Mein Blick auf die Woche

Sportpark Weyersberg: Glaubt die Stadt an ihre Strahlkraft? 

stefan.kob@solinger-tageblatt.de
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Gerade bei Großprojekten ist es wichtig, die Bürger frühzeitig mit an Bord zu holen und vor allem ernstzunehmen. Nur so kommt am Ende aller Planungen nicht plötzlich das böse Erwachen, wie vor fünf Jahren bei der Theatertreppe oder es gerade erst in Remscheid beim Designer Outlet Center passiert ist, meint ST-Chefredakteur Stefan M. Kob.

Kommt nun – nach dem mit breiter Mehrheit gefassten Ratsbeschluss vom Donnerstag – ein Sportpark mit Multifunktionsarena am Weyersberg? Um im Bild des Sports zu bleiben: Bei dem 3000-Meter-Hindernislauf mit dem Ziel Eventarena haben Sportler beschlossen, sich demnächst für den Wettkampf aufzuwärmen. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Dabei scheint die Länge der Strecke und die Zahl der Barrikaden gewaltig. Und es ist nicht ausgeschlossen, dass der siegreich scheinende Schlussläufer am Ende doch noch über die allerletzte Hürde stolpert. Aber deshalb gar nicht erst antreten? 

Die Diskussionen in der Politik wie auch die Zuschriften in den Leserbriefspalten zeigen: Es formieren sich die Lager, die das Projekt entweder für größenwahnsinnig oder für genial halten. Das ist bei einem Vorhaben dieser Dimension – mindestens 50 Millionen Euro für eine Veranstaltungs- und Sporthalle für bis zu 8000 Besucher – vielleicht nicht anders zu erwarten. Ganz anders 30 Kilometer weiter westlich: Dort hat der Rat der Stadt Düsseldorf im Dezember den Neubau der Rheinoper beschlossen – für 750 Millionen Euro, also 15 Eventarenen. Eine Investition, die sich bestimmt nicht über den Ticketverkauf refinanziert. Es ist einfach die Frage, ob sich eine Stadt ein mutiges Leuchtturmprojekt zutraut. Oder nicht an sich und ihre Strahlkraft glaubt.  

Transparenz ist in lokalpolitischen Entscheidungsprozessen alternativlos

In Solingen scheitern dagegen schon Projekte, die die Stadt nicht mal einen Cent kosten. Wir erinnern uns schmerzhaft: Ein repräsentatives Entrée mit einer Freitreppe vor dem Theater und Konzerthaus wurde 2017 aufgrund eines drohenden Bürgerentscheids eingestampft. Damals hätte der städtische Kostenanteil bei null Euro gelegen. Stattdessen wurde eine grottenhässliche Zick-Zack-Rampe gebaut, die eher einem S-Bahn-Zugang gleicht. Die Posse ist gleichzeitig ein Menetekel, was passiert, wenn man den Bürgerzorn nicht ernstnimmt und kanalisiert – selbst wenn er nur von einigen wenigen geschürt wird. Daher ist die Initiative von Grünen und BfS/ABI für mehr Offenheit und Transparenz in lokalpolitischen Entscheidungsprozessen alternativlos, auch wenn mehr Bürgerbeteiligung als lästig und lähmend erscheint und die Wege noch länger macht. Sonst droht die Gefahr, dass die Stadt am Ende mit leeren Händen dasteht, obwohl sie zuvor doch scheinbar alles bedacht und gemacht hat. Gerade weil wir in Zeiten leben, in denen sich unsere Gesellschaft in einem Zustand der Dauererregung befindet, in dem sachliche Argumente erst gar nicht mehr durchdringen, stattdessen nur noch die Knüppel ausgepackt werden.

Um diese Gefahr zu erkennen, muss man nicht weit blicken. In Wuppertal formiert sich gerade ein Bürgerentscheid gegen die geplante Bundesgartenschau 2031. Zuvor hatten ebenfalls Bürger eine Seilbahn zwischen Tal und dem Grifflenberg zur Universität gestoppt. Und in Remscheid steht die Stadt immer noch geschockt und fassungslos da, nachdem es den Gegnern des geplanten Designer Outlet Centers gelungen ist, das 165-Millionen-Projekt mit juristischen Mitteln zu versenken: 10 Jahre Planung und Kosten von 16 Millionen Euro für die Katz’. 

Man stelle sich vor, ein Wahnsinniger käme heute auf die Idee, zwischen Remscheid und Solingen eine riesige Eisenbahnbrücke aus Stahl zu errichten. Der Proteststurm auf beiden Seiten der Wupper würde einen Mann wie Anton von Rieppel, den Erbauer der Müngstener Brücke, hinwegfegen. 125 Jahre später scheint es nicht einmal mehr möglich zu sein, einen Fuß- und Radweg in dieser Brücke anzulegen, ohne dass die Gegner eines solchen Vorhabens auf die Barrikaden gehen. Man muss kein Fan grenzenlosen Fortschrittsglaubens sein. Aber die Bereitschaft zu auch nur minimalen Veränderungen scheint heute Teilen der Bevölkerung komplett abhandengekommen zu sein. 

Deshalb, und aufgrund der Erfahrungen aus der Vergangenheit, sollten die Verantwortlichen im Rathaus und die Arenafans in den Parteien jetzt nicht nur auf Zahlen und Zuschüsse, Risiken und Optionen blicken, die mit den intensiven Untersuchungen auf den Tisch kommen. Sondern mindestens ebenso viel Energie darauf verwenden, die skeptischen Solinger – und seien sie auch nur eine kleine Minderheit, wie die FPD vermutet – auf die lange Reise mitzunehmen. 

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