Pandemie

Stadt plant Massentests in Pflegeheimen

In den Solinger Pflegeheimen soll in den kommenden Wochen intensiv getestet werden. Foto: Roland Keusch
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In den Solinger Pflegeheimen soll in den kommenden Wochen intensiv getestet werden.

Senioren sollen in den Einrichtungen besser vor einer Infektion geschützt werden

  • Ein Test kostet 65 Euro und wird im Rahmen der Reihentestung vom Land NRW übernommen.
  • Erste Einrichtungen in Solingen wurden angefragt.
  • In einem Fall konnte durch eine schnelle Testung eine Ausbreitung des neuartigen Coronavirus in einem Seniorenheim in Solingen verhindert werden.

Von Kristin Dowe und Simone Theyßen-Speich

Solingen. Das Gesundheitsamt der Stadt Solingen hat am Montag mit ersten Reihentestungen auf Corona in Pflegeeinrichtungen begonnen, die nach Angaben der Stadt in den kommenden Wochen „auf freiwilliger Basis“ fortgeführt würden. „Es geht zunächst darum, Erfahrungen zu sammeln“, erläutert Dr. Annette Heibges, Leiterin des Stadtdienstes Gesundheit, den Ansatz. „Das Ziel ist es, die Frequenz der Tests der Nachfrage wie auch den gemachten Erfahrungen, anzupassen.“ Derweil sei noch unklar, wie viele Einrichtungen und auch wie viele Personen darin jeweils an den Tests teilnehmen werden.

Durchgeführt werden diese von einem mobilen Einsatzteam des Deutschen Roten Kreuzes (DRK), ein Labor der Uniklinik Düsseldorf wertet sie anschließend aus. Diese Testungen seien „ein Baustein bei den Bemühungen, sensible Einrichtungen und die Menschen dort, so gut wie möglich zu schützen“, so Heibges. Ein einzelner Test kostet circa 65 Euro, die Kosten dafür trägt zurzeit das Land NRW. Um die Testungen zu koordinieren, führt das Gesundheitsamt aktuell erste Gespräche mit den Einrichtungen.

„Das ist mit einem erhöhten Aufwand verbunden.“
Robert Sopella (Diakonisches Werk Bethanien) über die Tests

Angefragt wurden unter anderem schon die Einrichtungen des Diakonischen Werks Bethanien, berichtet dessen Sprecher Robert Sopella. Dort begrüße man die geplanten Reihentestungen. „Das ist sicherlich eine sinnvolle Sache, wir hätten uns solche Tests allerdings schon deutlich früher gewünscht.“ Nun müssten die Häuser kurzfristig die Voraussetzungen für die Tests schaffen und etwa umfassende Listen der Bewohner und ihrer Betreuer erstellen. „Das ist schon mit einem erhöhten Aufwand verbunden.“

Solingen: Lockerungen des Besuchsverbots stellten Personal vor Mammutaufgabe

Überhaupt seien die politischen Entscheidungen der vergangenen Wochen in Bezug auf die Einrichtungen, allen voran die Lockerung des Besuchsverbots, oft zu überstürzt gefallen, als dass sich das Personal darauf gut hätte vorbereiten können, kritisiert Sopella: „Plötzlich hieß es: an Muttertag ist alles offen. Dabei war die kurzfristige Erstellung von Hygienekonzepten für das Personal eine Mammutaufgabe.“

Kritisch sieht auch Cerstin Tschirner, Sprecherin der Kplus-Gruppe, die Lockerung des Besuchsverbots: „Zum Schutz unserer Bewohner hätten wir gerne länger am Besuchsverbot festgehalten. Aber für die Angehörigen war es manchmal nur schwer auszuhalten, sich trotz Videotelefonie oder Balkongesprächen nicht selbst davon überzeugen zu können, dass es ihren Lieben gut geht.“ Die Mitarbeiter hätten viele Überstunden machen müssen, um die hygienischen Auflagen für Besuche zu erfüllen. „Das werden wir auf Dauer in der Taktung nicht durchhalten“, befürchtet Tschirner. Das Instrument der Massentestungen sei zwar „unter bestimmten Bedingungen sinnvoll“, doch berge ein negativer Test auch die Gefahr einer trügerischen Sicherheit, wenn etwa Bewohner daraus schließen, weniger Rücksicht nehmen zu müssen. „Dabei kann ich mich ja durchaus zwischen Probeentnahme und Testergebnis infiziert haben.“

Möglichst viel zu testen, um Infektionsfälle mit dem Virus Sars-CoV-2 schnell zu erkennen und eine Ausbreitung zu verhindern, das sei derzeit besonders wichtig, betont Dr. Stephan Lenz, Vorsitzender der Solinger Kreisstelle der Kassenärztlichen Vereinigung. Auch in den Praxen der niedergelassenen Ärzte werde zunehmend mehr getestet.

Schon früh hatte der niedergelassene Internist gefordert, großzügig zu testen, etwa auch Personen in Einrichtungen wie Altenheimen und Kliniken, die keine Symptome aufweisen. Voraussetzung sei dafür aber auch, dass die Krankenkassen diese Testkosten übernähmen. „Man kann von einer Krankenschwester oder Pflegerin nicht verlangen, die Kosten für den Test selbst zu tragen“, so Lenz. In dem Fall eines Solinger Seniorenheims sei durch eine schnelle Testung eine Ausbreitung des Virus gerade noch rechtzeitig verhindert worden.

In unserem Live-Blog finden Sie alle Informationen rund um das Coronavirus in Solingen. Dr Blog wird laufend aktualisiert.

INFEKTIONEN

Aktuell meldet die Stadt keine weitere Covid-19-Infektion. Bisher wurden 241 Fälle gemeldet. Zurzeit sind 19 Personen nachgewiesen infiziert, acht Patienten werden stationär behandelt, die übrigen werden ambulant betreut. 215 Menschen sind genesen. Sieben Menschen sind gestorben.

STANDPUNKT

kristin.dowe@solinger-tageblatt.de

Ein Kommentar von Kristin Dowe

Der Gedanke klingt erst mal schlüssig, durch flächendeckende Corona-Tests in Pflegeeinrichtungen frühzeitig infizierte Personen zu identifizieren und so mögliche Infektionsherde bereits im Keim zu ersticken. Zweifellos bietet dieses Instrument für Bewohner und Belegschaft eine sinnvolle Ergänzung des Infektionsschutzes, wenn alle anderen hygienischen Standards weiterhin sorgfältig eingehalten werden. Doch sollte man die Erwartungen daran auch nicht all zu hoch schrauben. Denn die Annahme, dass ein negatives Testergebnis ein Freibrief dafür ist, sich nicht mehr um die Abstandsregeln kümmern zu müssen, ist illusorisch – und brandgefährlich dazu. 

So besteht das Risiko, dass negativ getestete Personen sich in trügerischer Sicherheit wiegen könnten, bietet ein solcher Test doch immer nur eine flüchtige Momentaufnahme des Gesundheitszustands. Auch müssten die Reihentestungen in einer gewaltigen Dimension stattfinden, wenn man alle Solinger Einrichtungen abdecken wollte. Zwar übernimmt das Land dafür erst mal die Kosten, doch ist die Frage der Finanzierung noch nicht abschließend geklärt. Man sollte von der Maßnahme also keine Wunder erwarten. 

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