Mobile Angebote sollen weitergehen

Impfzentrum im Kaufhof schließt heute - Solingen plant ein „Mini-Impfzentrum“

Bis zu 300 Impfungen am Tag, vor allem Zweitimpfungen, wurden im Impfzentrum zuletzt noch verabreicht.
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Bis zu 300 Impfungen am Tag, vor allem Zweitimpfungen, wurden im Impfzentrum zuletzt noch verabreicht.

Heute werden im ehemaligen Kaufhof-Gebäude die letzten Personen geimpft, das Solinger Impfzentrum schließt. Im Anschluss will die Stadtverwaltung ein „temporäres, stationäres Impfangebot“ in der Innenstadt betreiben.

Von Björn Boch

Der medizinische Leiter Dr. Stephan Kochen (v.l.), Impfstoffdisponent Robert Krüger und der organisatorische Leiter Udo Stock nehmen Abschied vom Impfzentrum.

Solingen. „Wir suchen gerade nach einem geeigneten Ladenlokal dafür“, berichtet Udo Stock, derzeit noch organisatorischer Leiter des Impfzentrums. Bis zu sechs Monate lang soll es arbeiten, bei voller Kostenerstattung durch das Land. Der Antrag auf Finanzierung wird wohl Udo Stocks letzte Amtshandlung vor der Pensionierung sein.

Das intern „Mini-Impfzentrum“ genannte Angebot soll niederschwellig für Menschen erreichbar sein, die die üblichen Angebote nicht wahrnehmen – und zum Beispiel über Streetworker bekanntgemacht werden. Mobile Impfangebote an verschiedenen Orten in der Stadt mit dem Medimobil, etwa vor dem Hauptbahnhof, werde es weiterhin geben.

Die Schließung der großen Impfzentren in ganz NRW geht auf eine Absprache zwischen Kassenärztlicher Vereinigung und Gesundheitsministerium zurück. Die Aufgabe der Impfungen wird ab 1. Oktober an die niedergelassenen Ärzte übergeben. Dr. Stephan Kochen, gemeinsam mit Tochter Leonie ärztlicher Leiter des Impfzentrums und niedergelassener Arzt, sieht da Herausforderungen auf die Praxen zukommen, etwa rund um Auffrischungsimpfungen. „Im Gegensatz zur Grippe-Impfung wird der Impfstoff gegen Covid-19 nicht in einzelnen Dosen geliefert. Wenn wir zehn Dosen aus einem Fläschchen bekommen, aber beispielsweise fünf oder zwölf Impfwillige haben, stellt uns das vor logistische Probleme“, so der Vorsitzende des Ärztenetzwerks Solimed.

„Wir hatten nie Personalmangel.“

Dr. Stephan Kochen

Bis zu 1500 Menschen täglich waren im Impfzentrum zu Spitzenzeiten geimpft worden, zuletzt waren es rund 300 – vor allem Zweitimpfungen, Tendenz sinkend. Alle Teilnehmer der Abschluss-Pressekonferenz waren zwar wehmütig, aber angesichts der vielen Arbeit auch froh, dass es vorbei ist. Zeitweise wurde im Dreischichtsystem gearbeitet, beteiligt waren Apotheken, DRK, Rettungssanitäter, Ärzte, Medizinische Fachangestellte, Service- und Koordinierungskräfte, Hausmeister, Security, Reinigung, Verwaltung sowie Kassenärztliche Vereinigung Nordrhein (KVNO).

Einhellig gelobt wurde die gute Zusammenarbeit, etwa von Stadt und der Ärzteschaft von Solimed. „Wir hatten nie Personalmangel,“ so Stephan Kochen, der die hervorragende Organisation in Solingen im Vergleich zu anderen Städten hervorhob.

In kaum einem anderen Impfzentrum in der Region sei der Anteil der Impfungen so hoch. Zum Erfolg habe auch beigetragen, dass seit Mitte Juli keine Terminvereinbarung mehr notwendig war.

Stellvertretend für viele Helfer berichteten Ilse Bergmann und Robert Krüger von den organisatorischen Herausforderungen – vor allem zu Beginn, als die Impfstoffmenge stark schwankte und auf Basis verschiedener Erlasse des Landes NRW der Betrieb des Impfzentrums geregelt werden musste. Dabei habe sich bewährt, dass Solingen die Personalplanung, die eigentlich zentral bei der KVNO angesiedelt gewesen wäre, im Gegensatz zu vielen anderen Städten selbst übernommen habe. Es sei schnell klargeworden, dass es wenig Sinn mache, eine Personalplanung abhängig vom Impfstoff zwei Wochen im Voraus zentral anzumelden. Mit der Planung vor Ort habe man schnell reagieren können – eine Lehre aus den Tagen rund um Weihnachten 2020, als es zwar Impfstoff für die Heime gab, aber keine Ärzte zentral organisiert worden waren. Bis Solimed auf Bitten des Solinger Rathauses einsprang.

Einig waren sich alle, dass die Impfquote noch nicht ausreiche. NRW-weit, so aktuelle Zahlen, liegt die Impfquote der Über-60-Jährigen bei rund 90 Prozent. Bei den 18- bis 59-Jährigen sind 75 Prozent geimpft. An Schulen und anderen Bildungseinrichtungen laufen derzeit noch Impfaktionen.

Noch von 14 bis 20 Uhr kann sich heute jeder ohne Termin im Impfzentrum impfen lassen. Das Impfzentrum wird bis Ende Oktober zurückgebaut und an den Vermieter übergeben. Die Immobilie soll abgerissen werden, vor allem Wohnungen entstehen – die Stadt ändert dafür das Baurecht.

Hintergrund

Daten: Mobil geimpft wurde ab 27. Dezember, Start im Impfzentrum war am 8. Februar. Rund 141 000 Erst- und Zweitimpfungen wurden verabreicht (dazu rund 84 000 in Arztpraxen). Bis zu 1500 Menschen pro Tag wurden geimpft, bis zu 160 Mitarbeitende sorgten für reibungslosen Ablauf.

Standpunkt: Eine Erfolgsgeschichte

Von Björn Boch

bjoern.boch@solinger-tageblatt.de

Im Solinger Impfzentrum wurden sechs von zehn Impfwilligen geimpft. Das zeigt, welche herausragende Bedeutung das Zentrum für die Impfkampagne hatte. Doch nicht nur die Zahlen überzeugen. Auch die zahlreichen Leserbriefe ans ST, in denen die Organisation und Freundlichkeit im Impfzentrum betont und gelobt wurden, zeigen: Was im ehemaligen Kaufhof geleistet wurde, ist eine Erfolgsgeschichte. Dass bis zum Schluss noch um die 300 Impfungen verabreicht wurden, lässt aber die Frage aufkommen, ob das landesweite Aus für die Zentren nicht zu früh kommt. Klar, die Impfkampagne stockt, aber die Grippe-Saison steht vor der Tür, ebenso wie Dritt-Impfungen für vulnerable Gruppen. Und die Organisation, berichten Ärzte, ist noch nicht so einfach wie bei anderen Impfstoffen. Es ist daher gut, dass ein „Mini-Impfzentrum“ und mobile Angebote beibehalten werden. Den Arztpraxen kommt nun eine noch größere Bedeutung zu. Sollte das nicht reibungslos funktionieren, muss schnell reagiert werden.

Auch interessant: Tim Kurzbach: „Mehr Menschen sollten sich impfen lassen“

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