Wahlheimat

Solinger verbringt Ruhestand in Marokko

Franz Krämer (rechts) lässt sich beim Friseur regelmäßig nass rasieren – traditionell mit dem Messer. Fotos: Krämer
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Franz Krämer (rechts) lässt sich beim Friseur regelmäßig nass rasieren – traditionell mit dem Messer.

Wegen der Corona-Krise reist Franz Krämer in diesem Jahr nicht nach Deutschland.

Von Anja Kriskofski

Solingen. Von seinem Haus aus habe er einen tollen Ausblick auf das Atlasgebirge, erzählt Franz Krämer. Der 71-Jährige verbringt seinen Ruhestand weder in seiner Heimatstadt Solingen, noch in Dortmund, wo er zuletzt arbeitete und wohnte. Er ist 2016 nach Marokko ausgewandert und hat in der Küstenstadt Essaouira ein neues Zuhause gefunden. „Ich bin knallgesund und fühle mich hier sehr wohl.“

Die Medina, die Altstadt von Essaouira, besucht Franz Krämer täglich, um einzukaufen und einen Kaffee zu trinken.

Krämer, Jahrgang 1949, ist an der Katternberger Straße aufgewachsen und besuchte die katholische Volksschule Weeg. Nach seiner kaufmännischen Ausbildung bei der Ohligser Schneidwarenfabrik Edmund Bergfeld & Sohn folgten berufliche Stationen in verschiedenen Branchen: So war er unter anderem Marketingleiter bei einem Langenfelder Getränketechnik-Hersteller, Verkaufsmanager bei einem Bürodienstleister und machte sich schließlich in Dortmund mit einem Verlag selbstständig. In die Ruhrgebietsstadt war er im Jahr 2000 gezogen.

Für die Rente sollte es jedoch etwas anderes sein. „Ich wollte für mich noch einmal eine Herausforderung haben mit einer fremden Kultur und Sprache.“ Die Wahl fiel auf Nordafrika. „Marokko fand ich von Anfang an schön.“ Das Klima an der Atlantikküste sei angenehm: „Zurzeit haben wir um die 30 Grad, und es weht immer eine Brise vom Meer.“ Zudem seien die Lebenshaltungskosten niedrig. Und Französisch, das in Marokko praktisch jeder spricht, beherrsche er inzwischen „einigermaßen fließend“.

Der gebürtige Solinger lebt in einem gemieteten Haus auf einem Hügel, vier Kilometer vom Meer entfernt. Jeden Vormittag fahre er von seinem Vorort aus in die Medina, die Altstadt von Essaouira, erzählt Krämer. „Dann trinke ich einen Kaffee und kaufe ein.“ Zu seinem Alltag zählen regelmäßige Besuche beim Friseur – für die Nassrasur mit dem Messer. Krämer fährt auch gerne an den Strand und genießt in einem Café den Blick aufs Meer. Essaouira ist ein Touristenort, in den im Sommer viele Marokkaner aus dem Landesinneren kommen.

In Franz Krämers Nachbarschaft spazieren auch schon mal Kühe über den Bürgersteig.

Der 71-Jährige fühlt sich in seiner Wahlheimat sicher. „Hier in Essaouira gibt es wenig Kriminalität.“ Bei der Einfahrt in die Städte gebe es Polizeikontrollen. In seiner Nachbarschaft lebten vor allem Marokkaner: „Es ist ein sehr angenehmes Wohnen. Die große Freundlichkeit der Menschen hier ist entwaffnend“, sagt Krämer. Der Auswanderer hat auch Kontakt zu einigen Landsleuten: „Ich habe hier einen engeren Kreis mit acht bis zehn deutschen Bekannten.“

„Ich bin knallgesund und fühle mich in Marokko sehr wohl.“

Franz Krämer, Auswanderer

Die Folgen der Corona-Pandemie sind auch in Marokko zu spüren. „Früher bin ich öfter nach Marrakesch gefahren.“ Das ist derzeit nicht möglich, weil die Regierung Reisebeschränkungen erlassen hat, um die Ausbreitung von Sars-CoV-2 zu stoppen. „Ab März gab es einen strengen Lockdown, man durfte nur für eine Stunde am Tag nach draußen“, erzählt Krämer. Österreichische Freunde, die ihn besuchten, hätten es Mitte März gerade noch geschafft, nach Europa zurückzufliegen. „Ich selbst habe in meinem Haus mit Innenhof wenig vermisst.“ Seit Juni seien Restaurants wieder geöffnet, in der Öffentlichkeit gelte Maskenpflicht.

Nach Deutschland kann Krämer wegen der Pandemie vorerst nicht fliegen. Die Grenzen sind geschlossen. Sonst besucht er einmal im Jahr unter anderem Schwester und Neffen in Solingen. „Ich muss jetzt auch nicht fahren.“ Etwas fehle ihm allerdings: Currywurst und Bratwurst von der Solinger Metzgerei Steimel.

Wahlheimat Marokko

Essaouira: Die Küstenstadt am Atlantik hat 85 000 Einwohner und liegt 175 Kilometer von Marrakesch entfernt. Die Stadtmauern, die die Altstadt umschließen, dienten in der dritten Staffel der Serie „Game of Thrones“ als Kulisse für die Sklavenstadt Astapor.

Coronavirus: Die weltweite Reisewarnung des Auswärtigen Amtes gilt auch für Marokko. Laut der amerikanischen Johns Hopkins Universität gab es bislang 42 489 Coronafälle in Marokko, 658 Menschen starben. Seit Anfang August steigen die Infektionszahlen wieder.

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