Interview der Woche

Stimmung in den Unternehmen ist positiv

Jens-Heinrich Beckmann ist seit 1995 Geschäftsführer des Industrieverbandes Schneid- und Haushaltswaren mit Sitz in Solingen. Foto: Uli Preuss
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Jens-Heinrich Beckmann ist seit 1995 Geschäftsführer des Industrieverbandes Schneid- und Haushaltswaren mit Sitz in Solingen.

Jens-Heinrich Beckmann, Geschäftsführer des Schneidwarenverbandes, erwartet keine Einbrüche in der Branche.

Von Michael Kremer

Herr Beckmann, die Industrie- und Handelskammer vermeldet für die Solinger Industrie im laufenden Jahr beim Umsatz ein Minus von 17,2 Prozent gegenüber dem Vorjahr, wobei insbesondere die Hersteller von Metallerzeugnissen dafür verantwortlich sind. Beim Export sieht es kaum besser aus. Wie schlecht steht es denn um die Schneidwarenindustrie?

Jens-Heinrich Beckmann: Ich vermute, dass sich die IHK auf die Zahlen des Statistischen Landesamtes bezieht. Die berücksichtigen nur größere Betriebe mit mehr als 50 Mitarbeitern. Bezieht man die kleineren Unternehmen mit ein, sieht die Situation nicht ganz so schlecht aus. Denn die Schneidwarenindustrie in Solingen ist überwiegend mittelständisch geprägt, und ihre Konjunkturlage ist keineswegs mit der Situation in der metallverarbeitenden Industrie insgesamt gleichzusetzen.

„Nicht ganz so schlecht“ heißt aber doch nicht, dass es der Branche gut geht?

Beckmann: Das ist richtig. Es gibt eine Delle. Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass wir von einem hohen Niveau kommen. Wenn ein Schwimmer mal etwas langsamer schwimmt, heißt das nicht gleich, dass er untergeht.

Worauf ist denn das langsamere Schwimmen zurückzuführen?

Beckmann: In erster Linie wohl auf eine zu schwache Inlandsnachfrage. Das ist an für sich verwunderlich, weil die Kaufkraft in Deutschland sehr hoch ist. Scheinbar bevorzugen die Kunden zurzeit andere Bereiche, in denen sie ihr Geld ausgeben.

Das ist alles?

Beckmann: Nein. Der Schneidwarenindustrie macht auch die Krise im stationären Handel zu schaffen. Wenn die Leute weniger in die Läden gehen, haben sie auch weniger Möglichkeiten, die Solinger Qualitätsware in die Hand zu nehmen. Im Internethandel läuft fast alles über den Preis, auf die Qualität wird weniger geachtet.

Es kann aber doch nicht alles nur ein Problem des Einzelhandels sein. Gibt es keine weiteren Ursachen?

Beckmann: Das ist schwer zu sagen. Um das zu beantworten, müsste ich in die Glaskugel schauen.

Ohne Glaskugel können Sie aber doch sicherlich sagen, wie die Stimmung allgemein in der Schneidwarenindustrie ist?

Beckmann: Die ist immer noch gut. Das kann ich mit Sicherheit sagen.

Womit begründen Sie das?

Beckmann: Das ergibt sich aus den Zahlen, die wir einmal im Quartal in den Unternehmen erheben. Dabei fragen wir unter anderem die Auftragslage und Auslastung ab. Außerdem bitten wir um eine Einschätzung der weiteren Entwicklung.

Wie sehen denn die Perspektiven aus?

Beckmann: Ich gehe davon aus, dass wir 2018 einen weiterhin guten Geschäftsverlauf haben werden. Gravierende Einbrüche sind nicht zu erwarten – zumindest, wenn es bei dem niedrigen Zinsniveau bleibt. Ich gehe nicht davon aus, dass die Zinsen in absehbarer Zeit steigen werden und sehe deshalb auch kein Risiko für einen Einbruch.

Ist also alles in Ordnung?

Beckmann: Es ist nie alles in Ordnung. Ein Pendel schlägt immer mal in die eine und die andere Richtung aus. Die Lage scheint sich aber in der Solinger Schneidwarenindustrie zu stabilisieren.

Was müsste denn besser laufen?

Beckmann: Die Unternehmen müssen ihre Fertigung weiter modernisieren. Die Großen machen dabei in der Regel den Anfang, und die anderen ziehen dann nach. Unser Fertigungssymposium hat hier wichtige Impulse gegeben. Außerdem sollten die Unternehmen direkter auf den Verbraucher eingehen und eigene Onlineaktivitäten verstärken. Wichtig ist außerdem die Ansprache über soziale Medien. Mit ihrer Hilfe können selbst kleine Unternehmen eine große Zahl von Kunden erreichen. Auch die Rahmenbedingungen müssen verbessert werden. Darauf haben die Unternehmen und wir als Verband aber nur bedingt Einfluss. Ein leidiges Thema ist zum Beispiel die wachsende Bürokratie, die einen riesigen Berg an Arbeit mit sich bringt. Da müssen wir als Verband immer auf der Hut sein und auch mal Tacheles reden, damit die Dinge nicht überzogen werden.

Und was wünschen Sie sich persönlich, um die Lage für die Schneidwarenindustrie zu verbessern?

Beckmann: Mut und Selbstvertrauen in den eigenen Reihen. Mehr echte Nachhaltigkeit beim Verbraucher, denn die käme unserer Industrie sehr zugute.

ZUR PERSON

PRIVAT Jens-Heinrich Beckmann wurde in Bordesholm bei Kiel geboren und ist 61 Jahre alt. Er ist verheiratet, hat drei Kinder und wohnt in Bonn. BERUFLICH Beckmann hat Volkswirtschaft in Marburg und Göttingen studiert. Seit 1995 ist er Geschäftsführer des Industrieverbandes Schneid- und Haushaltswaren mit Sitz in Solingen. Zuvor war er unter anderem in den Verbänden der Getränkeindustrie und der Feinmechanik/Optik tätig.

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