ST vor Ort - die Stadtteilserie

Kleines Gotteshaus – große Geschichte

Die St. Reinoldi Kapelle samt Friedhof ist idyllisch gelegen. Foto: Christian Beier
+
Die St. Reinoldi Kapelle samt Friedhof ist idyllisch gelegen.

St. Reinoldi Kapelle gilt als das zweitälteste Gebäude Solingens

Solingen. Gerd Weiland hat eine besondere Beziehung zur Kirchengemeinde St. Reinoldi Rupelrath. „Meine Familie hat eigentlich immer in diesem Bereich gelebt“, erzählt  der  82-Jährige. Der älteste Eintrag, der das beweist, stammt aus dem Jahr 1668. Alle Altvorderen haben Spuren in der Gemeinde hinterlassen. Das trifft auch auf Gerd Weiland selbst zu. 20 Jahre lang war er Presbyter. Seine Konfirmation war der erste Gottesdienst in der St. Reinoldi Kapelle, nachdem sie Anfang der 1950er Jahre restauriert wurde. Diese enge Verbundenheit erklärt das große Interesse des Solingers an dem kleinen Gotteshaus. Es gilt, idyllisch an der Grenze zu Leichlingen und Langenfeld gelegen, als das zweitälteste Gebäude der Stadt nach dem Walder Kirchturm.

Gerd Weiland hat sich eingehend mit der Kapelle befasst. Seine Bemühungen mündeten in einer knapp 40-seitigen Ausarbeitung über ihre Geschichte und Geheimnisse. Die Informationen stammen aus persönlichen Überlieferungen, dem Stadtarchiv und der historischen Sammlung des evangelischen Kirchenkreises, die der 82-Jährige verwaltet. Diese Quellen hat er zu einem umfangreichen Gesamtbild zusammenfügt.

Nicht alle Fragen zu der Kapelle lassen sich beantworten

Das fängt beim Ursprung der Kapelle an. „Irgendwas ist an dieser Stelle vor Jahrhunderten passiert. Was genau, kann niemand mit Gewissheit sagen“, erklärt Weiland. Es existieren keine urkundlichen Beweise für den genauen Zeitpunkt und den Anlass des Baus. Doch es gibt eine konkrete Theorie. Demnach wurden die Gebeine des heiligen Reinolds 1056 von Köln nach Dortmund überführt. Bis heute gilt er als Schutzpatron der Ruhrgebietsstadt. Nach einer Strecke von drei deutschen Meilen, etwa 23 Kilometern, habe die Kölner Geistlichkeit die Reliquien an die Dortmunder übergeben. Dieser Treffpunkt könnte Rupelrath gewesen sein.

Die Übergabe, schlussfolgert Weiland, habe auf freiem Feld stattgefunden – mit feierlichem Gottesdienst. „Der dazu errichtete Feldaltar wird wohl als Gedächtnisstätte sowie später als Wegkapelle weiter bestanden haben und könnte somit der Ursprung der heutigen Kapelle sein. So lässt sich auch ihre Lage in der freien Flur und nicht inmitten eines Ortes erklären.“ Erstmals belastbar erwähnt wird die Kapelle 1487. Das heutige Kirchenschiff entstand 1718.

In der Historie erwiesen sich die Rupelrather als willensstark. Im 17. Jahrhundert forderten sie einen Friedhof und einen eigenen Prediger. „Bei schlechtem Wetter kam der Pfarrer manchmal einfach nicht“, erzählt Weiland. Beide Anliegen waren erfolgreich: der älteste Grabstein datiert aus dem Jahr 1702. Klein sei die Honschaft gewesen – und arm. Das erkläre die etwas zusammengewürfelte Innenausstattung der Kapelle.

Die Kanzel stamme etwa ursprünglich aus der Solinger Stadtkirche. Peter Kohl, dessen Familie dem Kohlsberg seinen Namen gegeben hat, habe sich 1738 dafür eingesetzt, sie den Rupelrathern zu überlassen. Den Boden aus Steinplatten und die 1753 gefertigten, noch erhaltenen Holzbänke, finanzierten Spender. Die Orgel war gebraucht, als sie 1844 in die St. Reinoldi Kapelle kam – heute ist sie die älteste der Stadt.

Gerd Weiland erklärt die Malereien in der Apsis.

Knapp 70 Jahre liegt die bisher letzte umfangreiche Renovierung des Gotteshauses zurück. Kriegsschäden hatten sie nötig gemacht. Während der Arbeiten gab die mutmaßlich um 1500 erbaute Apsis eine Überraschung preis: bunte Malereien, ein von zahlreichen Farbschichten gut gehütetes Geheimnis. Sie zeigen unter anderem Reinold als ritterlichen Heiligen, Engel und Teufel im Kampf um die Seelen und Maria im Strahlenkranz. Ein anerkannter Künstler sei nicht für die Gestaltung verantwortlich gewesen, wohl aber ein geschickter Handwerker, feixt Weiland. „Den Protestanten war das damals wohl zu prunkvoll. Deshalb haben sie die Bilder überstrichen.“

Es gibt noch eine andere Sage zur Entstehung der St. Reinoldi Kapelle. Demnach habe ein Handwerker, der am Bau des Kölner Doms beteiligt war, einen Hammer fortgeworfen. Stundenlang sei das Werkzeug durch die Luft geflogen, ehe es in Rupelrath aufschlug. Gerd Weiland kann sich ein Lachen nicht verkneifen: „Hätte es dieses Wunder gegeben, wäre die Kapelle heute wesentlich größer.“

Kapelle

Viermal im Jahr finden in der St. Reinoldi Kapelle Frühgottesdienste statt, zu denen vor allem Gläubige aus der Nachbarschaft kommen. Auch an Heiligabend und Silvester wird gemeinsam Gottesdienst gefeiert. Beliebt ist die Kapelle als Ort für Trauungen, Taufen und Beerdigungen. Gerd Weilands Ausarbeitung über die Geschichte des Bauwerks, „Die Capeller“, ist im Internet abrufbar.

https://www.rupelrath.de/st-reinoldi-kapelle.html

ST vor Ort: Die große Stadtteilserie - diese Woche aus Aufderhöhe

-

Themen der Woche: Die Verkehrssituation, das Freizeitpark-Projekt, das zweitälteste Gebäude der Stadt, das Leben im Börkhauser Feld und Tagespflege in Bethanien – diese Aufderhöher Themen behandelt das ST diese Woche.

Lesertelefon: Über Anregungen für Aufderhöher Themen freut sich Manuel Böhnke. Er ist heute zwischen 16 und 17 Uhr unter Tel. 299-133 erreichbar. Uhrzeitunabhängig können Sie gerne eine E-Mail schreiben: manuel. boehnke@ solinger-tageblatt.de

Das könnte Sie auch interessieren

Meistgelesen

Corona: 7-Tage-Inzidenz nur noch knapp über 50 - Stadt verhandelt
Corona: 7-Tage-Inzidenz nur noch knapp über 50 - Stadt verhandelt
Corona: 7-Tage-Inzidenz nur noch knapp über 50 - Stadt verhandelt
Nach Unfall: Die L 74 ist wieder frei
Nach Unfall: Die L 74 ist wieder frei
Nach Unfall: Die L 74 ist wieder frei
Katastrophe trifft gesamtes Stadtgebiet - Anwohner hadern weiter mit Schäden
Katastrophe trifft gesamtes Stadtgebiet - Anwohner hadern weiter mit Schäden
Katastrophe trifft gesamtes Stadtgebiet - Anwohner hadern weiter mit Schäden
Stadt Solingen warnt vor dem Betreten von Waldwegen
Stadt Solingen warnt vor dem Betreten von Waldwegen
Stadt Solingen warnt vor dem Betreten von Waldwegen

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Kommentare