Konzert

Sphärische Töne – wie aus dem Nichts

In Unterburg verbanden sich die Klänge der Glocken und eines Flügelhorns mit elektronischer Musik zu einem Surround-Sound-Erlebnis. Foto: Rouven Böttner
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In Unterburg verbanden sich die Klänge der Glocken und eines Flügelhorns mit elektronischer Musik zu einem Surround-Sound-Erlebnis.

Die kleine Kirche in Unterburg gibt einem ungewöhnlichen Konzert Raum.

Von Peter Klohs

Die Kirche in Unterburg ist nicht groß. Ein unter den momentan geltenden Corona-Regeln mit Gästen gefüllter Kircheninnenraum bedeutet, dass 50 Menschen anwesend sind. So war es am frühen Sonntagabend zum Konzert der beiden Musiker Christopher Collins und Juan Verdaguer.

Vor der Kirche verbreiten aufgestellte Kerzen, durch Gehäuse geschützt, Stimmung. Der an der Kirche liegende kleine Friedhof wirkt mit seinen halb verwitterten Grabsteinen unheimlich. Keine hundert Meter weiter rauscht die Wupper vorbei. In der Kirche stehen für die Musiker zwei Arbeitstische bereit, darauf warten Computer, ein Mini-Keyboard, Mischpult und andere undefinierbare elektronische Geräte auf ihren Einsatz. Dazu steht ein Didgeridoo bereit, daneben lehnt eine Trompete. Im Hintergrund, unmittelbar vor dem Altar, steht ein altes Radio auf einem Tisch.

Das Konzert beginnt mit Geräuschen wie aus einem Regenwald: Vögel oder kleine Affen rufen. Der Argentinier Verdaguer hat Zeit, die Grundstimmung der kommenden 45 Minuten aufzubauen. Sphärische Töne entstehen aus dem Nichts, eine Glocke gesellt sich hinzu, mehrere Tonschichten legen sich übereinander, alles rhythmuslos, alles schwebt, erste kleine Dissonanzen sind zu hören, es klingt, als sei Tangerine Dream, die bekannteste Gruppe der Berliner Schule, ins Mystische abgedriftet. Nach sechs Minuten erklingt ein Flügelhorn. Christopher Collings spielt es, beileibe nicht atonal, eher jazzig angehaucht. Der Musiker spielt von der Empore und bewegt sich langsam Richtung Kircheninnenraum, ohne sein Spiel zu unterbrechen. Der weiche Klang des Flügelhorns kontrastiert deutlich mit den jetzt etwas heftigeren Soundlandschaften, die Verdaguer entstehen lässt. Das Radio im Hintergrund geht an, Sprachfetzen bereichern die spontane Komposition, Geräuschsplitter.

Das Flügelhorn wird multiphon eingesetzt, auch Zirkulationsatmung spielt eine Rolle, Collings spielt mit seinem elektronisch erzeugten Echo. An der Kirchendecke entstehen Bilder, vier sich stetig verschiebende und überlagernde Schichten, Wälder, Ansichten von Schloss Burg, pulsierende Waben. Die vier in den Ecken des Kirchenraumes platzierten Lautsprecher erzeugen einen beeindruckenden dreidimensionalen Effekt.

Nach einer halben Stunde erklingen die Glocken

Durch die Töne der gesampleten Trompete entsteht kurz so etwas wie Rhythmus, der schnell wieder verweht. Das Didgeridoo kommt zum Einsatz, ein sonorer Tiefton, erzeugt durch Luft, die zugleich ein- und ausgeatmet wird. Verdaguer beugt sich zum Kollegen hinüber und spielt auf dem großen Instrument lautmalerische Percussion. Dann - nach mehr als dreißig Minuten - erklingen die Glocken in der Kirche. Fast unbemerkt ist Juan Verdaguer verschwunden. Er muss sie spielen, während Collings auf einer Piccolo-Trompete die Einzelstimme übernimmt und sie dank der Elektronik stark verfremdet. Das Konzert endet mit immerzu wiederholten Tönen der Trompete, die sehr langsam leiser werden.

Ein 45-Minuten-Trip durch Sounds und Melodien ist zu Ende, die neugierigen Ohren befriedigt durch diese spannende Musik. Die Pfarrerin der Unterberger Kirche, Almuth Conrad, sagt dazu: „Wir haben uns für die Zukunft der Burger Kirche vorgenommen, neue Wege zu gehen.“ Und der Vorsitzende des Presbyteriums, Manfred Jetter, ergänzt: „Die Kirche ist zwar denkmalgeschützt, aber sie ist kein alter Hut.“ Wohl wahr.

Die Künstler

Der 1980 in Argentinien geborene Juan Verdaguer versteht sich als Sound-Designer. Er lebt in den Niederlanden. Christopher Collings, 1977 geboren, hat klassische Trompete studiert und ist als freier Musiker und Komponist tätig.

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