Mein Blick auf die Woche

Meinung: Fridays for future läuft - Mondays to work eher nicht

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
+
stefan.kob@solinger-tageblatt.de

Kartoffelbrei auf Kunst, aber keine Lust auf Handwerk? Diese Frage hat in dieser Woche in Solingen polarisiert. Personalmangel, Mindestlohn, Bürgergeld - ST-Chefredakteur Stefan M. Kob hat immer häufiger das Gefühl, dass beim Thema Fördern und Fordern zwei Welten aufeinander prallen.

Solingen. Manchmal kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass wir gar nicht auf einer Erde leben, sondern auf verschiedenen Planeten durchs All unterwegs sind.

In der einen Welt werden an allen Fronten, über alle Wege händeringend Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen gesucht. Längst nicht nur hochqualifizierte Fachkräfte (die vor allem auch), aber ebenso Menschen, die Post oder Zeitungen austragen, die Gäste im Restaurant bedienen, die Tankstellen offenhalten, die Busse, Taxis oder Lkw fahren, Brötchen verkaufen oder Supermarktkassen besetzen. Die Liste ist schier endlos und die Klage überall zu hören: Es sind keine Leute zu finden, die das tun wollen.

Jeder und jede, die das Glück hat, gesund zu sein und etwas tun zu wollen, hätte in Nullkommanix einen Job. Einen Job, der mit dem neuen Mindestlohn von 12 Euro schon gar nicht mal so schlecht bezahlt ist und auf den die Arbeitgeber in ihrer Not teilweise sogar noch draufsatteln.

Personal dringend gesucht - Personalmangel hat drastische Folgen in Solingen

Doch der Erfolg bleibt mäßig. Nach wie vor fallen regelmäßig Züge auf der S 7 aus, weil Personal fehlt. Die Deutsche Post musste erst in dieser Woche große Personalprobleme einräumen, die nicht nur zu verspäteter Briefzustellung in Solingen führen, sondern auch schon einmal zu bedenklichen Fehlzustellungen von sensiblen Briefen.  

Chef der Handwerk schlägt mit Schuss Polemik Alarm

Eine noch längere Durststrecke plagt das bergische Handwerk, denn da ist erst eine mehrjährige Ausbildung zu absolvieren, bevor man als Fachkraft in einem der zahllosen Gewerke sehr gutes Geld verdienen kann. Der Chef der hiesigen Kreishandwerkerschaft Arnd Krüger hat jetzt im Tageblatt Alarm geschlagen. Denn auch der Erfolg der Energiewende hängt nicht zuletzt ab von der Leistungsfähigkeit der entsprechenden Fachbetriebe, die mangels qualifizierten Personals keine Chance habe, die enorme Nachfrage zu befriedigen.

Warum junge Leute Kunstwerke mit Kartoffelbrei beschmieren, um für die Energiewende zu demonstrieren, aber keine Lust haben, im Handwerk aktiv bei der Umsetzung mitzuhelfen? Diese Frage von Arnd Krüger hat einen guten Schuss Polemik, denn Kartoffelbrei-Aktivist ist ja kein Vollzeitjob, und in den meisten Fällen dürften die Demonstranten auch noch einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen.

Fridays for future vs. Mondays to work

Außerdem lenkt die Frage von der Verantwortung der Firmenchefs ab, die jahrelang die Warnungen der Demografen für eine unsichere Wetterprognose gehalten und in den Wind geschlagen haben. Und doch ist die provozierende Aussage im Kern berechtigt. Denn es ist schon bemerkenswert, dass Fridays for Future keinen Mangel an motivierten jungen Mitwirkenden kennt, aber Mondays to Work kommt wohl nicht so doll. Die Energiewende wird aber scheitern, wenn niemand Solarplatten montiert, Dächer isoliert und Wände dämmt, Wärmepumpen installiert oder Wallboxen einbaut.  

Bürgergeld: Wir müssen diese kritische Diskussion führen!

Kommen wir zu dem anderen Planeten, auf dem eine sachliche Diskussion über das geplante Bürgergeld längst zu einer politischen Schlacht ausgeartet ist. Bei der geht es im Kern gar nicht mehr um die Sachfragen, wie man eine Balance hinbekommt zwischen der notwendigen Unterstützung Bedürftiger und fehlenden Anreizen, wann immer möglich einer bezahlten Beschäftigung nachzugehen. Die Gemeinschaft, die für das Ganze ja aufkommen muss, darf schon die Frage stellen, ob die geplante und umstrittene Bürgergeld-Reform den dramatischen Mangel an Arbeitskräften auf dem anderen Planeten nicht noch weiter verschärfen würde.

Hinter der Zahl von zwei Millionen Langzeitarbeitslosen, um die es geht, stecken sehr individuelle Schicksale. Die alleinerziehende Mutter mit drei Kindern, der 55-Jährige, der wegen einer schweren Krankheit seinen Job verloren hat - sie alle brauchen vorbehaltlos und klar definiert Hilfe für ein menschenwürdiges Dasein.   

Doch die arbeitslose, gesunde 20-Jährige, die Jobcenter-Termine sausen lässt, oder der 60-jährige, der sich ohne morgendliche Mühen mit Bürgergeld, Schonvermögen, Übernahme von Miete- und Energiekosten auf die Rente freut: sie alle wären auf dem Arbeitsmarkt des ersten Planeten hochwillkommen.  

Wer so argumentiert, so wird es einem von anderer Seite entgegengeschleudert, betreibt das Geschäft von AfD und anderen Radikalen. Falsch! Wer diese Diskussion nicht zulässt und nicht ehrlich führt, tut das. So bleibt nur die Hoffnung, dass sich die beiden Gestirne im Bundesrat wieder mehr annähern und die richtige Balance finden zwischen Fördern und Fordern. 

Diese Plus-Themen haben viele Leser interessiert in dieser Woche 

Der gute Geist der Cobra heißt für alle Dennis

Gewerkschaft der Polizei fordert größere Wache

Strom und Gas: Solinger verbrauchen deutlich weniger

Wolfram Püschel ist verstorben

Mann belästigt Kinder an Schulen - Polizei bestätigt mehrere Vorfälle

In Schnittert wächst der Frust über ständig geschlossene Schranken: Lenkt die Bahn jetzt ein? 

Solingen und Langenfeld wollen enger zusammenarbeiten. Dabei geht es auch um den geplanten Ausbau der A 3. 

Indizien und Rechtsgutachten im Prozess um tote Solingerin im Schwarzwald sähen Zweifel an der Version des Angeklagten: Familienvater soll sein Opfer minutenlang zu Tode gewürgt haben

Riesenärger und ein wachsender Schaden für die City: Wann wird das Parkhaus der Clemens-Galerien endlich wieder geöffnet? 

Was die fliegenden Kraniche für das Wetter bedeuten

Das könnte Sie auch interessieren

Unsere News per Mail

Nach der Registrierung erhalten Sie eine E-Mail mit einem Bestätigungslink. Erst mit Anklicken dieses Links ist die Anmeldung abgeschlossen. Ihre Einwilligung zum Erhalt des Newsletters können Sie jederzeit über einen Link am Ende jeder E-Mail widerrufen.

Die mit Stern (*) markierten Felder sind Pflichtfelder.

Meistgelesen

Solingerin bei Unfall in Haan verletzt
Solingerin bei Unfall in Haan verletzt
Solingerin bei Unfall in Haan verletzt
Viehbachsammler: Das ist der aktuelle Stand
Viehbachsammler: Das ist der aktuelle Stand
Viehbachsammler: Das ist der aktuelle Stand
Rurik Gislason von „Let‘s Dance“ verklagt Solinger Agentur
Rurik Gislason von „Let‘s Dance“ verklagt Solinger Agentur
Rurik Gislason von „Let‘s Dance“ verklagt Solinger Agentur
Weihnachtsmärkte in Solingen starten - Öffnungszeiten und Termine
Weihnachtsmärkte in Solingen starten - Öffnungszeiten und Termine
Weihnachtsmärkte in Solingen starten - Öffnungszeiten und Termine

Kommentare