Sgraffito 1971

Stadtansicht entsteht mit alter Deko-Technik

Klaus Hartkopf hat eine Stadtansicht von der Lutherkirche bis zur Clemens-Kirche in der eigenen Wohnung in der alten Technik Sgraffito 1971 erstellt. Foto: Christian Beier
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Klaus Hartkopf hat eine Stadtansicht von der Lutherkirche bis zur Clemens-Kirche in der eigenen Wohnung in der alten Technik Sgraffito 1971 erstellt.

Der Solinger Klaus Hartkopf hat sein Wohnzimmer zum Ort für ein Kunstwerk gemacht.

Von Philipp Müller

Solingen. Ein künstlerisches Schätzchen hängt an der Wand von Klaus Hartkopf. Hängt? Das ist falsch. Es ist ein Wandbild, wie man es eher in einem italienischen Haus der Renaissance vermutet würde, denn es ist in der Technik Sgraffito gemalt. Gemalt? Wieder nicht richtig. Es ist eine Dekorationstechnik, mit der nasser Putz gespachtelt und gekratzt wird. Nach dem Abtrocknen wird geschliffen, Hartkopf verpasste seinem Sgraffito noch mit dem Skalpell scharfe Konturen. Sechs Schichten sind so entstanden.

Am Ende zeigen sie von links die Lutherkirche, das Karstadt-Gebäude, die Stadtkirche – die „Fritz-Walter-Gedächtniskirche wegen des runden Balls auf dem Turm – und die Clemens-Kirche. Halt, ist doch die falsche Reihenfolge. Nein, es zeigt den Blick auf das Solinger Panorama von der Eichenstraße aus, als diese noch nicht so dicht bebaut war.

Und die Zahl sechs, der unterschiedlichen Schichten, steht auch für sechs Wochen, in denen das Wohnzimmer der Hartkopfs rund um die Ostertage 1971 zum Atelier wurde. „Meine Frau ist fast verrückt geworden“, erzählt der heute 81-Jährige. Die bergische Hausfrau litt unter dem Staub der Abschleifprozedur. Am Ende waren sie und die drei Söhne natürlich alle stolz auf das Werk des künstlerisch begabten Vaters.

Hartkopf zeigt es jetzt, weil das Solinger Tageblatt zuletzt über den Solinger Architekten Joachim Münx berichtet hatte, der noch alte Baupläne des Karstadt hatte. „Moment“, dachte sich Hartkopf, da müsse er die Redaktion anrufen, schließlich habe er die Kulisse mit Karstadt ja seit 49 Jahren an der Wand hängen. Hinter dem Bild steckt natürlich auch eine Geschichte.

Und die fängt Ende der 1950er Jahre an. Der junge Klaus Hartkopf begann eine Lehre als Maler und Lackierer. Eigentlich wollte er Plakatmaler werden, doch es verschlug ihn unter anderem zu Lehrmeister Adolf Notter in Wald. „Der war ein Ass“, erinnert sich Hartkopf. Er habe ihm viele Techniken beigebracht, die heute keiner der Zunft mehr richtig beherrsche. Dazu gehörte auch Sgraffito.

Doch bevor er dies für seine Wohnung in der Südstadt anwenden konnte, rief erst einmal die See. Genauer die Marine. In der jungen Marine wollte Hartkopf die Weiten der Ozeane entdecken. Es kam anders. Er litt unter Migräne, das war das Aus für die Offizierslaufbahn auf der Brücke. Er kam in die Verwaltung, blieb der Bundeswehr treu und arbeitete auch im damaligen Solinger Kreiswehrersatzamt.

Dadurch erhielt er die Wohnung in einem Haus, das der Bundeswehr gehört. Dort hat er noch heute die Freiheiten, künstlerisch tätig zu sein. Heute sind es Grußkarten oder solche für Trauerfälle, die er malt. Ganz stolz ist er auf seine Holzskulpturen. Dazu suchte er im Wald Wurzeln und verwandelte sie in Tiere, Trolle und andere Figuren – je nachdem, was die Wurzeln ihm an Weg für die Umsetzung vorgab.

„Ich wundere mich, dass nichts gerissen ist. Da muss ich mich mal selbst loben.“

Klaus Hartkopf, Stukkmaler

Nur eins ärgert ihn. Er ist sich nicht mehr sicher, welche Bindemittel er 1971 verwendet hat, damit die Farbe die nötige Festigkeit bekam, damit er sie nach dem Auftragen auch verspachteln konnte. Gips war es nicht, ist er sicher, Latex sei bestimmt dabei gewesen und wahrscheinlich noch eine Spachtelmasse.

In seinem Wohnzimmer hat er die Pergamentrollen ausgebreitet. Auf denen sind die einzelnen Motive – neben den vier Hauptbildern sind das noch Fachwerkhäuser, Wälder und einzelne Pflanzen – fein säuberlich zu sehen. Die Konturen in der Vorlage sind gelocht. Mit Kohle hatte er sie im Arbeitsprozess auf die Wand gepaust. Er schaut auf die Arbeit. Mit immer noch prüfendem Blick. „Ich wundere mich, dass nichts gerissen ist. Da muss ich mich mal selbst loben.“

Hintergrund

Begriff: Sgraffito ist von den italienischen Verben sgraffiare oder graffiare, auf Deutsch kratzen, abgeleitet. Die Technik spielte über Jahrzehnte hindurch während der Renaissance in Italien eine große Rolle.

Arbeit: Die Kunst liegt darin, zeitgenau mit dem Putz zu arbeiten: Es wird geritzt, geschnitten oder gekratzt. Das erfolgt Schicht für Schicht in den frischen, weichen Putz.

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