Auf der Spur von Adolf Eichmann

Adolf Eichmann während seines Prozesses in Jerusalem.
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Adolf Eichmann während seines Prozesses in Jerusalem.

BIOGRAFIE Umfassende Arbeit über Nazi-Jäger Simon Wiesenthal. Seine Frau war als Zwangsarbeiterin in Solingen.

Von Jan Crummenerl

Es ist am Abend des 11. Mai 1960. Der unscheinbare Angestellte Ricardo Klement kehrt zu seinem Haus an der Garibaldistraße in einem Vorort von Buenos Aires zurück. An der Straßenecke warten zwei Fahrzeuge. Zwei Männer stürzen sich auf Klement, werfen ihn zu Boden und stoßen ihn in eines der Autos. Der Mann sieht keine Chance mehr und gibt zu: „Meine Name ist Adolf Eichmann.“ So wurde der gebürtige Solinger von Agenten des Mossad entführt, später als Flugbegleiter getarnt nach Israel gebracht. Dort wird dem zentral Mitverantwortlichen an der Ermordung von schätzungsweise sechs Millionen Menschen während der Nazizeit der Prozess gemacht. Am 31. Mai 1962 wird Adolf Eichmann bei Tel Aviv hingerichtet.

Haben die Behörden damals alles getan, um Eichmann zu fassen?

„Ich habe immer gesagt, er ist in Buenos Aires“, so Nazi-Jäger Simon Wiesenthal (1908 bis 2005). Erste und entscheidende Hinweise auf den Aufenthaltsort Eichmanns kamen von Wiesenthal. Über ihn - für die einen ein unermüdlicher Kämpfer gegen das Böse, für die anderen ein unversöhnlicher Störenfried - ist nun im Münchner Siedler Verlag die umfassende, erste aus Originalquellen erarbeitete Biografie des israelischen Historikers Tom Segev erschienen.

Die Episode um die Ergreifung des Solinger Verbrechers wirft ein Schlaglicht auf die Geschichte der 50er Jahre. Bereits 1953 weist Wiesenthal den israelischen Geheimdienst auf den Aufenthaltsort Eichmanns hin. Dessen Chef interessiert sich aber erst ab 1957 für den Fall. Weniger aus eigenem Antrieb, als auf Betreiben des Hessischen Generalstaatsanwalts Fritz Bauer, dem Ankläger der Frankfurter Auschwitz-Prozesse. Andere Behörden vermuten Eichmann im Orient.

Segev: „In dieser Phase drängt sich durchaus der Eindruck auf, die Geheimdienste und Strafverfolgungsbehörden Israels, der Vereinigten Staaten und der BRD hätten nicht alles in ihrer Macht Stehende unternommen, um Eichmann zu fassen.“ Vor diesem Hintergrund sei die eigentliche Bedeutung Wiesenthals hervorzuheben, der seine eingeschränkten Möglichkeiten nutzte, nach Eichmann zu fahnden.

Segevs Buch zeichnet nicht nur die faszinierende Lebensgeschichte Simon Wiesenthals nach, es ist auch eine brillante Beschreibung und Analyse eines der schwärzesten Kapitel der Geschichte und des anschließenden Umgangs damit. Simon Wiesenthal wurde in Galizien geboren, 1941 als Jude verhaftet. Sein Martyrium führte durch fünf Konzentrationslager, bis er 1945 von US-Truppen im KZ Mauthausen befreit wurde. Von da an widmete sich Wiesenthal, der schon früh eine oft propagierte Kollektivschuld der Deutschen ablehnte, der Verfolgung von verantwortlichen Nazi-Verbrechern, von denen er etliche aufspürte.

Fürchterliche Bedingungen in Solinger Munitionsfabrik

Aber nicht nur Eichmann verbindet Wiesenthal mit der Klingenstadt. Krieg und Verhaftung trennten ihn und seine Frau Cyla. Als nichtjüdische Polin getarnt und mit falschen Papieren ausgestattet, entkam sie zunächst der Festnahme und Deportierung. Im August 1944 jedoch kam sie in ein polnisches Zwangsarbeiterlager, um schließlich zur Arbeit in einer Munitionsfabrik in Solingen gezwungen zu werden, bis sie hier befreit wurde. Segev zieht die Eidesstattliche Erklärung Cyla Wiesenthals heran: Die Bedingungen dort waren fürchterlich. Ihre Gesundheit nahm bleibenden Schaden; bis an ihr Lebensende sollte sie kränklich bleiben.

Simon wie Cyla glaubten, dass der andere tot sei. Aber sie fanden sich doch. Segev: „Wiesenthal wusste die Geschichte ihrer Wiedervereinigung mit sehr viel romantischem Charme zu erzählen, es war eine seiner besten Geschichten.“ Tom Segev: „Simon Wiesenthal - Die Biographie“. Siedler Verlag München, 2010. Etwa 600 Seiten mit Abbildungen, gebundene Ausgabe, 29.95 Euro.

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