erfolg blieb mäßig. Und manch ein sprachlicher Einwanderer gilt heute als Urdeutscher, weil er sich wunderbar integriert hat. Ergeht es uns mit Gendersternchen, Binnenmajuskel und / oder der akustischen Pause der Nachrichtensprecher…innen am Ende genauso?

Heute ist der Tag der deutschen Sprache. Das klingt offiziell, doch haben den Mottotag nicht etwa die Vereinten Nationen in New York erfunden. Sondern der Verein Deutsche Sprache in Dortmund mit Ortsverein in Wuppertal. An jedem zweiten Samstag im September mahnen und warnen die Sprachbewahrer vor einem drohenden Verlust der deutschen Sprache. Dazu vergeben sie Preise, führen einen Anglizismenindex, bei dem man im Internet auf den Knopf „Einen neuen Anglizismus melden“ drücken kann, und haben ganz aktuell eine Arbeitsgruppe Gendersprache ins Leben gerufen.

Deren Mitglieder stoßen sich an dem Versuch, bei generischen Bezeichnungen von Menschen nicht immer nur die maskuline Form zu benutzen, und möchten „derlei Sprachnebel nicht mehr lesen müssen“. Das gilt erst recht für das Gendersternchen, über das der Verein per Twitter mitteilte, es sei „im Prinzip auch nix anderes als fünf Deppenapostrophe in kreis-förmiger Anordnung“.

Tatsächlich sind viele deutsche Wörter verständlicher als das Fremdwort

Mit der Gendersprache hat sich den Sprachbewahrern ein neues Tätigkeitsfeld erschlossen. Bislang arbeitete man sich vor allem am „Denglisch“ ab, was eine Wortneuschöpfung von Deutsch und Englisch ist. Tatsächlich sind viele deutsche Wörter verständlicher als das Fremdwort. So sagt uns zum Beispiel das schöne deutsche Adjektiv „niederträchtig“ mehr als das französische „perfide“. Dennoch ist „niederträchtig“ aus der Mode geraten, was schade ist.

Auf der anderen Seite nennt manches Fremdwort die Dinge besser beim Namen als die deutsche Entsprechung. Die Adresse ist geläufiger als die Anschrift. Wir frankieren Briefe lieber, als sie freizumachen und eher als zum Fernsprecher greifen wir zum Telefon. Oder zum Handy, wobei das ein echter Anglizismus ist und in den Ohren der Sprachbewahrer erst recht schlimm. Die Beispiele aber zeigen: Wenn ein Begriff dazu taugt, ein Ding genau zu bezeichnen und dazu bequem auszusprechen ist, dann wird er von den Menschen in den Mund genommen.

Axel Richter.

Aus diesem Grund sagen wir zum Beispiel „Pistole“ (vom Tschechischen písˆtala) und nicht „Meuchelpuffer“ als Kompositum aus dem Verb meucheln und dem Substantiv Puffer, wie es die ersten deutschen Sprachreiniger forderten. Sie traten bereits im Barock auf. Insbesondere die Latinismen waren ihnen zuwider. Doch die Sprachpuristen der ersten Stunde vermochten sich gegenüber Volkes Maul nicht durchzusetzen. Darum heißt es heute Kloster (Lateinisch) und nicht Jungfernzwinger. Mumie (Persisch) und nicht Dörrleiche. Und Motor (Lateinisch) und nicht Zerknalltreibling. Ob es sich bei dem berühmten Gesichtserker für Nase je um einen ernstgemeinten Vorschlag oder vielmehr um eine Satire auf die Sprachpuristen gehandelt hat, ist bis heute unklar.

Klar ist: Von den bis zu 500 000 Wörtern, die die deutsche Sprache umfasst, ist heute jedes fünfte Wort ein Fremdwort, wobei die meisten übrigens nicht aus dem Englischen stammen, sondern aus dem Lateinischen. An dritter Stelle folgt das Griechische. Und erst dann kommt das Englische, das als Lehnwortsprache übrigens immer noch gleichauf liegt mit dem Französischen, auch wenn heute niemand mehr „Plümmo“, „Schäselong“ oder „Trottewah“ sagt, was ebenso schade ist wie der Verlust des Wortes niederträchtig.

Aber so ist das, seit die Menschen sich mit Lauten verständigen. Wie ihre Sprache sich entwickelt, wird urdemokratisch entschieden. Und weder von ideellen Oberstudienräten, die es immer noch für originell halten, von „Denglisch“ zu reden, dazu Vereine gründen und Mottotage ausrufen, als hinge davon die deutsche Kulturnation ab. Noch von SprachkastrationsbeaufragtInnen, die glauben, sie brächten die Gleichbehandlung von Frau und Mann voran, wenn sie die Muttermilch nicht mehr Muttermilch, sondern Menschenmilch heißen. Foto: Uli Preuss

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