Montagsinterview

Solinger Dezernentin: Rückkehr in Schulen vorsichtig angehen

Schuldezernentin Dagmar Becker plädiert für eine langsame Lockerung in den Schulen und Kitas. Foto: Christian Beier
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Schuldezernentin Dagmar Becker plädiert für eine langsame Lockerung in den Schulen und Kitas.

Die Solinger Schuldezernentin Dagmar Becker (Grüne) über die schrittweise Wiedereröffnung.

Das Gespräch führte Simone Theyßen-Speich 

Frau Becker, wie würden Sie die aktuelle Situation an den Schulen einschätzen?

Dagmar Becker: Es ist absolut wichtig, dass es eine möglichst geordnete Wiedereröffnung der Schulen gibt. Ich finde, der Start ist unter den gegebenen Umständen gut gelungen. Die Schulleitungen haben sich viel Mühe gegeben und sich gute Konzepte überlegt. Die Schulen haben Hygienepläne, die mit dem Schulträger und dem Stadtdienst Gesundheit abgestimmt sind.

Wie weit kann die Stadt als Schulträger die Schulleitungen unterstützen?

Becker: Wir als Schulträger haben alles getan, um die Öffnung gut vorzubereiten. Am Gründonnerstag kam der Hinweis vom Land, am Karfreitag haben wir unter Federführung der Schulverwaltung mit dem Reinigungsdienst und dem Gebäudemanagement die notwendigen Absprachen getroffen. Wir machen da durchaus mehr als wir müssen, so reinigen wir in den Schulen beispielsweise zweimal täglich, wenn im Schichtbetrieb unterrichtet wird. Das wäre nach den aktuellen Vorgaben nicht erforderlich.

Reicht die Zeitspanne des Landes und des Schulministeriums, um Erlasse in den Schulen umzusetzen?

Becker: Das ist ein großer Kritikpunkt von uns als Stadt, von den Schulen und auch vom Städtetag. Der hatte appelliert, den Schulstart vom 23. auf den 27. April zu verschieben. Wir haben nach der Ankündigung des Landes am Gründonnerstag sofort losgelegt. Das war alles sehr knapp. Am vergangenen Dienstag gab es die Beschlüsse der Kulturministerkonferenz, die sind sehr allgemein, vieles ist noch unklar. Klar ist, dass die vierten Klassen am 7. Mai starten sollen. Wie es weitergehen soll, welche Jahrgangsstufe danach dran ist, das muss alles noch erarbeitet werden. Ich bin dabei sehr stolz auf die Kolleginnen und Kollegen. Die Stadtdienste Jugend und Schule arbeiten eng zusammen und alle sind bemüht, dass es klappt.

Die jüngste Mail des Landes kam am Donnerstagabend vor dem Feiertag am 1. Mai. Welche neuen Informationen gab es darin?

Becker: Am 7. Mai beginnt der Präsenzunterricht für die Viertklässler. Wenn es am 6. Mai endgültig so beschlossen wird, soll ab dem 11. Mai dann jeder Jahrgang der Grundschule, auch der Förderschulen mit Ausnahme der Wilhelm-Hartschen-Schule, einen Tag Unterricht pro Woche haben. So werden alle Kinder an jedem fünften Unterrichtstag beschult. Außer für Risikogruppen besteht Schulpflicht. Die Wochentage sollen fortlaufend wechseln, da die Feiertage berücksichtigt werden. Die Schulen werden für jeden Jahrgang einen Plan bis zu den Sommerferien ausarbeiten. Die Notbetreuung wird fortgesetzt und Kinder mit einem OGS-Vertrag, werden betreut. Für die weiterführenden Schulen gibt es noch keine Regelung.

Gab es Probleme, die Schulen mit Abiturjahrgängen und 10. Klassen ab dem 23. April ans Laufen zu bringen?

Becker: Der Start ist in allen Solinger Schulen gut gelaufen. Es ist toll, was viele Schulen geleistet haben. Markierungen wurden installiert, Abstandsregelungen und Bücherabholung organisiert. Geregelt werden musste auch, in welchem Schichtsystem gearbeitet wird, damit nicht alle Schüler zeitgleich zur Schule kommen.

Es gab auch Kritik bezüglich der Ausstattung. Wer war etwa zuständig, dass es Seife und Desinfektionsmittel in den Schulen gibt?

Becker: Vom Robert-Koch-Institut war klar vorgegeben, dass Wasser und Seife für die Hygienemaßnahmen ausreichen. Desinfektionsmittel ist kein harmloser Stoff, mit dem Kinder einfach so umgehen können. Das wird zudem in den Pflegeheime und Kliniken dringend gebraucht. Eine Klärung von der Bezirksregierung gab es erst am Abend des 23. April. Es gibt jetzt Desinfektionsmittel für den Fall, dass Wasser und Seife nicht vorhanden sind. Das stellen wir den Schulen zur Verfügung. Damit soll aber sehr zurückhaltend umgegangen werden. Spender sind zur Zeit nicht zu bekommen. Das Schulministerium hat eine Bezugsadresse angegeben, die Kontakte kannten wir aber schon.

Würden Sie sich eine Maskenpflicht in den Schulen wünschen?

Becker: Im Öffentlichen Nahverkehr ist das Tragen des Gesichtsschutzes sinnvoll. Jeder sollte deshalb auch eine „Alltagsmaske“ haben. In den Schulen müssen die Schulkonferenzen entscheiden, ob Lehrer oder Schüler Masken tragen sollen. Vorschreiben möchten wir das nicht. Manche Lehrkräfte fühlen sich sicherer mit Maske, andere stört sie beim Unterrichten.

Wie viele Jahrgänge sind in den Schulen bei der aktuellen Teilung der Klassen platzmäßig zu beschulen?

Becker: Aus meiner Sicht kann in den meisten Schulen bei den jetzigen Abstandsregeln noch ein Jahrgang dazukommen, dann wird es mit Blick auf Räume und Kapazitäten von Lehrkräften eng. Die Schulen müssen ja auch noch die Notbetreuung stemmen.

Denkt die Stadt über andere Gebäude nach, damit sich Schulen ausbreiten können?

Becker: Die Stadt hat keine zusätzlichen Gebäude-Kapazitäten mehr. Die Krahenhöhe ist mit Klassen des Gymnasiums Schwertstraße belegt. Das Gebäude am Rennpatt wird von der Schule Uhlandstraße gebraucht, das Gebäude Wahnenkamp ist mit Mildred-Scheel-Schülern belegt. Für die Schulen wären mehrere Standorte zudem eine zusätzliche organisatorische Belastung. In dieser Hinsicht ist auch noch niemand an uns herangetreten.

Aus Ihrer persönlichen Einschätzung – welche Jahrgänge müssten als nächste zurück in die Schulen?

Becker: Das ist eine schwierige Abschätzung. Klar ist, dass die vierten Klassen kommen. In der Rahmenvereinbarung steht, dass auch Kinder, die Förderung benötigen, berücksichtigt werden sollen. Das ist sinnvoll und notwendig. Es sind auch nicht alle digital gut ausgestattet. Die sollten über Präsenzangebote unterstützt werden. Nachvollziehen kann ich, dass dann an die Klassen gedacht wird, die nächstes Jahr Abschlüsse machen, also Q1 und 9. Klassen. Grundsatz ist aber auch, dass nach und nach alle partizipieren sollen. Aus gesundheitlicher Sicht hätte ich mir gewünscht, dass noch mehr Zeit gelassen wird. Aber die Probleme der Betreuung und der fehlenden sozialen Kontakte sehe ich natürlich auch. Die Öffnung muss Schritt für Schritt und gut geplant passieren.

Ist es denkbar, die Klassen oder Klassengruppe zeitlich versetzt oder abwechselnd tageweise zu beschulen?

Becker: Diese Modelle der rollierenden Systeme sind sinnvoll. Anders geht es nicht. Es wird bestimmte Tage für bestimmte Jahrgangsstufen geben. Anders ist es nicht möglich, wenn bis zum Sommer alle Schüler wieder zur Schule gehen sollen. Das ist eine große Herausforderung für die Planungen in den Schulen. Die Lehrer können dann auch im Gespräch herausfinden, wie das digitale Arbeiten zu Hause läuft. Die 500 Millionen Euro bundesweit für die digitale Ausstattung von bedürftigen Schülern sind eine kleine Hilfe.

Was passiert, wenn es bei den wachsenden Schülerzahlen in den Schulen einen Infektionsfall gibt?

Becker: Das ist leider überhaupt noch nicht geklärt. Das müsste dann der Stadtdienst Gesundheit entschieden, aber dazu muss es dringend eine Regelung vom Land geben.

Was halten Sie von dem Vorhaben, als nächstes die älteren Kita-Kinder zurück in die Einrichtungen zu holen?

Becker: In den Kitas muss man schauen, wer am dringendsten Betreuung braucht. Wenn jetzt wieder mehr Lehrer, die selbst Kinder haben, in den Schulen präsent sind, wird der Betreuungsbedarf in den Kitas steigen. Auch da werden die Kapazitätsgrenzen schnell erreicht sein. Zu all diesen Fragen gibt es regelmäßige Gespräche mit den Kita-Trägern.

Zur Person

Dagmar Becker (Bündnis 90/Die Grünen) ist 59 Jahre alt. Seit 2016 ist sie Schuldezernentin der Stadt Solingen.

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