Tradition in der Kritik

Stadt Solingen stellt sich hinter die Hahneköpper

Das Hahneköppen bei Volksfesten hat im Bergischen eine lange Tradition. Laut den Vereinen werden dafür ausschließlich alte Hähne genutzt, die zuvor fachgerecht geschlachtet wurden. Kritik von Tierschützern gibt es dennoch. Archivfoto: Uli Preuss
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Das Hahneköppen bei Volksfesten hat im Bergischen eine lange Tradition. Laut den Vereinen werden dafür ausschließlich alte Hähne genutzt, die zuvor fachgerecht geschlachtet wurden. Kritik von Tierschützern gibt es dennoch.

Ordnungsdezernent Jan Welzel weist Kritik der Tierschutzorganisation Peta an umstrittenem Brauchtum zurück.

Von Kristin Dowe

Solingen. Unter den anfeuernden Rufen des Publikums versuchen die Kontrahenten nacheinander, einem zuvor getöteten Hahn mit verbundenen Augen den Kopf abzuschlagen, dessen Körper kopfüber aufgehängt in einem Weidenkorb in der Vorrichtung baumelt. Hahneköppen nennt sich diese Praxis, die zweifellos polarisiert: Sehen die einen darin ein bergisches Brauchtum, das gerade in Solingen beispielhaft für Tradition und lokale Identität steht, geißeln andere es als sinnloses Töten von Tieren.

Immer wieder sehen sich die Vereine, die in Solingen entsprechende Veranstaltungen wie die Hahnenkirmes mit Hahneköppen ausrichten, scharfer Kritik ausgesetzt. Nun kritisierte die Tierschutzorganisation Peta neben den praktizierenden Vereinen auch das Bergische Veterinär- und Lebensmittelamt (BVLA) und wählte es in „die Liste der Flop 5 der tierfeindlichsten Veterinärbehörden Deutschlands“, weil es Tiertötungen für Hahneköpper-Veranstaltungen weiterhin zulasse, heißt es in einer Mitteilung.

„Die Hähne haben wirklich ihren Lebenszweck erfüllt.“

Florian Clauberg, Schlicken Schlag aff

Die Tierschutzorganisation hatte neben Solingen auch Veterinärämter anderer Städte aufgefordert, das Hahneköppen zu untersagen, da es für die Tötung von Tieren zu reinen Unterhaltungszwecken keinen „vernünftigen Grund“ gebe und diese deshalb rechtlich nicht haltbar sei, argumentieren die Tierschützer. Im Mai 2021 war Peta mit diesem Thema auch an das BVLA herangetreten. „Für das Hahneköppen werden Tiere zu dem vordergründigen Zweck getötet, ihre Körper auf einer Veranstaltung vor Publikum malträtieren zu lassen“, heißt es bei Peta weiter.

Aufseiten der Stadt stellte sich Ordnungsdezernent Jan Welzel (CDU) klar hinter die betroffenen Hahneköpper-Vereine und nimmt Petas Kritik „mit Irritation“ zur Kenntnis: „Diese Veranstaltungen sind weder genehmigungs- noch erlaubnispflichtig. Der Tierkörper wird im Einklang mit den rechtlichen Vorgaben geschlachtet und nach der Veranstaltung einem Zweck, der dem ,vernünftigen Grund‘ genügt, zugeleitet“, teilt Welzel mit, nennt für einen solchen Grund allerdings kein konkretes Beispiel, während die praktizierenden Vereine häufig die Brauchtumspflege an sich als Selbstzweck anführen. „Unabhängig davon werden nach Kenntnis des Solinger Veterinäramtes tierschutzrechtliche Vorschriften beim Hahneköppen nicht verletzt“, so Welzel.

Auch sehe sich der Solinger Ordnungsdezernent den Solinger Vereinen verbunden, die „bei der Ausrichtung von Festen bereits vielfältige Vorschriften zu beachten haben und nicht mit weiteren Auflagen traktiert werden sollen“. Zudem hätten in den Corona-Jahren 2020 und 2021 ohnehin keine Hahneköpper-Feste stattgefunden, so dass es auch nicht zu Verstößen gegen tierschutzrechtliche Vorgaben gekommen sein könne. Einige Vereine nutzten zudem bereits Attrappen statt echter Tiere für ihre Veranstaltungen.

Für Florian Clauberg, Vorsitzender des Hahneköpper-Vereins Schlicken Schlag aff, sind die Vorwürfe von Peta nicht neu. Zwar sei ihm klar, dass die Organisation die Tötung von Tieren zu Brauchtumszwecken generell ablehne, doch lege zumindest sein Verein größten Wert auf Tierschutzbelange bei Hahneköpper-Veranstaltungen: „Wir nehmen grundsätzlich nur Hähne als Ableger von Bauern, die schon sehr alt sind und die von den Bauern ohnehin bald getötet worden wären. Dafür nehmen wir auch sehr lange Anfahrten in Kauf, wenn es sein muss, um geeignete, wirklich alte Tiere zu besorgen.“ Keineswegs würden Hähne eigens für die Veranstaltungen gezüchtet. Clauberg versichert: „Diese Hähne haben wirklich ihren Lebenszweck erfüllt. Sie sterben nur an einem anderen Ort.“

Die Schlachtung der Tiere werde von den Vereinen fachgerecht und mit vorheriger Betäubung durchgeführt, so dass der Hahn nicht leiden müsse. Der Tierkadaver werde anschließend hygienisch gereinigt und gekühlt, bis er bei der Veranstaltung genutzt wird.

Er selbst sei mit dem Hahneköpper-Brauch aufgewachsen, auch seine Eltern seien bereits im Verein aktiv gewesen, schildert Clauberg. „Das eigentliche Hahneköppen ist ja nur ein ganz kleiner Teil einer mehrtägigen Veranstaltung.“ Der Reiz liege für die Vereine in dem geselligen Miteinander. „Dabei sitzt der Maurer neben dem Anwalt und beide trinken ein Bier miteinander“, beschreibt er die familiäre Atmosphäre bei den Volksfesten. Anders als früher würden die toten Tierkörper aus hygienischen Gründen heute allerdings nicht mehr verzehrt.

Auf einen gemeinsamen Nenner kommen Befürworter und vehemente Gegner des Hahneköppens wohl nicht mehr, ahnt Clauberg. Er wünsche sich lediglich eine „differenzierte Betrachtung“ des bergischen Brauchtums.

Hintergrund

Laut Florian Clauberg gibt es noch vier aktive Hahneköpper-Vereine in Solingen: Schlicken Schlag aff, Blänk drupp, Flachsberg und Gräfrath Haut Ihn. Die Zahl habe stark abgenommen, früher seien 33 Vereine in der Klingenstadt aktiv gewesen. Gründe für die Abnahme seien fehlender Nachwuchs und ein Mangel an geeignetem Gelände.

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